Nick Hornby "Rockmusik ist nicht tot"


Ein Exklusiv-Interview mit dem englischen Schriftsteller Nick Hornby ("High Fidelity") zu der Frage, wie Elvis, Hendrix und Co. die Welt veränderten.

Die Welt feiert den 50. Geburts tag der Rockmusik. Aber mal ehrlich: Ist der echte Rock nicht seit den Achtzigern tot?

Hornby: Rockmusik ist genauso wenig tot wie der Roman oder der Film. Es wird immer Leute geben, die großartige Songs rausbringen. Aber als Instrument für sozialen Wandel ist Rock 'n' Roll tot. In den Sechzigern und Siebzigern war er eng verbunden mit Protestbewegungen. Seit die tot sind, hat auch er seine Bedeutung verloren.

"Rock Around The Clock", 1954 gesungen von Bill Haley, lag erst wie Blei in den Regalen. Wie konnte ein pummeliger Kerl mit fettigen Haaren ausgerechnet mit dieser Nummer in die Geschichte eingehen?

Das ist sehr komisch, ich glaube aber, es hatte nichts mit ihm zu tun. Jeder Song, der in jenem Jahr rausgekommen und ungefähr so geklungen hätte, hätte die Leute entflammt. Die Zeit war reif. Es war die farblose Nachkriegszeit, bei uns in England waren noch immer die Lebensmittel rationiert, die jungen Leute waren frustriert - und da kam plötzlich dieses Lied.

Hätte Rob Fleming, der Plattenfreak aus Ihrem Roman "High Fidelity", diese Platte in seinem Laden geführt?

Nein, sie wäre ihm peinlich gewesen. Er hätte sie vielleicht mit 14 gekauft, aber sofort wieder weggeschmissen, weil sie bei jeder Hochzeit gespielt wurde.

Als Haley damit über Land zog, war sie wie Dynamit. Da gingen zum ersten Mal Säle zu Bruch, in Berlin haben die Fans alles kurz und klein geschlagen.

Es ist kaum zu fassen, dass ausgerechnet dieses Lied die Leute dazu gebracht hat, Sachen kaputtzumachen. Es ist ja nicht der tollste Song aller Zeiten. Aber nach Haley wurden die Leute schlauer, sie wollten Sänger, die besser aussahen.

Da kam Elvis.

Haley war einfach nicht gut und hübsch genug, um eine längere Karriere durchzuhalten. Und andere, wie Little Richard mit seiner Tuntenhaftigkeit, waren zu schockierend für Teenager in den Fünfzigern. Wenn man 15 ist, will man nicht rätseln, ob der Typ nun eine Frau oder ein Mann ist. Da will man schnelle, laute Musik.

Little Richard war schnell - aber er war schwarz und hat sich später oft darüber beschwert, die Weißen hätten den Schwarzen diese Musik geklaut.

Als ich 18, 20 war, habe ich das auch geglaubt, aber so einfach ist das nicht. Wenn man sich die Musik heute unvoreingenommen anhört, muss man sagen: Die Rolling Stones haben den Songs von Muddy Waters etwas zugefügt, das sie vorher nicht hatten: Sie hatten nun mehr Energie, sie waren jünger, lauter und schneller.

Was war denn die Musik, mit der Sie aufgewachsen sind?

Die ersten Bands, die ich bewusst gehört habe, waren die Beatles und die Monkees. Jeder hatte damals seinen Lieblings-Beatle oder -Monkee. Besonders die Monkees waren sehr beliebt, das war die Boy Band von 1966.

Was ist denn der Unterschied zwischen den Boy Bands von damals und heute?

Die Monkees hatten bessere Songschreiber.

Haben Sie sich die alten Rockstars später in Konzerten angeschaut?

