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"Nachricht vom Feind": Im Kampfmodus: Marterias Ehefrau Jadu fährt auf ihrem neuen Album schwere Geschütze auf

Jadu Laciny ist die Ehefrau von Rapper Marteria. Sie hat ein Album veröffentlicht, auf dem ihr Name in Frakturschrift steht und sie übers Marschieren singt, über Blitzkriege und Todesstreifen. Darf man das?

Sängerin Jadu

Sie liebt es, zu provozieren: Sängerin Jadu

Da rast diese zarte Frau mit dem Faible für Militärjacken in einem schlammgrünen Mercedes Wolf namens Wolfram, so einem richtigen Spritfresser, durch Berlin. Ein Koloss von Auto, bei dem die Männer den Daumen zeigen an der Ampel und die Frauen lachen. Und dann fällt ausgerechnet in der Silvesternacht der Tankdeckel ab und sie brettert durch raketenverhangene Straßen, ständig knallt es irgendwo. Gefahr? Relativ. Jadu Laciny heißt diese Frau, die obendrein ihren Namen in Fraktur auf ihr Debütalbum schreibt und darauf übers Marschieren singt, über Blitzkriege und Todesstreifen. Die Tracklist führt zu Herzklopfen, so sehr fürchtet man derartiges Kriegsvokabular in diesen volatilen Zeiten. Ist das Kunst? Kalkulierte Provokation? Darf man das? Soll man das?         

Für die meisten nur ne finstere Gestalt         

Bald erklingen diese Stiefel auf Asphalt         

Ich hab Ausdauer kann tagelang marschiern       

Ich hab nichts mehr zu verlieren

Jadu Laciny trägt natürlich eine Militärjacke an diesem Tag. Eine, die so auch in der Einkaufspassage auf der Stange hängt, aber Uniform ist Uniform für sie, andere Klamotte, andere Haltung. Sie sagt: "Ich mag diesen Kontrast. Du siehst mich als Person und erwartest etwas völlig anderes. Du siehst mich und stempelst mich ab, aber schaust erst gar nicht, was dahinter steckt."

Jadu Laciny: Sado-Maso-Anspielungen statt Soul

Laciny ging es schon so oft so. Wenn sie bei einem Rammstein-Konzert schief angeguckt wird und jemand sagt: Krass, du hörst solche Musik? Wenn Menschen von ihr erwarten, dass sie super tanzen könne, tanz doch mal, "kann ich nicht"; whitneyhoustonmäßig singen könne, "meine Stimme ist ziemlich limitiert"; sie doch besser dran sei, wenn sie Hip Hop mache, oder Soul. Ihre Musik könne man nicht verkaufen, das verstehe doch niemand, sagten die Plattenfirmen. Laciny wollte aber keinen Hip Hop machen, sie wollte Streicher und düstere Gitarren und Marschrufe und Sprechgesang kombinieren, wollte die Melodien auch mal bis zum kreischenden Crescendo hinaufjagen, wollte Sado-Maso-Anspielungen und Worte verwenden, die es nur selten in Popsongs schaffen.

Sie war es also leid und gründete ihr eigenes Label. Ihr Debüt nannte sie "Nachricht vom Feind" und sagt, es sei ein Album über die Liebe, die eben auch mal schief gehen kann. Über die Liebe wollen sie alle singen, nur suchen die meisten nach blumigen Worten, oder, wenn es um Leid geht, nach oft gehörten Metaphern. "Von diesen Liedern schreib ich dir fünf am Tag, das ist ja keine Kunst", sagt Laciny. 

Irgendwann mal las sie, dass Menschen in schwierigen Zeiten lieber bekömmliche Musik hören. Schaltet man das Radio an mit diesem Gedanken im Hinterkopf, fürchtet man, Deutschland sei in einer tiefen Krise, würden jetzt manche sofort so unterschreiben, aber vielleicht sollte man der Musik da nicht allzu viel Bedeutung beimessen. Laciny hält es eher so: Frei nach Warhol ist es ihr lieber, wenn Menschen 15 Minuten über ein Lied diskutieren und sich vielleicht aufregen. Dann habe sie es geschafft.

Auch mit ihrem Mann hat sie viel über dieses Album diskutiert, mittags in der Küche oder abends im Bett, passiert natürlich unweigerlich, unter Eheleuten. Und erst Recht, wenn der Mann auch Musiker ist, ein sehr bekannter obendrein: Marteria, ein Rapper, ein Chartstürmer. Was ihre Musik eint, ist ausschließlich die Sprache. Jadu ist nicht "die Frau von", will auch nicht bloß "mehr als die Frau von" sein. Sondern eine eigenständige Künstlerin.

