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"Circus Halligalli": Herr Steinbrück spielt mit den Schmuddelkindern

Erst Stinkefinger, jetzt "Circus Halligalli": Peer Steinbrück kämpft auf den letzten Wahlkampfmetern gegen sein biederes Image. Das gelang recht gut - auch weil Klaas und Joko Milde walten ließen.

Von Jens Wiesner

Respekt ist sicher nicht der erste Begriff, der einem in den Sinn kommt, wenn er die Namen Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf hört. Für ihre Shows strullen sich die beiden Moderatoren schon einmal öffentlich ein, trinken Brechmittel oder mampfen frittierte Gummischlümpfe. Die beiden Dreißiger sind, was Stefan Raab noch Mitte der 90er war: Frech, für jeden Quatsch zu haben und mit Schamgrenzen ausgestattet, die irgendwo zwischen Jackass und Florian Silbereisen rangieren.

Peer Steinbrück muss das Flegeln erst noch lernen. Als dermaßen bieder und technokratisch galt der SPD-Kanzlerkandidat bislang, dass eine einzige obszöne Handgeste ausreichte, um tagelang die Schlagzeilen zu bestimmen: Peer und Er - einen derartigen Stinkefinger-Hype gab es zuletzt zu Zeiten Stefan Effenbergs. Steinbrücks Ansage, an diesem Montagabend in der Blödel-Manege von Joko und Klaas auflaufen zu wollen, kam entsprechend überraschend - und war mit Fallstricken gespickt wie eine ägyptische Pharaonenpyramide.

Steinbrück wolle sich nur bei der Jugend anbiedern, zeterten die einen im Vorfeld auf Twitter. Wohlmeinendere Stimmen, meist aus der Opposition, warnten den Kanzlerkandidaten davor, sich vorführen zu lassen und am Ende als Witzfigur dazustehen. Mit Schaudern erinnerten sie an den legendären Klogriff Guido Westerwelles: Der deutsche Außenminister hatte sich 2000 zu einem Auftritt im "Big Brother"-Haus hinreißen lassen und kassiert dafür bis heute Häme.

Methode Gottschalk: Unterwürfigkeit

Mit Bangen fragten sich nicht nur die Spindoktoren: Welche Bilder würde Steinbrück vom "Circus Halligalli" mitbringen? Würden Joko und Klaas den 66-Jährigen zu Boden rangeln? Ihn ungelenk beim Twerken mit Palina Rojinski zeigen? Würde sein Kopf puterrot anlaufen, eingeklemmt zwischen den Brüsten von Oma Violetta , dem unersättlichen Sidekick der Sendung?

Steinbrück hätte ein leichtes Opfer abgegeben - wären Joko und Klaas nur in die Vollen gegangen. Doch an diesem Abend sollten die Entertainer einen anderen Ansatz wählen, die Methode Gottschalk: Mit beinahe unterwürfigem Respekt traten die beiden ihrem hohen Gast gegenüber. "Heute müssen wir mal das Gehirn einschalten! Hier kommt gleich ein Erwachsener", mahnte Klaas gleich zu Beginn der Sendung und meinte es nur halb im Spaß. Natürlich, dann und wann hagelte es die eine oder andere Spitze auf Steinbrücks Kosten ("Warum tun Sie sich das [die Kandidatur] an? Hätte es nicht gereicht, wenn Sie sich wie andere Herren um die 60 ein Motorrad kaufen und dann is' gut?"), man verlangsamte seine Sprechgeschwindigkeit beim Kanzlerduell so weit, dass es betrunken klang, schnippelte einen Clip zusammen, der ihn für das Grundrecht auf Party eintreten ließ, aber das war es auch schon.

Eine gewisse Anfangsnervosität stand beiden Seiten ins Gesicht geschrieben: Joko und Klaas wollten sich ihre Chance nicht vermasseln, einem hochkarätigen Politiker schlagfertig und trotzdem nicht inhaltsleer gegenüberzutreten. Zudem bemühen sich die beiden Moderatoren seit dem Ende der Sommerpause ernsthaft darum, ihr junges Publikum am 22. September an die Wahlurnen zu treiben. Steinbrück versuchte derweil eine Wählerschicht für sich gewinnen, die Lichtjahre von seiner eigenen Generation entfernt lebt.

