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TV-Kritik

"Anne Will": Von Karl Marx zum Schonvermögen in weniger als 60 Minuten

Karl Marx zum Sonntag: Vor 200 Jahren wurde der Philosoph geboren und Anne Will fragt, was von ihm geblieben und wie sozial der Kapitalismus heute ist. Die Antworten fallen erstaunlich konkret aus.

Von Andrea Zschocher

Anne Will und Gäste

Anne-Will-Gäste Kofler, Scholz, Marx und Wagenknecht (v.l.)

An Marx führt kein Weg vorbei, auch nicht am Sonntagabend in der ARD. Vordergründig fragte in ihrer Sendung nach der Aktualität des Kapitalismus. Am 5. Mai wäre Marx 200 Jahre alt geworden, Anlass für eine Talkrunde zum Thema: "200 Jahre Karl Marx - wie sozial ist der Kapitalismus heute?". Von Marx ging es aber schnell weg, denn vor allem die Themen Unternehmertum vs. Befristungsquote und die Globalisierung waren deutlich praxisnäher.

Zu Gast bei "Anne Will" waren:

  • Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD)
  • Politikerin Sahra Wagenknecht (Die Linke)
  • Reinhard Kardinal Marx, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz
  • Georg Kofler, ein Unternehmer und Investor

Viele sind fleißig, aber nicht jeder mutig

"Feiern sollten wir ihn nicht, aber gedenken muss man seiner schon", sagte Reinhard Kardinal Marx. Da waren sich alle, bis auf Unternehmer Kofler, einig. Der machte klar, wie wenig er vom Philosophen hält. gab zu bedenken, dass Marx nicht für das verantwortlich gemacht werden kann, was in seinem Namen geschieht. Sonst, so die Politikerin, dürften wir auch nicht mehr über Jesus Christus sprechen. 

Kofler, der zu Beginn des Talkes eher ungelenk über Marx und seine Thesen stammelte, taute erst auf, als es um sein Lieblingsthema ging. Denn in seinen Augen würden Unternehmen heute zu sehr vom Staat kontrolliert. Er hielt eine flammende Rede auf die Unternehmer und Unternehmerinnen, die Träumen, Visionen und Ideen hätten, die ihren Mitarbeitern auf Augenhöhe begegnen und niemanden ausnutzen würden. "Es sind viele Menschen fleißig, aber nicht viele Menschen sind mutig", warb für das Unternehmertum und erbat sich, dass diese weniger staatliche Restriktionen das Geld verdienen verleiden würden.

Sicherlich gibt es solche Unternehmen, aber es gibt eben auch die, die ihren Profit zu Lasten der Angestellten erhöhen würden, die Leiharbeit und Befristungen als legitime Mittel nutzen um Erfolge zu maximieren. Kofler gab an, solche Unternehmer nicht zu kennen, sprach sich aber dafür aus, dass beispielsweise der Versandriese Amazon sich mehr an geltendes deutsches Recht halten müsse. Die Flexibilität des Unternehmens, die den unternehmerischen Erfolg garantiere und eben Befristungsquoten beinhaltete, die ist für Kofler aber unabdingbar.

Weniger befristete Arbeitsplätze

Genau dagegen will Bundesfinanzminister aber vorgehen. Das Gefühl des Ausgeliefertseins, das Gefühl, dass die eigenen Anstrengungen vergeblich sind, das müssen die Deutschen wieder verlieren. Stattdessen will Scholz darauf setzen, die Befristungsquote zu senken und die Moral im Land wieder heben. Ein hehres Ziel, allein an der Umsetzung scheitert es im Moment und wenn man es genau nimmt ja schon seit einigen Jahren. Das warf auch Sahra Wagenknecht dem SPD-Politiker vor. Dass Firmen wie Amazon oder aktuell die Post ihre Angestellten befristet beschäftigen, der Niedriglohnsektor boomt, das sei das Versagen der Gesetzgeber. "Das sowas möglich geworden ist, ist Sache der Politik", so Wagenknecht. Sie, die natürlich auch Werbung für ihre Partei betreibt, warf der SPD vor, dass "immer im Wahlkampf" so getan wird, "als tut man was" für die Wähler. Ändern würde sich dann nichts.

Einer ihrer Vorschläge gegen Altersarmut war auch, das ALG I für die zu verlängern, die lange gearbeitet haben und auch das anzuheben. Scholz kam ihr auf halbem Weg entgegen, erklärte, dass das Schonvermögen schrittweise angepasst werden wird. Zu wenig für Wagenknecht.

Globalisierung und der deutsche Arbeitsmarkt

Die Globalisierung wird ja im Zusammenhang mit dem veränderten Arbeitsmarkt ebenfalls oft genannt. Für Wagenknecht sei dies aber gar nicht Fall. "Der Niedriglohnsektor ist kein Produkt der Globalisierung, sondern der Agenda 2010", griff sie Olaf Scholz an. Allerdings sind global agierende Unternehmen wie Amazon eben doch Teil des Problems, weil sie auch die Schlupflöcher, die der deutsche Staat ihnen bietet, ausnutzen. Scholz versprach, dass die Finanzmärkte besser reguliert werden müssen, blieb aber dann doch vage, wie genau das geschehen wird. Konkreter wurde er auch bei Wills Frage nach den befristeten Verträgen bei der Deutschen Post nicht. Am Sonntag wurde berichtet, dass die Post die Entfristung der Arbeitsverträge an Bedingungen knüpfte, die rechtlich fragwürdig sind. Dazu würde es jetzt, so Scholz, Gespräche geben.

"Wir dürfen uns nicht immer erschrecken", mahnte Scholz am Schluss der Sendung, die sozialen Bedingungen soll und wird die Politik schon regeln. Ein frommer Wunsch in unruhigen Zeiten.


Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo