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"Deutschland schafft sich ab": Thilo Sarrazin - auf den Spuren von Harry Potter

Am kommenden Montag erscheint Thilo Sarrazins Buch. "Deutschland schafft sich ab" heißt es gewohnt deftig, und die PR-Rampe könnte gar nicht besser angelegt sein für den Autoren. Die Kanzlerin ist empört, die SPD auch. Das Buch des Krawallgenossen stürmt schon die Bestsellerlisten.

Von Dirk Benninghoff

In der kommenden Woche werden die Sachbuch-Charts auf den Kopf gestellt. Am Montag erscheint Thilo Sarrazins "Deutschland schafft sich ab" und es käme einer Sensation gleich, wenn das Buch es nicht auf Platz 1 der Bestsellerlisten schafft. Der Bundesbank-Vorstand und Berliner Ex-Senator widmet sich ganz seinem Lieblingsthema: Wie die Muslime Deutschland erobern - und die Deutschen nichts dagegen tun. Schon früher hat Sarrazin regelmäßig nicht nur Hartz-IV-Empfänger attackiert, sondern vor allem türkische Einwanderer, die mit ihrer Gebärfreudigkeit die Bundesrepublik eroberten wie einst die Kosovaren das Kosovo. Die Erzeugung immer neuer "Kopftuchmädchen" ist denn auch die einzige Produktivität die Sarrazin den Türken zubilligt, die das Land aufgrund ihrer enormen Population zudem immer dümmer machten.

In dem neuen Buch unternimmt der Hardliner den Versuch, derartige Thesen statistisch zu untermauern. Der "Spiegel" druckte in seiner aktuellen Ausgabe einige Auszüge vorab. Sie sind wenig überraschend, teilweise sogar zurückhaltender als frühere Äußerungen von Sarrazin. Wenn er erleben wolle, wie in seinem Land in weiten Teilen Türkisch oder Arabisch gesprochen werde, "kann ich eine Urlaubsreise ins Morgenland buchen", schreibt der SPD-Mann in typischer Manier, beklagt sich einmal mehr über eingewanderte Sozialschmarotzer mit schwachem Bildungsstandard und fürchtet, dass die Deutschen zur Minderheit im eigenen Land werden.

Und doch ist etwas neu: Die Reaktion auf das Buch nimmt Dimensionen an, wie man sie selbst von den deftigsten Reden des selbsternannten Bevölkerungswissenschaftlers nicht kannte. Am Mittwoch fühlte sich gar die Kanzlerin auf den Plan gerufen, ein Statement abgeben zu lassen. Die Äußerungen, die "für viele Menschen in diesem Land nur verletzend sein können", hätten Angela Merkel "nicht ganz kalt gelassen", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Sarrazins Bemerkungen seien "überhaupt nicht hilfreich" für die Integration von Ausländern in Deutschland. "Da müsste ein ganz anderer Ton angeschlagen werden", befand der Sprecher im Namen der Kanzlerin.

Warum ist Sarrazin noch Genosse?

In der eigenen Partei hat Sarrazin schon länger Ärger, ein Ausschlussverfahren endete aber ergebnislos. Nun könnte neue Bewegung in die Debatte kommen. SPD-Chef Sigmar Gabriel distanzierte sich von Sarrazin, will überprüfen, ob seine Äußerungen rassistisch sind und legte ihm den Parteiaustritt nahe. "Wenn Sie mich fragen, warum der noch bei uns Mitglied sein will - das weiß ich auch nicht", rätselt der sommerreisende Niedersachse. Seine Generalsekretärin Andrea Nahles meint gar, Sarrazin "missbraucht den Namen der SPD". Sein "perfides Spiel mit Ängsten und Vorurteilen" habe mit den Werten der Partei "rein gar nichts mehr zu tun", sagte sie im "Hamburger Abendblatt".

Was der Ex-Senator bei den Genossen macht, fragt sich auch der Zentralrat der Juden - und legt Sarrazin einen Wechsel auf die rechte Flanke nahe. Der Generalsekretär des Zentralrats, Stephan Kramer, sagte "Handelsblatt Online": "Ich würde Herrn Sarrazin den Eintritt in die NPD empfehlen, das macht die Gefechtslage wenigstens klarer und befreit die SPD."

Auf kritische Debatten hat der neue Bestsellerautor aber offenbar keine Lust. So verweigert er sich beim Internationalen Literaturfestival in Berlin einer Diskussion seiner umstrittenen Migrationsthemen. Der Veranstalter, das Haus der Kulturen der Welt, teilte mit, Sarrazin und sein Verlag hätten die Einladung eines kritischen Gesprächspartners aufs Podium abgelehnt. "Bleibt es bei dieser Haltung, wird die Veranstaltung bei uns nicht stattfinden", sagte Intendant Bernd M. Scherer.

Den Erfolgsautor wird das nicht stören. Sarrazin drängt mit seinem Buch auf die ganz große Bühne, da braucht er das Literaturfestival in der Hauptstadt nicht, wo er wahrscheinlich eh von bösen Linken und noch böseren Muselmanen beschimpft wird. Denn Sarrazin wandelt auf den Spuren von Harry Potter: Beim Online-Buchhändler Amazon gibt es so viele Vorbestellungen, dass er bereits vor Erscheinen auf Platz 1 der Verkaufsliste gestürmt ist.

(mit Agenturen)
  • Dirk Benninghoff