Kate Nash Das Mädchen von nebenan


Kate Nash ist 20, lebt bei ihren Eltern in einem gutbürgerlichen Londoner Vorort und gibt sich bodenständig. Dabei wird sie in England bereits als Newcomerin des Jahres und kommender Superstar des Pop gefeiert.
Von Malte Krebs

Kate Nash sitzt ganz hinten im Bus, da, wo die Coolen immer sitzen. Nur ist das hier nicht der Schulbus auf Klassenfahrt, sondern ihr Tourbus. Die 20-Jährige ist auf ihrer ersten Deutschland-Tournee. Mit ihrer Ponyfrisur, dem weiten Kleid und ihrem Mädchen-Charme ist sie eigentlich das Gegenteil von cool. Dennoch wurde sie gerade vom Musikmagazin "NME", Englands berüchtigter Hype-Maschine, auf Platz sieben der "Cool List 2007" gewählt - immerhin einen Platz vor Amy Winehouse.

Kate Nash verkörpert einen neuen Star-Typ im englischen Pop: normal, direkt und ohne Allüren. Ihre Debütsingle "Foundations" hielt sich in England wochenlang in den Top Ten der Single-Charts, das Album "Made of Bricks" hat inzwischen Platin-Status. Auf der Insel gilt sie als Newcomerin des Jahres. Nun soll Europa erobert werden. Nach Auftritten in Paris und Brüssel musste ihr Konzert in Amsterdam in eine größere Halle verlegt werden, die Clubtour in Deutschland war schon lange vorher restlos ausverkauft.

"Ich bin kein Popstar - ich bin aus Harrow"

Unbeeindruckt und betont bescheiden zeigt sich Kate Nash von dem, was in den letzten Monaten mit ihr passierte. "Dafür hab ich immer noch keine richtige Erklärung. Wahrscheinlich wollten die Leute einfach mal jemanden haben, der ein kleines bisschen echter ist - nicht das übliche Pop-Pauschalangebot". Jedenfalls sieht sie sich nicht als Popstar im klassischen Sinn, eher als Mädchen von nebenan.

Gerne erzählt sie, dass sie aus Harrow kommt, einem beschaulichen Vorort im Nordwesten Londons mit adretten Reihenhäusern und Vorgärten. Dass sie noch bei ihren Eltern, einer Krankenschwester und einem Computerspezialisten, wohnt. Familie und Freunde sollen bei ihrem rasanten Aufstieg für die nötige Bodenhaftung sorgen. Die Mutter begleitet sie bei TV-Auftritten, die Schwester macht die Pressefotos, ihr bester Freund kümmert sich um die Grafik. "Manchmal schläft ein Kumpel im Tourbus, Freunde von mir waren bei den Aufnahmen im Studio, ich organisiere Backstage-Pässe für Festivals, setze sie auf Gästelisten, so was halt - das ist wichtig für mich." Und für die Freunde, damit die ihr jetziges Leben noch nachvollziehen können. "Letztlich bescheißt du dich selbst, weil du ganz schnell einsam wirst. Und wenn dann die Krise kommt, wird niemand mehr da sein, der weiß, was bei dir los ist, der dich versteht und dir hilft." Dass sie bereits am Beginn ihrer Karriere an das Ende denkt, passt zu der morbid-melancholischen Welt ihrer Musik.

Die fabelhafte Welt der Kate Nash

Ungeschliffen, aber leidenschaftlich nennt Nash ihre Lieder über die alltäglichen Querelen mit der Liebe und dem Leben, die sie in ihrem heimischen, diverse Silben verschluckenden Cockney-Akzent vorträgt. Dazu begleitet sie sich auf dem Klavier, spielt live Akustik-Gitarre. Inspiration zu ihren skurrilen Songs holt sie sich bei Tim-Burton-Filmen oder den schwarzhumorigen Romanen eines Roald Dahl. "Ich liebe Figuren, die irgendwie anders sind, die sich nicht einpassen und ihr eigenes, fantasievolles Leben führen."

