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Mimi Müller-Westernhagen: "Ich will keine Wurstfrau sein"

Zuerst war sie im deutschen "Playboy" zu sehen, dann im "Twilight"-Soundtrack zu hören. Ansonsten ist Mimi vor allem eines: die einzige Tochter von Marius Müller-Westernhagen. Und jetzt geht sie auch noch auf Tour. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Ein Treffen.

Von Sophie Albers

Auf den ersten Blick wäre es ganz einfach, sie als professionellen Nachwuchs abzutun. Mimi ist die Tochter der 80er-Jahre-Ikone Marius Müller-Westernhagen, was bei allen Meldungen über die in London geborene und aufgewachsene junge Frau sofort klargestellt wird. Ihre erste in Deutschland wahrgenommene Amtshandlung war es, sich für den "Playboy" auszuziehen. Da war sie 22. Dazu gab es ein paar Interviews, in denen sie nach Großstadthippie klang, obwohl sie doch in einer Punkband spielte. Nun ist sie 25, hat ein Soloalbum aufgenommen, von dem ein Song auf dem letzten "Twilight"-Soundtrack zu hören war, und geht auf Tour.

Von weitem sieht Mimi Müller-Westernhagen perfekt nach Berlin-Mitte aus: Vintage-Sommerkleid am fragilen Körper, niedliches Keira-Knightley-Gesichtchen, falsche Wimpern am unteren Lidrand (wegen Twiggy), abgestoßener bunter Nagellack, herausgewachsener Jean-Seberg-Kurzhaarschnitt.

Auf den ersten Blick, von weitem.

Nimmt man sich die Zeit, die Schlüsselreize, auf die derzeit alles so Lady-Gaga-mäßig reduziert wird, genauer zu betrachten, entdeckt man ein kleine, ganz eigene kreative Welt, in der der berühmte Papa nur im Hintergrund herumturnt, und die - entschuldigen Sie den altmodischen Ausdruck - bezaubert.

Die "Playboy"-Nummer

Fangen wir mit dem krassesten Punkt auf dem Gaga-Meter der Aufmerksamkeit an - und der kommt weit vor dem eigenen Album: die "Playboy"-Nummer. Was treibt eine intelligente junge Frau mit Talent dazu, sich für die berühmteste aller Wichsvorlagen auszuziehen? Die Wurst sei schuld, erklärt Mimi und lacht ein sehr schönes, leichtes Lachen. "Ich hasse diese geairbrushten Bilder von nackten Frauen, die aussehen wie feiste Frankfurter Würstchen. Aber ich denke auch, du kannst nicht dasitzen und kritisieren, ohne bereit zu sein, deine Version von sexy zu zeigen. Also habe ich gesagt, wenn ich es wirklich auf meine Art machen kann, dann könnte es gehen. Ich bin nie ganz nackt und habe Männerklamotten an. Die Bilder sind old-school-Film-Noir-sexy."

Da Mimi sehr große rehbraune Augen hat, fragt man sich, ob sie wirklich glaubt, dass irgendjemandem aufgefallen ist, dass sie keine "Wurst" ist. "Die Bilder haben nichts verändert, das weiß ich. Aber ich mag sie immer noch, weil sie ganz anders sind als die der Wurstfrauen, die die Männer offensichtlich so sehr mögen."

Männer

Womit wir beim zweiten Gaga-Thema wären: Männer. Mimi singt in einer spannenden Folk-Elektro-Mischung, die manchmal sogar nach erdigem Country klingt, von Gefühlen. Ihr Tagebuch, nennt sie es. Herz bricht, verzweifelt, schöpft Hoffnung, träumt. Die Stimme ist wirklich außergewöhnlich, glitzert dunkel, berührt und verspricht Authentizität. Wenn Mimi doch um die Wurstfrauen weiß, wie kann sie dann so naiv romantisch sein?

