Das kleine Schauspiel mit den Stühlen, das sie aufführen, ist immer wieder schön. Und auch, geprobt oder nicht, eine wunderbare Inneneinsicht in die Gruppendynamik dieser leider mittlerweile nur noch drei Männer. Also: Auftritt in einem Theater in Brooklyn in dieser Woche. Mick Jagger, Keith Richards und Ronnie Wood, „The Rolling Stones“ der ganz korrekte Name, fast sicher die älteste Band der Welt, 242 Lebensjahre wie dann immer gerne zusammengezählt wird, den vierten, den Drummer Charlie Watts, leider nicht mehr dazu, er verstarb 2021.Vor drei Jahren führten sie besagtes Stuhl-Stück schon mal im Londoner Stadtteil Hackney auf und nannten das damit angekündigte Musikalbum auch so; diesmal in Brooklyn geht es wieder um ein neues Album. Es wird „Foreign Tongues“ heißen und im Juli erscheint. Eine Stones-Platte, um es knapp zu sagen, die 25. im Studio mit neuen Songs aufgenommene seit Gründung 1962.
Aber weil die Stones wie immer erst mal nur Spannung und Erwartung anglühen wollen und es bis zum Erscheinen auch nur zwei Songs zu hören gibt, schaut man sich gemeinsam mit Leonardo Di Caprio, der im Publikum sitzt, das kleine Schauspiel an: Vier Stühle auf der Bühne, einer für den Talkmaster Conan O`Brien und die anderen, ja, wer sitzt jetzt wo? Kurzes Gelache und Geschiebe, alle drei Stones wie Senioren im Restaurant, du hierhin? Oder dahin? Jagger, der Boss in einem orangesahnefarbenen gestreiften Jackett, das an Markisenstoff oder an die Filmfigur „Willi Wonka“ erinnert, wie O´Brien richtig anmerkt, Jagger also versucht sich emsig an der Sitzordnung, Richards hört nicht zu und sinkt in den Stuhl neben O`Brien, auf den eigentlich Jagger wollte, nun ist der Mittelplatz aber schon von Woods besetzt, also muss der Chef an den Rand. Gefällt ihm nicht, sieht man sofort, gute Miene zum bösen Spiel kann Jagger am besten. Dazu muss man wissen, dass Jagger Stühle, die er nicht kennt, immer erst ausprobiert bevor er sich entscheidet, liegt daran, dass er mit 1,75 Meter nicht sehr groß ist und stets fürchtet, in Stühlen oder Sesseln zu versinken.
Nett, aber auch nichtssagend
Aber gut, die Außenposition ist deshalb auch besser, weil er noch sehr gut hört, Keith Richards dagegen nicht mehr so und deshalb dichter beim Moderator sitzt. Ron Wood, das mit 78 Jahren jüngste Mitglied der Band, ist das egal, er lässt sowieso immer erst die anderen was sagen. Man hätte ihn aber gern gefragt, ob er sein dunkelblaues Blumenjackett vom selben Schneider wie Jagger hat und dieser modische Sixties-Fling etwas mit der Musik zu tun hat. Wird aber nicht so sein, modisch waren die Stones noch nie so richtige Zeitgeist-Botschafter.
Weil es aber vom Album „Foreign Tongues“ nichts zu hören gibt, sondern nur das surreale Plattencover mit einer vom New Yorker Künstler Nathaniel Mary Quinn gemalten Collage der drei Gesichter zu sehen ist, erzählt O´Brien, wie großartig es ist, er habe es schon ein paar Mal durchgehört und das ist natürlich etwas gemein, denn erzählte Musik ist so gut wie keine Musik oder wie ein Himmel mit akustischen Trauben, an die man nicht herankommt.
Und wenn Außenplatz-Jagger dann noch erzählt, dass sie als Band mit einer so langen Geschichte eigentlich schon auf jeder musikalischen Wiese, sei es Rock, Country oder sogar, Jagger-Britisch, „Danze“-Musik gegrast hätten und nun von all dem etwas auf dem Album zu sein wird, ist das nett, aber auch nichtssagend. Etwas konkreter wird es, wenn sie erzählen, dass „Foreign Tongues“ eigentlich aus einem Nachbeben des Vorgänger-Albums „Hackney Diamonds“ entstanden sei. Damals hätten sie in einem solchen Schwung und Rausch mehr Songs eingespielt als sie für das Album brauchten, und als es dann zu dem überraschenden Erfolg, ja fast sogar zu einer Neugeburt des Stones-Sounds führte, das noch ofenwarme Material auch heraussollte. Carpe Diem mag der Gedanke gewesen sein, nutze den Tag, denn nach dem Tod von Charlie Watts war ihnen die Endlichkeit der unendlichen Stones nicht mehr ganz so fremd.
