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Minnie Driver im Interview: Hungriges Doppeltalent

Mitte der 90er Jahre galt Minnie Driver als heißester Brit-Import in Hollywood. Doch trotz Oscar-Nominierung und Hauptrollen blieb der ganz große Durchbruch aus. Dass die Schauspielerin auch eine sehr passable Songwriterin ist, wissen nur wenige. Mit "Seastories" legt Driver nun ihr zweites Album vor.

Von Olaf Schneekloth

Eben noch hat sich Minnie Driver über eine Bratwurst hergemacht. Jetzt lässt sie sich in ihrer Suite im Hamburger Hyatt Hotel in einen Sessel sinken und isst Schokolade. "Ich bin schwanger", entschuldigt sie sich mit vollen Mund. Was sie sagt, versteht man kaum, was sie meint, sieht deutlich. Unter ihrem schwarzen Sommerkleid wölbt sich eine gewaltige Kugel. Die 38-Jährige, die mit ihren hohen Wangenknochen, langen Locken und tiefliegenden Augen ein wenig an die junge Cher erinnert, macht einen leicht erschöpften, aber rundum gelassenen Eindruck. Sie scheint mit sich und der Welt zufrieden.

Dazu hat sie auch allen Grund: Im August kommt ihr erstes Kind zur Welt. Ihr anderes Baby, das Album "Seastories", erscheint am 25. Juli. Und mit der Schauspielerei läuft es auch wieder ausgezeichnet. Ihre Rolle in der schwarzhumorigen US-Hitserie "The Riches", in der sie die eine Hälfte eines Betrügerpaars spielt, hat ihr gerade eine Emmy- sowie eine Golden-Globe-Nominierung eingebracht. Ein neuer Kinofilm ist im Kasten, passender Titel der Komödie mit Uma Thurman: "Motherhood" (Mutterschaft).

Derzeit ist Driver in Europa unterwegs, um für ihre andere Karriere zu werben. Aber eine Schauspielerin als Sängerin? Da schrillen erstmal die Alarmglocken. Das haben schon viele versucht - meist, wenn die Rollenangebote ausblieben. Driver kann von diesem Vorurteil ein Liedchen singen. "Als wir mein Debütalbum 'Everything I've Got in My Pocket' in Köln Journalisten live vorstellten, standen sie uns mit verschränkten Armen gegenüber", erinnert sie sich an einen Promo-Gig in Deutschland vor vier Jahren. "Doch während des Konzerts konnten wir dabei zusehen, wie das Skepsis verflog." Darüber freut sie sich immer noch.

Persönlich und fragil

Wie schon ihr Debütalbum erntete auch "Seastories", das in den USA bereits 2007 erschien, positive Kritiken. Mit betörender Stimme singt sie zwölf fragile, eigene Songs, die irgendwo zwischen Country, Folk, Blues und Pop angesiedelt sind, und sich allesamt um die Liebe drehen. Sehr persönlich und sehr sensibel.

Prominente und unerwartete Schützenhilfe, die dem Album zusätzliche musikalische Glaubwürdigkeit verleiht, bekam Driver unter anderem von Alternative-Songwriter Ryan Adams und dessen Band The Cardinals. "Ryan rief eines Tages an und wollte mich kennenlernen", sagt sie, und es klingt, als wundere sie sich immer noch über die Zusammenarbeit. "Danach trafen wir uns regelmäßig, wenn ich in New York war und sind seitdem befreundet." Als Adams vorschlug, gemeinsam ein Album aufzunehmen, war Driver begeistert. Doch nach fünf Tagen im Studio sei alles zusammengebrochen: "Er nahm zu der Zeit viele Drogen und konnte nicht weitermachen", erzählt sie. "Er ist zwar total verrückt, aber ein sagenhaftes Talent. Ich habe eine Menge von ihm gelernt."

Singen für 007

Dabei schreibt sie schon seit ihrer Jugend Songs, singt und spielt Gitarre. Die Filmkarriere kam eher zufällig dazwischen, als sie nach einigen TV-Rollen durch die Romanze "Circle of Friends - Im Kreis der Freunde" (1995) entdeckt wurde, während sie auf einen Plattenvertrag hoffte. Ihre Musik gab sie trotzdem nie auf.