Nie, ich wollte lieber Leute sehen, die in jenem Moment angesagt waren. Diese Retro-Shows von Chuck Berry und Co. waren ja berühmt dafür, mies zu sein. Weil sie zu knickerig waren, ihre eigene Band mitzubringen, haben sie sich zweitklassige Typen zusammengesucht. Chuck Berry hat doch mitten im Song auf die Uhr geschaut und ist gegangen, wenn die vereinbarte Zeit vorbei war.

Hat man in England damals mitbekommen, dass es auch in Deutschland Rockmusik gab? Peter Kraus zum Beispiel.

Wer ist das?

Das war unser Elvis.

Wir hatten Cliff Richard, wir brauchten euren Peter nicht. Ich glaube, jedes Land hatte damals seinen Elvis-Stellvertreter auf Erden. Wie diese Leute, die im Irak Saddam Hussein doublen mussten.

<zwitiAllein wegen Elvis müssen wir den Amerikanern ewig dankbar sein.

Absolut, ich bin ein großer Amerikafreund, ich glaube, dass man einem Song, der nichts Amerikanisches in sich hat, nicht zuzuhören braucht. Die ersten Beatles- oder Stones-Platten, das waren amerikanische Platten! Die Amerikaner hatten eine populäre Kultur, die in alle Richtungen offen war, und dafür müssen wir ihnen sehr dankbar sein.

Glauben Sie auch, dass Elvis noch lebt?

(lacht laut) Er hat diesen Zustand erreicht, wo es ganz egal ist, ob er noch lebt oder nicht. Man redet noch immer von ihm, seine Platten laufen, und vor zwei Jahren hatte er einen Nummer-eins-Hit.

Er hat den Sex nach Deutschland gebracht.

Auch nach England. Es gibt bei uns das berühmte Zitat: "Sex wurde 1963 erfunden", bis zu diesem Jahr war der Roman "Lady Chatterley's Lover" verboten. Eine ganze Epoche ging damals im Gelächter unter, als der Staatsanwalt fragte: "Will man wirklich, dass unsere Frauen und Diener solch ein Buch lesen?" Das war auch das Jahr, als diese unglaublich niedlichen und sexy Beatles auftauchten.

Finden Sie Paul McCartney sexy?

Oh ja! Für Mädchen verkörperte er eine Art von safe sex, Kuschelsex. Man konnte sich vorstellen, Sex mit ihm zu haben, aber auch, ihn seinen Eltern vorzustellen. Mit Elvis ging das nicht, das war aggressiver Sex.

In den Sechzigern stand jeder vor der Wahl: Stones oder Beatles? Wo standen Sie?

Beatles. Ich glaube, sie sind über ihre Wurzeln hinausgegangen und haben etwas Neues geschaffen. Die Beatles haben die Welt verändert, die Stones nicht. Die sind im Grunde nie über ihr Rhythm & Blues-Ding rausgekommen. Ich mag auch den Sinn für Melodie, den McCartney reingebracht hat.

McCartney mögen Sie wohl besonders?

Ja, wirklich. Sie nicht? Die erste Platte, die ich in meinem Leben gekauft habe, war ein McCartney-Soloalbum. Er wurde immer unfair behandelt neben diesem John Lennon, der alle überragt hat.

Haben Sie Paul mal getroffen?

Er hat mich mal angerufen. Warum, weiß ich bis heute nicht. Er hatte meinen Roman "High Fidelity" gelesen. Das war zu der Zeit, als ich berühmter wurde, als ich es eigentlich vorhatte, und da rief mein Verlag an und fragte: Dürfen wir Paul McCartney deine Privatnummer geben? Als er anrief, aß er gerade ein Sandwich. Es war, als würden wir irgendwo an einer Bushaltestelle stehen und quatschen. Er wollte wissen, ob ich einen Computer benutze und solche Sachen.

Ja, eben, er ist langweilig.