"It's a long way to go and a short time to get there"

Joko und Klaas ließen ihren Ehrengast zu Rammsteins "Mein Land" einmarschieren. Steinbrück trug Anzug, zugeknöpftes Hemd und Krawatte - vor der Gefahr einer modischen Anbiederung ans Jungvolk war der Mann offenbar gewarnt worden.

Für Oma Violetta gab es einen freundlichen Händedruck, für Klaas die Antwort auf die Frage, was es einen Kanzlerkandidaten wie ihn überhaupt zu "Circus Halligalli" treibe. "Weil wir ein nettes Bier getrunken haben", verriet Steinbrück dem Publikum, hatte die Lacher auf seiner Seite und freute sich sichtlich über seine eigene Schlagfertigkeit. Oder hatte der SPD-Mann seine Witzchen vorher einstudiert? War das Geplänkel im folgenden Gespräch gar gescripted, wie es ein Zuschauer auf Twitter vermutete.

Flapsig und selten ernsthaft

Tatsächlich muteten einige der folgenden Schlagabtäusche an wie aus den besten Zeiten von RTLs "Sieben Tage, sieben Köpfe". Doch selbst wenn: Bereits seit den Vorgängershows "MTV Home" und "Neo Paradise" gehört es zum ureigenen Konzept der Sendung, Realität und Fiktion zu einem unentwirrbaren Knäuel zusammenzuwurschteln. Und dass die SPD in eine derartige Sendung nicht nur zwei, drei Jubelperser einschleust, war ebenfalls zu erwarten gewesen.

Stilmäßig erinnerten die Fragen des Moderatoren-Duos an den Kanzlerduell-Raab: Manchmal flapsig, selten ernsthaft, aber stets bedacht darauf, den langweiligen Politiker-Jargon zu unterbinden. ("Sie sind in der Schule zweimal sitzen geblieben, aber für was stehen Sie?"). Steinbrücks Konter kamen zwar nicht immer lustig rüber, saßen aber meist gut genug, um verbale Attacken ins Leere laufen zu lassen. Und einige Antworten hinterließen gar interessante Inhalte: In kritischen Situationen, wie zum Beispiel der Finanzkrise, dürfe ein Bundeskanzler seinem Volk notfalls auch die volle Wahrheit verschweigen - wenn es denn dem Allgemeinwohl dient.

Keine Hashtags mit Steinbrück

Nur einmal tappte Steinbrück doch in die Rhetorik-Falle. "Auf keinen Fall" würde er als Kanzler "Hashtags" legalisieren, gab der Politiker zu verstehen - und damit auch, dass er die im Internet gebräuchliche Verschlagwortungsmethode per Raute (#) eher im Drogenmilieu ansiedelt. Ein klares Eigentor, hatte er noch Minuten zuvor gefordert, Unwissen "lieber gleich zuzugeben als zumzuschwafeln".

Joko und Klaas ließen ihm den Fauxpas durchgehen, unkommentiert, aber mit einem süffisanten Lächeln auf den Lippen. Da hatte der SPD-Mann die beiden längst auf ihre Seite gezogen - die Sympathie der Moderatoren zu ihrem Gast war nun unverkennbar. Entsprechend artig verabschiedete sich Klaas Heufer-Umlauf auch kurze Zeit später, nach einer knappen halben Stunde Gesprächszeit: "Wir bedanken uns recht herzlich, dass Sie uns quasi externe politische Seriosität verschafft haben!" Trotzdem schade, dass es nicht andersrum gekommen ist: Gegen einen rangelnden Kanzlerkandidaten, einen Kussmund von Violetta, hätte selbst der längste Stinkefinger abgestunken. Aber wer geht schon Risiken ein, wenn er gar nicht muss?