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"Anne Will" zur Coronakrise Wie sich Sachsens Ministerpräsident mit einem üblen Deutschland-Italien-Vergleich ins Abseits schießt

Anne Will (M.) diskutiert in ihrer Talkshow mit ihren Gästen über die Coronakrise in Deutschland
Anne Will (M.) diskutiert in ihrer Talkshow mit ihren Gästen über die Coronakrise in Deutschland
© NDR / Wolfgang Borrs
Ab heute darf wieder geshoppt werden, yeah! So richtig Partystimmung kam bei "Anne Will" aber nicht auf. Die talkenden Politiker zeigten sich nervös, ob die vereinbarten Lockerungen richtig sind – was Michael Kretschmer nicht daran hinderte, tief in die Chauvi-Kiste zu greifen.
Von Mark Stöhr

Eine "neue Normalität" hat uns Olaf Scholz versprochen – oder angedroht. Je nachdem, wie man es sieht. Doch aus Sachsen kam bei "Anne Will" erst einmal ein alter Nationalismus, der so infam und idiotisch war, dass es schmerzte. Michael Kretschmer, der sächsische Ministerpräsident, verlieh dem Krisenmanagement des Bundes und der Länder das Prädikat "typisch deutsch". Das sollte so viel heißen wie: Wir sind mal wieder die Geilsten. "Es gibt ein Problem", schwadronierte der Provinzfürst, "dann machen die Deutschen einen Plan, dann fangen sie an, den abzuarbeiten und zu optimieren und am Ende läuft es wie am Schnürchen." Das Gegenbeispiel benannte Kretschmer bei der Gelegenheit auch gleich mit: "Anders als in Italien." 

Wie respektlos und deplatziert kann man sich über ein Land äußern, das so augenscheinlich in allergrößter Not ist? Die deutsche Überheblichkeit, scheint es, ist im Shutdown nicht pleitegegangen. Das war die eine schlechte Nachricht des gestrigen Abends. Die andere: Nach vier Wochen gemeinsamen Pobacken-Zusammenkneifens ist das alte Hauen und Stechen zurück.

Es diskutierten:

  • Peter Altmaier (CDU), Bundesminister für Wirtschaft und Energie
  • Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP), Richterin am Bayerischen Verfassungsgerichtshof und Bundesjustizministerin a.D.
  • Michael Kretschmer (CDU), Ministerpräsident von Sachsen
  • Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft, Köln
  • Michael Meyer-Hermann, Leiter der Abteilung System-Immunologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig

Eine merkwürdige Stimmung herrschte unter den politischen Entscheidern im Studio. Zwischen aufgekratzt, weil das öffentliche Leben teilweise wieder startet – und hochnervös, weil niemand weiß, was die Lockerung mit der Infektionskurve macht. Kretschmer wies eifrig darauf hin, dass sich Sachsen gegen die Öffnung der Möbelhäuser und für die Zulassung von Gottesdiensten entschieden habe, als müsse das christliche Abendland vor Ikea geschützt werden. Eine interessante Priorisierung by the way in einem Bundesland, in dem nicht einmal ein Viertel der Bewohner einer der beiden Kirchen angehört.

"Die Dänen können das doch auch!" Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier wusste von einem aufschlussreichen Ausflug in die Realität zu berichten. Er wollte sich in seiner Lieblingskonditorei etwas zum Naschen kaufen und siehe da, potzblitz: Eine 30 Meter lange Schlange vor dem Eingang! "Da durften nur immer zwei Personen gleichzeitig rein", erzählte der Politiker offenbar ernsthaft erstaunt, was nichts Gutes über seine Wirklichkeitsnähe verheißt.

Michael Kretschmer

"Die Dänen können das doch auch!"

Gegenwind gab es von Michael Hüther vom Institut der deutschen Wirtschaft. Er bemängelte, dass die Grundschulen nicht geöffnet werden. "Bildungserfolg ist an Schulpräsenz und den dauerhaften Kontakt zu den Lehrern gebunden." Man könne die Stundenpläne entschlacken und die Klassen halbieren, schlug er vor. Sein Appell: "Die Dänen können das doch auch!" Die erschöpfte Exekutive konterte mit dem Argument, dass man mit den beschlossenen Maßnahmen bis an die Grenzen des Vertretbaren gegangen sei. Kretschmer: "In drei Wochen werden wir sehen, ob das, was wir getan haben, vielleicht schon zu weitgehend war."

Wären weitere drei Wochen Lockdown besser gewesen? Für genau diese drei Wochen hätte sich Michael Meyer-Hermann vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung eine Fortsetzung des Lockdowns gewünscht. Dieses kleine Zeitfenster, so der Wissenschaftler, hätte möglicherweise genügt, um das Virus "auszutrocknen". "Dann wären die Neuinfektionen so weit runtergegangen, dass die verbleibenden Fälle mit anderen Methoden wie Tracing und Testing hätten kontrolliert werden können." Die Politik habe sich aber für die Koexistenz mit dem Virus entschieden – mit der Folge, dass wir uns noch sehr lange mit Beschränkungen auseinandersetzen müssten, um die Gesundheitssysteme stabil zu halten. Meyer-Hermann düster: "In dem Moment, in dem wir mit den Lockerungen über ein gewisses Maß hinausgehen, kommen wir wieder in das exponentielle Wachstum des Virus rein. Und dann sind wir handlungsunfähig." 

Das Prinzip Versuch und Irrtum geht also in die nächste Runde. Es bleibt spannend und zermürbend.

mad

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