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Wütende Nachwuchsrapper: Die "Generation Sarrazin" schlägt zurück

Die Schüler Kamyar und Dzeko haben den Begriff "Migrationshintergrund" satt. In einem Rapsong rechnen sie mit Thilo Sarrazin und seinen Thesen ab.

Von Lisa Ksienrzyk

Kamyar (l.) und Dzeko haben im Projekt "Von der Straße ins Studio" gelernt zu Rappen. Wie ihr Mentor Eko Fresh wollen sie nun mit Migranten-Klischees aufräumen.

Kamyar (l.) und Dzeko haben im Projekt "Von der Straße ins Studio" gelernt zu Rappen. Wie ihr Mentor Eko Fresh wollen sie nun mit Migranten-Klischees aufräumen.

Vier Jahre nach Thilo Sarrazins Skandalbestseller "Deutschland schafft sich ab" nehmen zwei 15-Jährige aus Fulda die Migrationsthesen in einem Rapsong in die Mangel. Vier Jahre zu spät? Intolerantes Verhalten gegenüber Minderheiten ist in Deutschland weiterhin Alltag. Der verpatzte NSU-Untersuchungsausschuss und der kometenhafte Aufstieg der rechtspopulären Partei AfD in Ostdeutschland tun ihr übriges. Mit Zeilen wie "Blaue Augen, blonde Haare ist nicht mehr die Maßgabe" räumen Kamyar Koohestani und Dzeko Salkovic auf. Hinter ihnen steht der bekannte Deutsch-Rapper Eko Fresh, der als selbsternannter "Quotentürke" seit mehreren Jahren über deutsch-türkische Klischees schreibt.

Mit ihrem aktuellen Song "Generation Sarrazin (Deutsch so wie Du)" wollen die Schüler auf Migranten ihren Altersklasse aufmerksam machen. In Deutschland hat jeder fünfte Bürger Wurzeln außerhalb der Republik. Zwar zählen in diese Gruppe auch Migranten aus Italien oder China, im Kern der Einwanderungsdiskussion geht es allerdings vor allem um Zuwanderer mit muslimischer Religionszugehörigkeit. Kamyar ist im Iran geboren, aber in Deutschland aufgewachsen. Dzekos Eltern sind von Montenegro nach Deutschland gezogen, auch er ist hier geboren. Beide haben einen deutschen Pass.

Verschiedenen Umfragen zufolge hält sich die Mehrheit der Bundesbürger für tolerant gegenüber Fremden. Das Gegenteil würde wohl kaum jemand öffentlich behaupten. Kamyar sagt, das Verhalten gegenüber Migranten habe sich zwar verbessert und sei "nicht mehr so extrem". Zumindest was er erlebt habe. Wozu dann die Aufregung?

Das Problem der zwei Identitäten

Sarrazin wirft deutschen Muslimen eine "sehr niedrige Bildung" vor und begründet das "Versagen" mit "Erbfaktoren". Tatsächlich schneiden in der Pisa-Studie deutsche Schüler mit Migrationshintergrund vergleichsweise schlechter ab. Oft hapert es an der Sprache. Kamyar und Dzeko gehen beide aufs Gymnasium. Dzeko hat sogar die erste Klasse übersprungen und will nach seinem Abitur Lehramt für Englisch und Sport studieren. Sie wollen zeigen, dass Sarrazins Bild eine Lüge ist.

Die beiden Jungs fühlen sich zwar als Deutsche, wie sie selbst sagen, grenzen sich unbewusst aber immer wieder von ihnen ab: Es wird von "den Deutschen" gesprochen und nicht von "wir Deutschen". Obwohl sie sich davon distanzieren wollen, kriegen Kamyar und Dzeko diese Unterscheidung nicht aus ihren Köpfen raus - ein Körper, zwei Identitäten. Sie wollen das eine, können sich von dem anderen aber nicht lösen.

Sarrazin-Double wird bespuckt

Eine von Sarrazins Thesen ist, dass sich bei Muslimen in Deutschland "fließende Übergängen zum Terrorismus" finden ließen. Die jungen Rapper bezeichnen Thilo Sarrazin in ihrem Song selbst als "Terroristen", weil nicht sie sondern er "den Hass ausübt und verbreitet". Dass die Bundesrepublik Sarrazin nicht vergessen hat, beweist der Videodreh zum Song. Ein Double des SPD-Politikers stolzierte durch den Berliner Bezirk Neukölln und rief lauthals Parolen. Der Schauspieler wurde mehrmals beschimpft, attackiert und sogar bespuckt - von allen Seiten.

Was würden die Jungs nach all den Anschuldigungen und Behauptungen Sarrazin gern persönlich unter die Nase reiben? "Ich würde sagen, dass nicht alle Ausländer so sind, wie er es darstellt. Nicht alle Moslems sind dumm. Ich gehe zum Beispiel aufs Gymnasium und fühle mich dadurch angegriffen", so Kamyar zum stern. Die Zwei gelten als die jüngsten Rapper Deutschlands mit Plattenvertrag. Die Fuldaer Schüler bilden zwar keine 16 Millionen ab, haben aber immerhin eine laute Stimme.