Warum Jadu den absolut militanten Weg wählen muss, Texte, in denen Morgensternketten baumeln und depressive Menschen in ihrem persönlichen Todesstreifen stehen und Liebe sich auch mal in blauen Augen ausdrückt? Songtexte, die sie hauptsächlich aus  ihrem Leben und dem von Freunden destillierte – und selbst von einigen unter ihnen die Reaktion bekam: Das geht gar nicht.

Doch neben dem Motiv der Provokation habe diese Metaphorik auch mit ihrem Leben zu tun, sagt sie. Das habe sich schon immer wie ein Kampf angefühlt. "Ich musste mich doller beweisen als andere". In der Schule, damals, niedersächsische Provinz, war sie das einzige afrodeutsche Mädchen, hörte obendrein Marilyn Manson und trug schwarze Kleidung. Lehrer schämten sich nicht, auch mal Neger zu sagen. Später ging sie nach Berlin, auch, um in der Masse unterzutauchen. Sie machte mal hier einen Job und mal dort. Spielte Komparsenrollen und Gitarre bei Chefket, einen Sommer lang. Zuletzt arbeitete sie als Immobilienmaklerin. Immer wieder durchlebte sie selbst depressiven Phasen. Auch das ein Thema, das sie einem Song verarbeitet hat, weil sie findet, dass man darüber reden kann und muss, ohne Scham. 

Wieder mal aufs Kriegsfuß mit dir selbst,     

kein Kamerad da, der dir hoch hilft wenn du fällst     

Ich steh schon längst im Todesstreifen 

Die vergangenen Jahre betrachtet sie auch als Findungsphase für ihre Musik, zuvor hätte sie nicht die Lebenserfahrung, das Selbstbewusstsein gehabt, so etwas zu schreiben. Was wäre denn eigentlich los, die Frage kommt ja irgendwie unweigerlich auf, würde jetzt eine blonde, biodeutsche Frau diese Songs singen? Wahrscheinlich wäre die Hölle los. Jadu weiß das natürlich, "Motto: ich kann es mir erlauben, weil ich so aussehe." Aber auch das zahlt in die Kategorie ansehen und abstempeln ein. Und die spielt Laciny für sich aus.

Sie kann keine Noten lesen, schreibt ihre Songs nach Gehör. Sie spielt Melodien mal auf Gitarre ein, mal auf Klavier, die Streicher lässt sie sich von einem Computerprogramm schreiben. Als sie drei Songs mit einem Orchester aufnehmen wollte und der Dirigent sie nach Noten fragte, musste sie passen. Schlussendlich schrieb der Dirigent ihr und seinem Orchester ein Notenbuch.

Es gibt da ein Lied, das besonders irritiert, darin beschreibt sie die Beziehung zwischen Adolf Hitler und Eva Braun. Spätestens an diesem Punkt sind vermutlich einige Hörer auf Zinne. Warum denen eine Plattform bieten? Sie findet, in der Beziehung stecke viel von dem, was damals passiert sei. "Es fängt so lieblich an und endet in einer Katastrophe." Sobald du deinem Verführer verfällst, dich nicht mehr hinterfragst. Eine Warnung, auch für heute.

"Ich habe keine Angst vor Konfrontation"

Dabei sagt Jadu, sie habe kein politisches Album machen wollen, keines mit direkter Message. "Die Leute sollen und dürfen das selbst einordnen." In einem Video inszeniert sie sich als Jägerin, köpft einen Mann, ihre Trophäe, und wieder Waffen. Militanter Feminismus? War so nicht mitgedacht, das sei eben das, was aus ihr heraus spreche. Für sie sei es selbstverständlich, dass Frauen diese Motive genauso nutzen können wie Männer.

Aber diese Sprache, Uniformen, Waffen, Kriegsmetaphern, ist das, Kunstfreiheit und Denkanstoß hin oder her, nicht gewaltverherrlichend? Jadu findet nein. "Ich habe aber auch keine Angst vor Konfrontation."  Sie ist Waffengegnerin, aber im Sportschützenverein. Die Welt ist nicht immer linear, sie ist oft ganz schön vertrackt.  Laciny ist es auch. Das ist ein Risiko, keine Frage. "Die Künstler, die ich gut finde, werden am laufenden Band falsch verstanden." Aber manchmal lohnt sich das Risiko mehr als der sichere Weg.