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"Hart aber fair extra" zum Coronavirus XL-Sprechstunde mit Plasberg: Viele Klischees, noch mehr Fragen und eine beruhigende Antwort zum Coronavirus

Hart aber Fair zum Coronavirus
Die Expertenrunde zum Thema Coronavirus mit Moderator Frank Plasberg (r.)
© Oliver Ziebe/WDR
Das Coronavirus ist in der Primetime angekommen. Doppelte Sendezeit, eine Reportage zum Start und Beginn schon um 20.15 Uhr. Frank Plasbergs Sondersendung war für den Moderator vor allem eine gute Gelegenheit, Politiker in die Schranken zu weisen und das Publikum sprechen zu lassen.

Erst relativ spät fällt das furchterregende Wort. "Wir haben eine Pandemie", sagt Alexander Kekulé. Darauf hat Frank Plasberg nur gewartet. In Lanz-Manier wird nachgehakt. "Sie sprechen tatsächlich schon von Pandemie?" Ja, warum auch nicht? Der Virologe hat den ganzen Abend über die Dinge beim Namen genannt und dafür reichlich Applaus bekommen, da wird er jetzt nicht damit aufhören. Er sagt aber auch, erst in vier Wochen werden wir das wahre Ausmaß des Coronavirus in Deutschland erahnen.

Es ist schwer vorstellbar, wie ARD-Talkmaster Frank Plasberg seine Sendung dann noch ausweiten wird. Die kurzfristig auf 20.15 Uhr vorgezogene Extra-Ausgabe von "Hart aber fair" bot den Zuschauern bereits jetzt alles, was sie von einer Krisen-Sondersendung erwarten können: vorgezogene Sendezeit, doppelte Talkshow-Länge, anrührende Bilder, Zuschauerfragen im Videoformat. Das Thema: "Zwischen Hysterie und begründeter Angst: Wie gefährlich ist das Coronavirus?" Das erklärte Ziel: Den öffentlich-rechtlichen Fernsehzuschauern Orientierung geben, oder wie Plasberg es ausdrückte: all die großen und kleinen Fragen zum Thema Corona beantworten, in der Hoffnung, dass wir das Virus so besser verstehen.

Den größten Redeanteil hat dabei ausnahmsweise nicht Plasberg selbst, sondern der zweitgefragteste Talkshowgast dieser Tage: Alexander Kekulé, Virologe aus Halle, der gerne betont, Deutschland solle das Coronavirus nicht unterschätzen, um im Anschluss allerdings selbst zu belegen, wie unwahrscheinlich derzeit eine Ansteckung für den Einzelnen ist. Noch begehrter ist als Gesprächspartner aktuell nur Christian Drosten, Virologe an der Charité Berlin, Mitentdecker des SARS-Virus. Drosten ist allerdings sehr beschäftigt. Er informiert die Bürger täglich in einem eigenen Podcast, entwickelte mit seinen Kollegen einen Test gegen das Coronavirus und steht dem Bundesgesundheitsminister bei Pressekonferenzen zur Seite. Drosten ist sogar so gefragt, er muss gar nicht bei Plasberg in der Runde sitzen, sein Name fällt trotzdem. Als Antwort auf die Frage, ob es jemals wieder einen deutschen Forscher vom Kaliber eines Robert Kochs geben wird. Die Antwort kommt, natürlich, von Professor Kekulé. ""Man darf ja noch stolz sein auf Kollegen."

Momentaufnahmen aus dem Leben mit Coronavirus in Deutschland

Bevor Kekulé das ausführen kann, beginnt Plasberg seine Sendung allerdings untypisch mit einem Film. Die etwa 35-minütige Reportage zeigt Momentaufnahmen aus dem Leben in Deutschland mit dem Coronavirus. Zu Wort kommt eigentlich Jeder: der Hausarzt, der sich vor allem um seine älteren Patienten sorgt, der Apotheker, dem das Desinfektionsmittel ausgegangen ist, die Mutter, die ihren in Quarantäne befindlichen Sohn bei Albträumen auch weiter zu sich ins Bett kriechen lässt, der Supermarktbesitzer, der es kaum noch schafft, Nudeln und Klopapier nachzuordern und die Kölner Fußballfans, die dicht gedrängt in der Eckkneipe jubeln ("Der Alkohol killt doch die Viren.").

Die Reportage ist aufwendig produziert. Etliche Protagonisten wurden über mehrere Tage begleitet. Leider steckt der Film aber auch voller Klischees. So dürfen die obligatorischen Luftaufnahmen des Kreises Heinsberg genauso wenig fehlen (Stichwort: Dorfidylle von oben) wie der rheinische Optimismus, der sich bei jedem zweiten Gesprächspartner im Dialekt niederschlägt. Am Ende finden die Filmemacher sogar eine Familie mit einem kranken Kind. Der Eineinhalbjährige hat kein Corona, sondern eine Erbkrankheit. Die Behandlung ist teuer, ein Benefizkonzert mit 600 Leuten war bereits organisiert. Jetzt musste das Event Corona bedingt abgeblasen werden. 

Das alles ist schlimm. Natürlich. Aber auch etwas viel für den Einstieg in eine Zwei-Stunden-Sendung, die normalerweise nur 70 Minuten dauert. Und am Ende, dem Reporterglück sei Dank, muss das Interview mit dem Heinsberger Landrat vor laufender Kamera unterbrochen werden: Der Bundesgesundheitsminister ruft auf dem Handy an.