Die Medien sind besessen davon, sich an manchen Leute auszutoben. Und das ist das Problem mit Paul McCartney. Die moderne Welt besteht darauf, dass die Leute nicht nur talentiert, sondern auch noch interessant sein müssen. Ich aber finde das völlig egal. Nehmen Sie Dennis Bergkamp, der hier gleich nebenan bei meinem Verein Arsenal London spielt. Ja, er ist langweilig, aber gleichzeitig ist er der größte Fußballer, den wir je hatten! Ich möchte übrigens gern mal wissen, wie interessant Mick Jagger wirklich ist.

Was haben Sie am 8. Dezember 1980 abends gemacht?

Ich nehme an, da starb John Lennon? Sein Tod hatte diese symbolische Bedeutung, aber mir, ehrlich gesagt, hat er nicht so viel bedeutet wie der von Marvin Gaye, der von seinem Vater im Streit erschossen wurde. Ich glaube übrigens, dass Lennon heute keine großen Songs mehr rausbringen würde.

In den Sechzigern war Rockmusik eine Kriegserklärung an die ältere Generation. Haben Sie davon was gespürt?

Nein, das war wie Kino oder Fernsehen, ich war sieben und hatte nicht den Eindruck, die Welt würde groß rocken oder rollen. Ich fühlte mich von den Beatles oder den Stones nicht genug aufgeputscht, um zu meinen Lehrern "Fuck off" zu sagen. So weit ging die Rebellion nicht. Ich kann mich erinnern, mal "Ho-Ho-Ho-Chi-Minh" gerufen zu haben, aber da war ich zehn und wusste nicht, was das hieß.

Damals brach eine Welt zusammen, das freche Auftreten vieler Rocker hat verstört. Lange Haare waren das Ende der westlichen Zivilisation!

Ich glaube, was die Autoritäten damals wirklich geschockt hat, war, dass nun auch ganz gewöhnliche Leute - die Arbeiter- und untere Mittelklasse - anfingen, sich schlecht zu benehmen. Besonders hier in England zeigte man bis dahin immer viel Toleranz für die Exzentritäten der Upper-class, nicht aber für die der Klassen darunter. Der Adel und die Kunststudenten aus den reichen Familien, die durften immer schon Drogen nehmen und Sex haben. Was den Autoritäten in den Sechzigern Angst machte, war, dass nun die Rebellion gegen die herrschenden Vorschriften losging. Wir haben heute vergessen, wie tiefgehend dieser Aufstand war.

Wie war das bei Ihnen?

Ich habe so 70, 71 angefangen, zu Rockkonzerten zu gehen, die gab es damals im Hyde Park, der Eintritt war frei, und alle rauchten Marihuana. Mein erstes Konzert war Grand Funk Railroad mit Humble Pie, es war fantastisch! Ich konnte kaum glauben, dass so etwas erlaubt war. Ich wohnte damals außerhalb von London, und schon wenn man aus der U-Bahnstation rauskam, dröhnte einem der Krach von der Wand des Hilton-Hotels entgegen. Das zweite Konzert war ein irischer Gitarrist, Rory Gallagher. Der war so laut, dass ich immer noch taub bin.

Wer war der erste Rockstar, den Sie getroffen haben?

Das war Hugh Cornwell von den Stranglers. Den hat meine Schwester mit nach Hause gebracht, meine Mutter dachte, er sei ein Obdachloser. Ich bin gleich in die Kneipe gerannt und habe all meinen Freunden gesagt: Ihr müsst unbedingt kommen, bei uns in der Küche sitzt ein Strangler. Und da saß wirklich dieser seltsame Punk mit Hochschulabschluss und war sehr höflich zu meiner Mutter.

Was war die Zeit, die Sie geprägt hat?

In den siebziger Jahren war England gelähmt von der Labour-Partei. Man fühlte sich wie in den Fünzigern. Kein Geld, keine Arbeit, und dauernd war der Strom weg. Man musste sich genau erkundigen, welche Stadtteile Strom hatten, damit man am Samstagabend irgendwo Fernsehen konnte. In diesem Klima ist die starke Energie der Sechziger einfach verpufft. Deshalb war Punk für mich so wichtig. Punk hat den Leuten beigebracht, sich gegen all das zu wehren, was ihnen nicht passte, und in gewisser Weise gilt das bis heute. Die Punks waren alle Künstler.