"Weil ich stur romantisch bin", sagt sie. "Ich glaube immer noch, dass es den perfekten Gegenpart für jeden da draußen gibt. Einer, der keine gruselige Wurstfrau will! Der mich so will, wie ich bin. Daran musst du doch glauben! Vor allem als Künstler musst du naiv bleiben, sonst verlierst du die Fähigkeit, etwas zu schaffen ohne nachzudenken. Sonst wird es zu technisch." Kunst, die zu kompliziert ist, langweile, sagt Mimi in poshem Englisch. Deutsch kann sie nicht. Dazu war Papa zu selten da.

Der Vater

Gaga-Thema Nummer drei: der publicityträchtige, Türen öffnende Vater. Vor eineinhalb Jahren, nachdem Mimi versucht hat, den "Playboy" zu revolutionieren, hat Marius Müller-Westernhagen im stern-Interview gesagt, dass er Angst um sein Kind habe, "dass die Medien aus ihr eine Art It-Girl machen. Dass sie ohne eine Leistung über Partys stolziert und durch Klatschspalten geistert". Eine laut Mimi komplett unbegründete Angst, denn sie habe noch nie Lust auf Partys gehabt. "Ich bin lieber zuhause geblieben, habe gemalt, einen Song geschrieben oder mit meinen Katzen gespielt." Vor allem ihre Mutter, die Fotografin Polly Eltes, habe das gewundert, die früher als Model und Schauspielerin ein deutlich wilderes Leben geführt hat. Deren Beziehung mit Westernhagen war eine kurze.

"Ich glaube, diese Eltern, die Acid genommen haben und auf Festivals herumgesprungen sind, sind ein Problem für meine ganze Generation. Wie soll man sich da absetzen? Rebellieren?" Vielleicht eine Banklehre? Mimi lacht. "Es war wohl meine Art der Rebellion, eben nicht auf Partys zu gehen, keinen Alkohol zu trinken, nicht zu rauchen, keine Drogen zu nehmen. Zu sagen: Ich muss nicht Rock'n'Roll sein. Das, was ich tue, tue ich nicht, um cool zu sein. Das, was ich tue, tue ich, um ich zu sein."

Dieses Selbstbewusstsein, das Mimi zuweilen in mädchenhafte Schüchternheit und naiven Augenaufschlag verpackt, wurde ihr in einem Frauenhaushalt mitgegeben. Bestehend aus Mutter und Großmutter. Und in diesem Haushalt ging es vor allem um Kreativität. Früher gab es keinen Fernseher, es wurde gebastelt, erzählt Mimi. Klamotten wurden selbst genäht. Das sei heute noch so, sagt sie und zeigt ihr Kleid vor. Damals habe sie ganz wenig von ihrem Vater gehabt, "aber jetzt ganz viel", so die 25-Jährige. Sie habe jedoch niemals das Gefühl gehabt, dass er nicht für sie dagewesen wäre, wenn sie ihn gebraucht hätte. "Er wäre sofort gekommen! Aber ich war glücklich in meinem verrückten kleinen Hippiehaushalt!"

Glücklich ist Mimi auch heute. Auch weil der Vater, über den in Deutschland alle reden wollen, kein Thema mehr ist, sobald sie das Land verlässt. "Da habe ich echt Glück gehabt. Anders als Coco Sumner [die Tochter von Sting, Anm.d.Red.] oder der Sohn von David Bowie. Aber wissen Sie was, ich will mir nicht zuviel Gedanken darüber machen, wie ich wann auf wen wirke. Sonst werde ich auch eine Wurstlady."

Mimis Debütalbum "Road To Last Night" ist ab sofort im Handel erhältlich. Ende Juni geht sie auf Deutschland-Tour:
28. Juni, Lübeck
29. Juni, Münster
30. Juni, Hamburg
1. Juli, Berlin
2. Juli, Bremen
4. Juli, Köln
5. Juli, Stuttgart
6. Juli München
7. Juli, Frankfurt