Manchmal gelang es ihr sogar, beides miteinander zu verbinden: In "James Bond 007 - GoldenEye" (1995) sang sie als russische Country-Sängerin den Klassiker "Stand By Your Man". Zwei Jahre später folgte ihre Oscar-Nominierung für das Drama "Good Will Hunting", zu dessen Soundtrack sie den Song "Handle on My Heart" beisteuerte.

Driver, die 1970 in London geboren wurde und ihre ersten Lebensjahre auf Barbados verbrachte, wuchs nach der Scheidung ihrer Eltern in England auf - und verfiel hoffnungslos dem US-Folkrock der frühen 70er Jahre. "Was das anging, war in meiner Schule Ende der 80er irgendwie alles um eine Dekade zeitversetzt", wundert sie sich. "Meistens hörten wir Hippie-Zeug. The Band, Bob Dylan, Neil Young, Joni Mitchell und sowas." Musikalische Einflüsse, die sich auch in ihren zwölf "Seastories" widerspiegeln. Ihre Verehrung für Dylan geht sogar soweit, dass sie hofft, ihr Ungeborenes werde nicht nur putzmunter und gesund sein, sondern auch ein Dylan-Fan. "Allerdings möchte ich Dylan nicht persönlich kennenlernen. Es wäre schrecklich, wenn er meinem Idealbild nicht entspräche", sagt sie.

Die ersten Gesangsversuche absolvierte Driver deutlich gediegener, als mit umgeschnallter Gitarre durch Kaffeehäuser zu tingeln: "Ich trat während meiner Schulzeit mit einer Jazz-Combo in Londoner Restaurants auf und sang Standards", erinnert sie sich. Sie war jung, brauchte das Geld - war aber "als Kellnerin eine Niete". Zum Glück. "Durch die Auftritte habe ich gelernt, professionell zu singen und zu performen."

Geld durchgebracht

Mit 19 ergatterte sie als Mitglied einer Band namens Puff, Rocks and Brown einen Plattenvertrag. Doch das avisierte Album erschien nie, denn "das meiste Geld, was man uns für die Entwicklung zur Verfügung stellte, haben wir durchgebracht. Nach dem Rauswurf bei der Plattenfirma, wusste ich nicht, was ich machen sollte." Ihre Orientierungslosigkeit spülte sie samt Schwester Kate an den Strand von Uruguay, wo sie, bevor es mit der Karriere losging, hippiemäßig und total pleite davon lebte, reichen Jungs gebrauchte Jeans anzudrehen.

Am Meer fühle sie sich wohl, sagt Driver und schlägt den Bogen zum neuen Album. "Es ist der Ursprung des Lebens, nicht zu vergessen die mythische und romantische Dimension", sagt sie. Heute hat die begeisterte Surferin im kalifornischen Malibu den Ozean direkt vor der Haustür. Sie wohnt genau da, wo die Wellen am schönsten brechen. Da war es bis zu den "Seastories" nur ein kleiner Schritt.

Abgeklärter Blick

"Als ich mit den Songs begann, lebte ich noch in New York, ging dann aber zurück nach Los Angeles. Das Album vereint also auch noch die beiden Küsten und zwei verschiedene Phasen in meinem Leben", so Driver. Auf dem Cover der CD inszeniert sie sich als Meerjungfrau. Allerdings eine, die mit ziemlich abgeklärtem Blick nach ihrem Prinzen Ausschau hält. Dafür hat sie schon zu viele Traumtypen kommen und gehen sehen, inklusive Matt Damon, John Cusack und Josh Brolin. Mit dem war sie 2001 verlobt, warf jedoch bereits nach einem halben Jahr entnervt das Handtuch. Angeblich wegen ihrer Stief-Schwiegermutter in spe Barbra Streisand.

Ihren aktuellen Lebensgefährten, ob sie überhaupt einen hat, und wer der Vater ihres Kindes ist, verrät sie nicht. Aber über ihre Persönlichkeit und ihre Gefühle erfährt man auf "Seastories" einiges: "Die Songs sind wie Abschnitte aus meiner Vergangenheit", sagt sie - und futtert die nächste Praline.