Hinzu kam, dass sie bei den Aufnahmen zu „Hackney Diamonds“ etwas erlebten, was Jagger und Co. auch kaum noch kannten. Mit dem 36-jährigen Star-Produzenten Andrew Watt kam ein Mann dazu, der wie kaum ein anderer das Händchen hat, ältere Rock-Sounds im Studio so frisch zu spritzen als seien sie eben erst erdacht worden. Watt, der schon mit Justin Bieber, Miley Cyrus, Elton John und auch noch mit Ozzy Osborne gearbeitet hat, gilt als Anhänger der „First Take“-Technik, was bedeutet, dass für ihn meist die erste, spontan und ungebremste Version eines Songs oder eines Teils davon die beste ist. Und nicht die von Soundcomputern geschliffene zehnte oder zwölfte Fassung. Für Watt ist der immer spür- und hörbare Live-Faktor von Musik entscheidend, weil er nicht Töne, sondern Gefühl und Atmosphäre erzeugt. „Andrew hatte einfach die richtige Menge an Energie und das richtige Know-how, um das durchzuziehen“, sagte Keith Richards über Watt. So kam es, dass selbst die eingefleischtesten Stones-Anhänger sich nach „Hackney Diamonds“ erstaunt fragten: Was haben die denn genommen?
Und so scheint es, soll auch „Foreign Tongues“ ein weiterer Schritt in die Zukunft dieser so alten Band werden. Aufgenommen in einem, fast nur zimmergroßen Londoner Studio in nur vier Wochen. Mit Gastmusikern wie Paul McCartney, der angeblich zufällig in der Nähe war, und dem zauseligen Gastsänger Robert Smith von „The Cure“, der auch angeblich zufällig vor der Tür wartete und zu dem Jagger der Legende nach geagt haben soll: „Du bist doch Robert von ,The Cure' oder? Willst du mitmachen?“ ist das Album in bewusster old school-Technik entstanden. Auf einigen Stücken ist sogar noch Charlie Watts auf früher aufgenommen Takes am Schlagzeug zu hören.
Rolling Stones, nur kräftiger
Wie das alles dann im Juli klingt, lässt sich heute nur mit den schon veröffentlichen Stücken „In the Stars“ und „Rough and Twisted“ hochrechnen. Und das ist interessant, weil man sofort spürt, wie Produzent Watt die stones-charakteristischen Basics kurz mal zum Gewichtepumpen verdonnert hat – die Gitarre wuchtet sofort das rhythmische Intro, Jaggers Stimme klettert behände und entschieden darauf, Richards und Woods Gitarren raspeln funkelnde Solo-Splitter hinein, der Bass treibt den Laden stoisch an, nur das Schlagzeug ist kräftiger und tieftöniger dabei als man es von der Band kennt (was Stones-Puristen nicht mögen werden). Aber Drummer Steve Jordan ist kein Stones-Neuling, Charlie Watts sagte vor seinem Tod „er ist der Richtige“, und es gibt Zutaten, die auch einen Stones-Sound kräftiger machen.
Alles zusammen – aber es sind nur zwei Songs – hat das eine Entschiedenheit, die den Rock und den Blues in den 60er und 70er Jahren einmal ausmachte und die ihm so wichtige Kraft lieferte. Zögerfrei, faustgeballt, zungengestreckt, vielleicht im Alter mehr Pose und Nostalgie als junge Wut, aber egal. Die Rolling Stones haben das mal in die Welt gesetzt, aber sich in den vielen Jahren auch manchmal in Moden, Einfallslosigkeit und Sinnsuche verlaufen. Die Kostproben aus „Foreign Tongues“ klingen nun so wie aus einem langen Irrgarten in der Zukunft angekommen zu sein. Oder wie ein Kritiker nach einem Stones-Konzert vor Jahren einmal schrieb: „Wenn man ihnen mit geschlossen Augen zuhört, denkt man, junge Band mit großer Zukunft.“
Als das kleine Schauspiel auf der Bühne in Brooklyn vorbei war und alle schon gehen wollten, wurde dann noch das Video zu „In the Stars“ gezeigt. Und man erlebte, was der Flaschengeist KI anrichten kann, wenn man ihm sagt „mach Mick Jagger 50 Jahre jünger“. Sah aus wie ein singendes Stück Seife. Hätte nicht sein müssen, Jagger in seiner Balkonmarkisenjacke auf der Außenbahn war der richtige Rock'n'Roll.