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Drittes Sarrazin-Buch: Neues vom Knallfrosch

Thilo Sarrazin ist wieder da. Sein jüngstes Werk trägt den gelungenen Titel "Der neue Tugendterror". Gibt es wieder Grund zur Aufregung? Eine Buchbesprechung.

Von Frank Thomsen

Das fing ja gleich wieder gut an. Typisch Thilo Sarrazin! Von dem neuen Buch des streitbaren Mannes mit dem Schnauzbart war vergangenen Freitag erst ein kleiner Vorabdruck in der "Bild"-Zeitung bekannt, da brachen seine Fans schon in Begeisterung aus. Sarrazin schlage eine "Kerbe in das hierzulande geltende Gesinnungseinerlei". Er benenne "unbequeme Wahrheiten". Seine Thesen seien "immer wieder erfreulich und erfrischend".

Ja, so jubelte die NPD angesichts druckfrischer Thesen über Moslems und Schwule.

Sonst jubelt keiner. Und wenn man das Buch gelesen hat, kann man sich auch nicht vorstellen, dass sich das noch ändert. Sarrazins drittes Werk ist eine allzu kühl kalkulierte Provokation. Der Mann, der mit seinem ersten Buch "Deutschland schafft sich ab" 1,5 Millionen Exemplare verkauft und eine hitzige Debatte über Zuwanderung, Integration und Meinungsfreiheit ausgelöst hat - dieser Mann gefällt sich nur noch in der Attitüde des Aufrührers. Seine Gedanken sind nicht tief genug, um aufzuregen.

Betrachtungen zum Tugendterror im Wandel der Zeiten

Das ist eigentlich schade, denn der Titel ist sehr gut: "Der neue Tugendterror - Über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland". Was dann kommt, hält aber nicht, was der Titel verspricht. Fast hat es den Anschein, als wüsste der Autor auch nicht so genau, wo die Meinungsfreiheit in Gefahr ist. So füllt er viele Seiten mit Macchiavelli, mit den Theorien konservativer Kommunikationswissenschaftler wie Hans Mathias Kepplinger und Elisabeth Noelle-Neumann und mit allgemeinen Betrachtungen zum Tugendterror im Wandel der Zeiten.

Vieles, was Sarrazin in diesen Passagen schreibt, ist nachvollziehbar. Der öffentliche Diskurs in Deutschland kennt Tabus - wer an ihnen rührt, kriegt schnell eins auf den Deckel. Es gibt einen Meinungsmainstream - wer sich diesem nicht anschließt, hat es schwer, Gehör zu finden. Vielleicht am Interessantesten ist die Beobachtung, dass vielfach die Änderung von Begrifflichkeiten wichtiger genommen wird als die Änderung von Zuständen. So werde schwer darauf aufgepasst, dass ja nicht "Zigeuner" gesagt werde, sondern "Roma". An den Lebensumständen, an den Integrationsproblemen ändere das aber nichts. Sprache errichte hier Tabus. Sarrazin spricht von "Sprachreinigern". Ja, da ist was dran. (Auch wenn das Ganze von Sarrazin so unsympathisch vorgetragen wird, dass man meinen könnte, die Roma selbst seien an allem schuld.)

Sarrazin jammert über seine Kritiker

Alle anderen Belege, die Sarrazin für die These vom neuen Tugendterror abliefert, sind matt und mit dem kühlen Gestus des Provokateurs ausgewählt. Das schlimmste Terroropfer, das Sarrazin ausmacht, heißt - Sarrazin. Ein endloses Kapitel lang walzt er aus, was er in seinem umstrittenen Bestseller "Deutschland schafft sich ab" geschrieben hat und wie die Kritiker das verdreht hätten. Finanzminister Schäuble etwa, dessen Kritik "totalitär" gewesen sei. Sein Gejammer lässt sich so zusammenfassen: Sarrazins Kritiker haben sein Buch entweder nicht gelesen oder nicht verstanden, in besonders perfiden Fällen kam beides zusammen.

Als Belege für den neuen Tugendterror nennt Sarrazin schließlich gegen Ende seines Buchs 14 Thesen. Sie sollen der Knaller des Buchs sein. Es sind Knallfrösche der Marke "Endlich sagt's mal einer". Es geht um Gleichheit, die Ehe, Schwule und Moslems, Schwarze und Arme. In Sarrazins Welt sind sie alle nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems. Zu Sarrazins Welt gehört aber auch, dass er das so nie gesagt hat und insofern ihm diese Buchbesprechung sicher auch schon wieder ganz schön totalitär erscheint.

Kein Grund zur Aufregung

Sarrazin schwurbelt sich durch seine Gedanken. Klartext ist selten. Nirgendwo steht, dass Schwarze dümmer sind als Weiße - aber irgendwie kommt man beim Lesen auf diesen Gedanken. Nirgendwo steht, dass Homosexuelle nicht schwul sein dürfen - aber die Ehe soll doch bitteschön den Heteros vorbehalten bleiben, von wegen: Deutschland schafft sich sonst am Ende noch ab. Und der Islam? Hier macht er eine "muslimische Kultur des Beleidigtseins" aus.

Tja, typisch Sarrazin, das Ganze. Aber wirklich kein Grund zur Aufregung. Es gibt so viel schönes, das man stattdessen tun kann. Zum Beispiel ein gutes Buch lesen.

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