Auch Johnny Rotten? Der junge Mann mit dem Hygieneproblem?

Klar, "Anarchy In The U.K.", das war mein "Rock Around The Clock". Ich war 19, und so was hatte ich nie zuvor gehört. Das kann man sich heute nur noch schwer vorstellen, aber es war schneller und lauter als alles vorher. Heavy Metal auf Speed. Punk änderte alles, die alltäglichen Dinge sahen plötzlich anders aus, die Menschen, Mode, Magazine, Kunst.

Haben Sie auch Ihr Gesicht zerschnitten wie Sid Vicious?

Ich war Student in Cambridge, da war es sehr schwer, ein Punk zu sein. Ich habe aufgehört, gebügelte Hosen zu tragen, und natürlich sofort die langen Haare abgeschnitten. Was ich spannend fand, war, dass dauernd neue Platten rauskamen, jede Woche gab es ein neues Label. Viele Bands machten alles selbst. Das war äußerst wichtig für uns Briten: Alles ist möglich, wenn du es nur machst.

Aber dann haben die Sex Pistols einen Vertrag mit Virgin Records abgeschlossen. Und damit war auch Punk tot.

Alle diese Bewegungen sind kommerziell ausgeschlachtet worden, aber das, was sie wirklich für die Gesellschaft bedeutet haben, konnte nie kommerzialisiert werden. The Who sangen mal: "Hoffentlich sterb ich, bevor ich alt bin" - jetzt gibt es sie immer noch und viele andere auch.

Was ist so langweilig daran, alt zu werden?

Bob Dylan und die Stones haben ihr Leben lang Musik gemacht, und ist das nicht eine sehr einfallsreiche Art, alt zu werden? Ganz besonders Dylan. Der ist doch mit Würde alt geworden, niemand hat ihn je beschuldigt, er benehme sich wie ein Kind.

Aber eigentlich mögen Sie ihn nicht.

Na, ich habe über ihn in meinem Buch "31 Songs" geschrieben, aber ich gebe zu, mein Typ ist er nicht. Sich in ein lebendes Rätsel zu verwandeln, bloß um cool zu bleiben, diese Masche hat Dylan erfunden. Wenn man genügend kryptische Dinge sagt, fangen die Leute irgendwann an, alles zu dechiffrieren. Es war bestimmt wichtig, dass er den Protest der Sechziger artikulierte und den Satz schrieb "Hier passiert gerade irgendwas, und Sie kriegen nicht mit, was es ist, Mr. Jones". Der ist es heute noch wert, zitiert zu werden.

Gehen Sie noch Platten kaufen?

Nein, die guten Läden haben alle zugemacht, ich kaufe jetzt online. Man findet alles, was man sucht. Und man kann auch rumstöbern, genauso wie früher im Plattenladen. Das Album ist sowieso tot. Die CD war der Mörder, sie war einfach zu lang. Niemand will 70 Minuten lang eine Musik anhören.

Nur ein Stück ist gut und der Rest Schrott.

Genau. Heute lade ich mir nur die Stücke auf meinen iPod runter, die ich mag. Mich wundert zwar immer noch, dass ich nichts mehr physisch besitze. Wenn man mir das vor zehn Jahren erzählt hätte, hätte ich gefragt, ob man das mit einem Sandwich auch machen kann.

Warum lieben die Jugendlichen von heute Jimi Hendrix wieder?

Weil er tot ist. Weil es nur wenige Lieder von ihm gibt. Weil er auf dem Höhepunkt seines Könnens aufgehört hat. Weil es keinen Müll von ihm gibt, und weil er nie eine Discoversion seiner Lieder aufnehmen konnte. So bleibt man unsterblich.

Das Gespräch führten stern-Reporter Claus Lutterbeck und stern-Mitarbeiter Christian Parth

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