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Rap-Band K.I.Z.: Rundgang im Folterhaus

Ertränkt, gefoltert, zersägt: Filme wie "Hostel" oder "Saw" haben den mainstreamtauglichen Horror vorgemacht, die Berliner Rap-Band K.I.Z setzt noch einen drauf: In einem interaktiven Video schickt sie ihr Publikum in das Haus eines Serienkillers. Was sich geschmacklos anhört, lässt Experten aber eher kalt.

Von Annina Loets

Ein altes Haus, umwabert von Nebel, das erinnert an Alfred Hitchcocks Klassiker "Psycho". Der gesunde Menschenverstand fleht, doch bitte auf eine andere Website zu gehen, doch zu spät. Die ersten Akkorde von "The House of the Rising Sun" sind zu hören, dann setzen die Beats ein, und plötzlich ist man mittendrin im Serienmörder-Alltag. Ertränkte, zerstückelte Mädchen, gefressene Herzen, Maden. Bewegt man den Cursor, erscheinen abgehackte Hände, die einen weisen nach rechts ins Moor, die anderen nach links in den Wald oder navigieren direkt gleich ins Folterhaus. Nur mit seiner Maus bewaffnet muss der Besucher nun selbst entscheiden, was er in diesem Horror-Musikclip sehen will und was nicht.

Den Soundtrack für das telegene Massaker liefert die Rap-Band K.I.Z. Seit 2005 versorgen die Berliner vom Label Royal Bunker die Rap-Gemeinde mit ihren Zeilen. Dabei sparen sie nicht an Penislängen-Vergleichen und Vergewaltigungsrhetorik. Anders als Sido oder Bushido kippt der ironische Unterton hier zuweilen sogar ins Zynische. Das ist postmoderner Straßenrap. Wie im Song "Geld essen", wo die Rap-Klischees so lange zitiert und auf die eigene Band angewendet werden, bis sie völlig absurd sind. Das Problem bei so viel Ironie ist allerdings, dass es schwierig wird auszumachen, was K.I.Z tatsächlich ernst meint, und wo die Musiker nur überzeichnen.

Gesicht einer gefolterten Frau

So auch bei "Neuruppin". Da heißt es zum Beispiel: "Ich fessle dich Opfer im Keller zerstückelt / dein Körper verpacke die Teile in Säcke". Das Video setzt den Text wörtlich um, so dass der Besucher in das panische Gesicht einer gefolterten Frau zoomen kann und miterlebt, wie ein Mädchen mitten in der Küche zersägt wird. Produziert hat den Clip die Bremer Agentur Kubikfoto³. "Wir überschreiten ganz bewusst Grenzen", nennt das Ole Leifels, Mitbegründer der Firma.

Aber was sagt der Jugendschutz dazu, dass die Band ihre mitunter sehr jungen Fans in ein Horrorhaus einlädt? Klaus Hinze von der Aktion Kinder- und Jugendschutz e.V. sieht das Video "hart an der Grenze" zu jugendgefährdenden Inhalten. Vor allem weil die Website jedem zugänglich ist. Zwar muss, wer sie ansehen will, den Satz "Ich bin über 18 Jahre alt" anklicken, doch das könne jeder Zehnjährige, so Hinze. Den Kriterien des Jugendmedienschutz-Staatsvertrages entspreche der Zugang damit nicht. Allerdings werde immer wieder deutlich, dass die Macher ihr Video nicht ernst meinten, so Hinze. "Sowohl im Text als auch auf der Bildebene bekommt man mit, dass die Macher das als Persiflage sehen."

Auch den interaktiven Charakter des Videoclips solle man nicht überbewerten. Filme erzeugten teilweise stärkere emotionale Reaktionen als eine begehbare Fotowelt wie diese, sagt Hinze. "Ich habe einmal bei einem Seminar einige Szenen aus dem Film 'Hostel 2' gezeigt und die Vorführung abrechen müssen." Dabei hätten sich die Studenten vorher mit dem Genre beschäftigt.

PR-Gag?

Ist "Neuruppin" also nur eine Provokation, die man achselzuckend als PR-Gag hinzunehmen hat? Oder sollte man den künstlerischen Gedanken suchen und K.I.Z wieder einmal zu Feuilleton-Rappern stilisieren? Das allerdings würde bedeuten, Brutalität und Sexismus im Rap zu akzeptieren und neue Grenzüberschreitungen herauszufordern.