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"Hart aber fair" Viele Dankesworte und etwas, das wirklich zählt – so lief Plasbergs Corona-Talk

"Hart aber fair – extra" zum Coronavirus
Bei "Hart aber fair – extra" ging es erneut um das Coronavirus
© Dirk Bohm / WDR / PR
In "Hart aber fair – extra" zeigte insbesondere eine Reportage eindrücklich, wie es Menschen in Zeiten des Coronavirus wirklich geht. Der Talk schwächelte dagegen sehr. Am Ende blieb eine Erkenntnis.
Von Andrea Zschocher

In "Hart aber fair – extra" ging es zwei Stunden lang darum, ein Stimmungsbild davon zu zeichnen, wie es Deutschland in Zeiten von Corona, Kontakteinschränkungen und Krisenalltag geht. Unter der Überschrift "Es ist ernst – wie viel Freiheit lässt uns Corona noch?" wurden Allgemeinplätze und Erfahrungen gesammelt. Besonders die Wortbeiträge von Sabine Bätzing-Lichtenthäler waren an vielen Stellen ärgerlich, weil sie weniger auf direkte Fragen einging, als immer wieder die Solidarität in der Bevölkerung und die Maßnahmen der Bundes- und Landesregierung zu loben.

Zu Gast bei "Hart aber fair – extra" waren

  • Sabine Bätzing-Lichtenthäler (SPD), Ministerin für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Demografie des Landes Rheinland-Pfalz
  • Stefanie Büll, Fachkrankenpflegerin einer Intensivstation der Uniklinik Düsseldorf
  • Stephan Pusch (CDU), Landrat des besonders vom Coronavirus betroffenen Landkreises Heinsberg
  • Hendrik Streeck, Professor für Virologie und Direktor des Instituts für Virologie an der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn
  • Frank Bräutigam, ARD-Rechtsexperte
  • Heinrich Bedford-Strohm, Vorsitzender des Rates der EKD, Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern

Reportage zeigte Stimmung im Land

Als Einstieg in den Talk wurde eine 30-minütige Reportage gezeigt, die ein Stimmungsbild darüber abgeben sollte, wie es den Deutschen in diesen Corona-Zeiten so geht. Da wurde ein Rentner gezeigt, der sich um seine an Parkinson erkrankte Frau sorgte, die er in diesen Tagen nicht mehr im Pflegeheim besuchen durfte. Oder der Obdachlose, der keine Anlaufstelle mehr findet, um sich zu duschen, und keinen Schlafplatz, um sich auszuruhen. Es wurde eine Familie gezeigt, die sich gerade mit einem Geschäft selbstständig gemacht hat, und nun nicht mehr weiß, wie es weitergeht. All diese Geschichten berührten, weil sie zeigten, wie es vielen Menschen zurzeit wirklich geht. Keine Expertengruppe im "Hart aber fair“-Talk kann da mithalten. Und doch versuchte ein äußerst dankbarer Frank Plasberg, er dankte seinen Gästen beinahe für jede ihrer Antworten, Zuschauerfragen zu stellen und Wissenswertes von seinen Gästen zu erfahren.

Eine Zuschauerfrage, die die Gäste betroffen machte, war die danach, ob nicht nur die Menschen, die zur Risikogruppe gehören, von den Vorsichtsmaßnahmen betroffen sein sollten. Das sei ethisch nicht vertretbar und machte den Landrat vom Landkreis Heinsberg wütend. "Ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben, in der wir die Alten, die unseren Wohlstand aufgebaut hat, jetzt als Ballast empfunden werden." Pusch warnte davor, dass das Coronavirus die Sprengkraft hat, die Welt negativ zu verändern. Und dennoch hoffe er, dass es anders kommt, weil er in seinem Landkreis, der besonders von betroffen ist, erfahren hat, wie hilfsbereit Menschen miteinander umgehen, wie die kleinen Dinge plötzlich große Relevanz erhalten.

Der bayrische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm sorgt sich, was die Distanz, die wir alle in diesen Tagen wahren sollen, für die Gesellschaft bedeutet. "Die Zeichen der Liebe sind jetzt zum Feind der Liebe geworden", wir dürfen einander nicht mehr umarmen, eng beieinander stehen und reden. Und doch, Menschen können sich anpassen, und so finden sich mehr und mehr neue Wege, miteinander im Kontakt zu bleiben, sich virtuell zu begegnen. Was dabei vergessen wird: Nicht allen Menschen steht diese Möglichkeit zur Verfügung, manchen fehlt die Infrastruktur, manchen fehlt das Wissen, vielen fehlt das Geld. An dieser Stelle wäre eine Rückbesinnung auf den Obdachlosen Walter aus der Einspielreportage wünschenswert gewesen, der in dieser Zeit weiter vereinsamen könnte.