"Das wahre Leben" nennt sie das in aller Bescheidenheit, "offenbar können sich die Leute damit identifizieren". Es sind alltägliche Geschichten über verfahrene Liebesbeziehungen, in denen man sich gegenseitig fertig macht ("Foundations"), über Liebeserklärungen von schüchternen Jungs ("Birds") oder über die obskure "Mariella", die sich den Mund zuklebt und lieber alleine bleibt. "Ich habe das Lied geschrieben, als ich selbst sehr laut, direkt und impulsiv war und immer alles so gesagt habe, wie ich es meinte. Da habe ich mich manchmal um Kopf und Kragen geredet und mir hinterher gewünscht, ich hätte nie den Mund aufgemacht."

In "Dickhead" lässt sich Nash über Arschlöcher und Schwachköpfe aus, die einem das Leben schwer machen. Eigentlich ist diese Beleidigung für testosterongesteuerte Männer reserviert, doch bei ihr war es ein Mädchen: "Die hat mich in der Schule ständig terrorisiert - als Revanche hab ich ihr dieses Lied gewidmet. Mädchen würde man nicht als 'Bastard' beschimpfen, Jungs nicht 'Bitch' - aber 'Dickheads' sind sie letztlich alle". Und von denen gibt es ihrer Meinung nach besonders viele im Musikbusiness.

"Die Leute sind es leid, sich immer wieder den gleichen Schrott anzutun - sie wollen nicht mehr gesagt bekommen, was sie hören und wie sie sich anziehen sollen". Gegen die gängigen Marketing-Inszenierungen setzt sie ihre verspielten Singer/Songwriter-Lieder: "Musik sollte Soul haben - und Grundsätze" sagt sie und freut sich darüber, dass nun in England immer mehr "normale Menschen" Erfolg haben und sich austoben können.

Das Innere der Maschine

Der Erfolg kam bei Kate Nash sehr schnell - durch einen schlichten Eintrag im MySpace-Netzwerk: ein Foto, vier Songs zum Reinhören und dazu die aktuellen Termine und Gigs. Bei MySpace wurde auch Lily Allen auf Nash aufmerksam, nahm sie in ihre Freundesliste auf und brachte durch eher beiläufige Kommentare die Karriere ihrer Kollegin voran. Der Sängerin blieb kaum Zeit, das alles zu verdauen. "Ich weiß auch nicht, offenbar kennen sich die Leute ziemlich gut mit dem Internet aus." Plötzlich meldeten sich auch Promoter bei ihr, sie konnte in angesagten Londoner Clubs auftreten und schließlich einen Plattenvertrag bei einer großen Plattenfirma abschließen.

"Ich will ins Innere der Maschine, um da einige Mechanismen zu verändern", sagt die 20-Jährige und wirkt dabei kein bisschen überheblich. Gemeinsam mit Kollegen wie Jack Peñate, Peggy Sue & The Pirates oder den Maccabees ist Kate Nash Teil eines alternativen Netzwerks junger britischer Künstler, das sich nicht um die gängigen Spielregeln der Musikwelt kümmert. "Es geht darum, gemeinsam nach oben zu kommen, sich gegenseitig Chancen zuzuspielen." Entsprechend spielen Freunde, mit denen sie noch Anfang des Jahres durch kleine Pubs tingelte, heute als Vorbands bei ihren Konzerten.

Ihre Fans sind größtenteils Teenies, die nun die Indie-Szene für sich entdecken. "Ich habe jetzt eine riesige Plattform, auf der ich über Dinge sprechen kann, die mir wichtig sind." Und die Londonerin hat gleich ein ganzes Bündel an Themen, das sie ihren jungen Fans vermitteln möchte: "Ich will jungen Mädchen zeigen, dass sie nicht magersüchtig sein müssen, dass man eine Meinung haben und diese auch vertreten sollte und dass man sich von niemandem etwas sagen lassen muss."

Bei all ihren unverhofften Möglichkeiten wird ihr schon manchmal schwindelig. Daher will sie vorerst bei ihren Eltern in Harrow bleiben, auch wenn dort der Platz langsam eng wird. "Momentan bin ich praktisch ständig auf Tour, nächstes Jahr wird das eher noch mehr - da ist es dann schön, wenn man bei seiner Familie einfach auf dem Bett kollabieren kann."


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