HOME

stern-Logo Alles zum Coronavirus

TV-Kritik

"Anne Will": Der Corona-König bin ich: Wie Markus Söder mit seinem ständigen Selbstlob nervt

Ist eine "Kaufprämie" für Neuwagen wichtiger als die Öffnung der Kitas? Bei "Anne Will" debattierten die Gäste über Prioritäten bei den Lockerungsmaßnahmen. Während Olaf Scholz mit Verbindlichkeit punktete, brach bei Markus Söder das alte Ego durch: überheblich und selbstherrlich.

Von Mark Stöhr

Anne Will TV-Kritik

Die Talkrunde bei "Anne Will" - mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder dort, wo er sich selbst am liebsten sieht: im Vordergrund

stern

Ein paar Wochen hat Markus Söder durchgehalten. Sachlich und phasenweise sogar fast empathisch managte er die Krise. Doch jetzt, wo die erste Infektionswelle abgewehrt ist, findet der bayerische Ministerpräsident wieder zu alter Form zurück. Keine "neue Normalität" für Söder: Überheblich wie eh und je, sich selbst lobend und abschätzig auf andere zeigend, präsentierte er sich bei "Anne Will".

Die halbe Welt und ganz Europa, prahlte der CSU-Chef, schaue bewundernd auf Deutschland, "wie wir das gemeistert haben." Als würde das irgendwas besser machen. Dann folgte schon das erste Bashing. Adressat war das Robert Koch-Institut, das laut Söder endlich mal "zuverlässige Zahlen" liefern solle. Ein ziemlich perfider Populismus des 53-Jähigen, mit dem er suggerierte, die führende wissenschaftliche Anti-Corona-Instanz arbeite nicht seriös oder verweigere die Kooperation. Nur weil die Politik Angst hat, aus dem erhobenen Datenmaterial die falschen Schlüsse zu ziehen? Warum das mit der Contact-Tracing-App so lange dauere, kritisierte Söder weiter die Unfähigkeit der anderen, darüber wundere er sich auch. Verantwortlich für die Misere, natürlich: der Bund.

"Wir sollten nicht wieder in die gleichen Rituale zurückfallen", rief Markus Söder schließlich aus – erklärter Verfechter einer "Kaufprämie" für Neuwagen. Das Zombie-Lockangebot, das immer zum Einsatz kommt, wenn der Autoindustrie – wie so oft – nichts mehr einfällt, ist wieder auf dem Markt. Am Dienstag haben die Autobauer mit der Regierung dazu ein exklusives Telefondate. Davon können andere gesellschaftliche Gruppen nur träumen. "Brauchen wir eher einen Kita- als einen Autogipfel?", fragte Anne Will spitz.

Es diskutierten:

  • Markus Söder (CSU), Parteivorsitzender und Ministerpräsident von Bayern
  • Olaf Scholz (SPD), Vizekanzler und Bundesminister der Finanzen
  • Hildegard Müller, Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie (VDA)
  • Robert Habeck, (Bündnis 90/Die Grünen), Parteivorsitzender
  • Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB)

Unter der Woche sorgten Stimmen aus der Autoindustrie für Aufregung, man wolle auf die Auszahlung von Boni und Dividenden nicht verzichten. Trotz Krise und hunderttausendfacher Kurzarbeit. Und möglicherweise kommt mit der Kaufprämie ja noch eine staatliche Finanzspritze oben drauf. Cheflobbyistin Hildegard Müller legte sich mächtig ins Zeug, um ihren Autokollegen zur Seite zu springen. Sie zählte die vielen Steuermilliarden auf, die dank Daimler und Co. jedes Jahr in den Sozialstaat flössen. Boni seien ein wichtiger Bestandteil des Gehalts und Aktien ja nichts anderes als geliehenes Kapital. Und überhaupt: "Das Kurzarbeitergeld ist eine Versicherung und keine Liquiditätshilfe."

Scholz staatsmännisch, Habeck tut sich schwer

Doch so engagiert die Argumentation auch vorgetragen war: Sie verfing nicht. Die Autoindustrie hat ihre Glaubwürdigkeit in den letzten Jahren so gründlich verspielt, dass ihr jeder Hauch von Hochmut oder Privilegierung sofort rot angestrichen wird. Zumal in der gegenwärtigen Situation. Das verbindet sie mit dem Profifußball, einer Vorzeigebranche des gierigen Kapitalismus, wo schon wieder von Mega-Transfers fantasiert wird. Wie stumpf für Stimmungen, wie entfremdet vom Rest der Gesellschaft kann man sein?

Menschen sonnen sich im am Sandstrand des Strandbad am Müggelsee (Archivfoto)

Robert Habeck und Olaf Scholz hatten leichtes Spiel. Der Grünen-Chef konterte: "Das Steuergeld der Pflegerin, die wir gerade alle beklatschen, soll die Dividenden und Boni absichern? Das geht nicht." Der Finanzminister sprach von einer "komplizierten Idee – um es höflich auszudrücken". In seiner hanseatischen Staubigkeit, die lange nicht mehr so bräsig und beamtenhaft wirkt wie früher, sondern schlicht verbindlich, fuhr er fort: "In dieser Situation, in der wir uns alle unterhaken müssen, gibt es einen Comment, den wir alle beachten müssen." Scholz ist ohne Frage ein Gewinner der Corona-Krise.

Und Habeck? Der tat sich auch gestern schwer, einen Treffer zu setzen. Es gelang ihm immerhin einer. Auf die Frage, ob mit Home-Schooling und Home-Office das Patriarchat zurückkehre, antwortete er: "Implizit wurde bei jeder Entscheidung vorausgesetzt, dass Mutti es schon macht zu Hause. Wenn man die Kitas, die Grundschulen schließt, muss ja irgendeiner kochen. Möglicherweise hat die Regierung gedacht, das macht der Vater. Aber wahrscheinlich hat sie darüber gar nicht nachgedacht."

kng

Wissenscommunity