Dankbarkeit für systemrelevante Gruppen

Ein großes Thema war der Pflegenotstand. Die Sofortmaßnahmen, die ergriffen wurden, begrüßte die Fachkrankenpflegerin Stefanie Büll. Für den Moment sei es wichtig, dass Ärztinnen und Ärzte aus dem Ruhestand geholt werden, Medizinstudierende aushelfen, Pflegerinnen und Pfleger, die die Krankenhäuser verlassen haben, ihre Hilfe anbieten. Für die Zukunft sei es aber wichtig, dass alle Berufe, die momentan als systemrelevant gelten, aufgewertet werden. Das gilt für Büll dringend auch für beispielsweise Verkäuferinnen und Verkäufer Es bleibe zu hoffen, dass nach Beifall, Wertschätzung und Dank nach der Krise, "kritisch auf unser Gesundheitssystem geguckt" wird, sagte Stefanie Büll. Und auch die Frage danach, was wir in Deutschland vorrätig haben sollten, muss diskutiert werden. Der Virologe Hendrik Streeck wunderte sich, wieso in den 90er Jahren mehr Dinge in der Bundesregierung vorgehalten wurden und hofft, dass die Regierung dahin zurückkehren wird.

Was wir von anderen Ländern lernen könnten, wollte Plasberg von seinen Gästen wissen, immerhin ist Covid-19 ein weltweites Problem. Virologe Streeck erklärte, dass insbesondere Südkorea so erfolgreich gewesen sei bei der Eindämmung von Corona, weil es enorm viele Tests durchgeführt habe. Darüber hinaus seien GPS-Daten ausgewertet worden, etwas, dass in Deutschland verboten ist. Weil konsequent alle Erkrankten in Quarantäne gesteckt wurden, sei die Verdopplungszeit dort geringer.

Weitere Fragen in der Runde zum Coronavirus:

  • Wieso ist es so wichtig, dass die Anzahl an Tagen, die zwischen der Verdopplung der Infizierten liegt (sogenannte Verdopplungszeit) möglichst hoch ist? Je länger es dauert, bis sich die Zahl der Infizierten verdoppelt, desto flacher wird die Kurve, umso weniger Menschen müssen gleichzeitig ins Krankenhaus. Gleichzeitig ist es problematisch, wenn sich nur wenige Menschen anstecken, weil es dann sehr lange dauert, bis die Herdenimmunität greift.
  • Gibt es Tests, die nachweisen können, dass man das Coronavirus bereits hatte? Ja, aber die stehen der Allgemeinheit noch nicht zur Verfügung. Sie können auch keine Aussage darüber treffen, ob und wie lange Menschen gegen Covid-19 immun sind. Die Forschung zeigt, dass gegen andere Coronaviren nur eine Immunität von sechs bis 12 Monaten besteht.
  • Ist Schutzkleidung für MitarbeiterInnen im Krankenhaus nach wie vor knapp? Leider ja. Stephan Pusch hat sich in einem Brief an China gewandt, weil viel Zeit für die Beschaffung von Schutzkleidung verwendet wird. Es wurde ihm bereits Unterstützung zugesagt. Virologe Streeck warnte davor, dass auch Pipetten bald knapp werden könnten, die nötig seien, um die Corona-Tests im Labor durchzuführen.
  • Welche Sorgen gibt es, wenn wir Deutschen uns zu großen Teilen in den eigenen vier Wänden aufhalten müssen? Es könnte zu einem Anstieg an häuslicher Gewalt kommen, fürchtete Heinrich Bedford-Strohm. Sollten Eltern erkranken, wird Hilfe auf kommunaler Ebene nötig werden. Weil Kapazitäten und Ausstattungen in Haushalten unterschiedlich sind, können nicht alle Kinder ihre Schulaufgaben so erledigen, wie vielleicht gefordert.

Stephan Pusch appellierte daran, dass in der nächsten Zeit beschlossen werden sollte, wie es für die Bevölkerung weitergeht. "Der Mensch braucht ein Ziel und eine Hoffnung", sagte er.

Der Rentner, der sich in der Reportage entscheiden musste, ob er seine persönliche Freiheit aufgibt, um für seine Frau im Seniorenwohnheim da zu sein, traf seine Entscheidung aus Liebe. Er sagte: "Das ist nicht das Wichtigste, dass ich mich eingeengt fühle. Das Wichtigste ist, dass ich für sie da bin." Und das ist in diesen schweren Zeiten tatsächlich das, was zählt. Aufeinander aufzupassen, mit Distanz und Abstand.

wue

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