Was Jens Spahn zu Kommunalpolitiker Stephan Pusch sagt, bleibt dem Zuschauer verborgen. In die anschließende Diskussionsrunde bei Plasberg hat es der Bundesminister nicht geschafft. Er lässt sich vom NRW-Kollegen vertreten:

Es diskutierten:

  • Karl-Josef Laumann (CDU), Gesundheitsminister des Landes Nordrhein-Westfalen
  • Prof. Dr. Alexander Kekulé, Virologe, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg 
  • Dr. Susanne Johna, Oberärztin für Krankenhaushygiene, Vorsitzende des Marbuger Bundes
  • Prof. Borwin Bandelow, Psychater und Neurologe, Angstforscher

Als Experten außerdem dabei:

  • Annabel Oelmann, Vorständin der Verbraucherzentrale Bremen
  • Pro. Dr. Joachim Kugler, Gesundheitswissenschaftler TU Dresden

 Professor Kekulé hat sich schon vor seinem Studio-Auftritt Plasbergs Aufmerksamkeit gesichert und in diversen Interviews am Montag einige Ideen öffentlich gemacht. 14-tägige Corona-Ferien war so eine Schlagzeile, die auch Plasberg nicht liegen lassen will. Wie war das gemeint? "Wenn wir die Infektionsketten unterbrechen wollen, müssen wir das jetzt machen", erklärt Kekulé. In sechs Wochen sei es zu spät. Der einzige Politiker in der Runde schüttelt ungerührt den Kopf und verweist auf die großen Unterschiede bei der Verteilung der Coronafälle allein in Nordrhein-Westfalen: Krisenregion im Rheinland, nur ein einziger Fall in Westfalen. "Warum soll ich in Bielefeld die gleichen restriktiven Maßnahmen ergreifen wie in Heinsberg", fragt Minister Laumann. Außerdem: "Wenn wir von heute auf morgen alle Schulen und Kitas in betroffenen Regionen schließen, wissen auch die dringend benötigten Ärzte und Krankenschwestern nicht, wie sie ihre Kinder betreuen sollen."

NRW-Gesundheitsminister findet manches "blamabel"

Überhaupt das medizinische Personal, immer wieder nimmt der CDU-Mann die Männer und Frauen in den weißen Kitteln in den Fokus. Bemerkenswert deutlich zweifelt Laumann dabei die Leistungsfähigkeit des deutschen Gesundheitssystems an. Bei Vorsorge und Versorgung gebe es doch erstaunliche Lücken. Nie hätte er gedacht, dass wir in Deutschland nicht genügend Infektionsmasken und Schutzanzüge für Ärzte haben. "Blamabel" sei das. Jeder erfahrene Politiker wisse zwar, dass man inmitten einer Krise keine Strukturdebatte anfängt, aber einen Zettel mit den Lehren, die man nicht vergessen darf, könne man schon mal anfangen zu füllen. 

Die Zuschauer sind mit ihren eingespielten Fragen noch nicht in der Zukunft. Das Hier und Jetzt interessiert: Wie unterscheide ich Grippe von Corona? Sollte ich meinen Urlaub absagen? Und wie versorge ich eigentlich meinen Hund, wenn ich mal in Quarantäne muss?

Die Ausrichtung am Publikum ist gewollt. Streng verbietet Plasberg seinen Gästen Ausflüge in andere Unterthemen. Susanne Johna, die Krankenhaushygienikerin, liefert praktische Tipps für den Alltag - und will als Vorsitzende des Marburger Bundes den Abbau von Krankenhausbetten aus wirtschaftlichen Gründen kritisieren. Die alte Bertelsmannstudie soll wieder herhalten. Wie viele Krankenhäuser brauchen wir denn nun in Deutschland? Plasberg unterbricht: ein interessantes Thema. Für eine andere Sendung. Es ist der vielleicht stärkste Moment des Moderators, denn eigentlich hat Professor Kekulé längst übernommen. Er antwortet auf alles und gibt gleichzeitig noch Anregungen für den Faktencheck zur Sendung. Plasberg kann sich darauf konzentrieren mit hochgezogener Augenbraue zu betonen, wie verunsichert viele Menschen sind.

Würde der Angstforscher nicht so zögerlich dreinblicken, man würde sich mehr Einsatz von ihm wünschen. Er sagt: "Angst ist kein guter Statistiker. In Krisenzeiten denken wir immer, wir sind die nächsten, die sich anstecken." Und: "Man kann die Angst nicht einfach wegatmen und grünen Tee trinken." Aha. Rolle erfüllt.

Die beruhigendste Zahl nennt der Virologe: Nach seinen schlimmsten Schätzungen "rennen in Deutschland gerade 5000 Menschen mit Coronavirus umher." Die Wahrscheinlichkeit in einem Land mit 82 Millionen Einwohnern genau einen dieser 5000 zu treffen, sei wirklich sehr gering. Und selbst dann: Im Schnitt werde nur jeder 10. Kontakt eines Corona-Infizierten angesteckt.

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass der Coronavirus wohl noch einige abendliche Sendungen füllen wird. Informationen gab es viele, Orientierung in Teilen, dafür ist das Thema inzwischen vielleicht einfach zu groß. Selbst für eine Sondersendung.

Außerdem gelernt: Minister lassen sich gerne gegen die Grippe impfen, Virologen eher nicht. Und Frank Plasberg ist sich für keine Pointe zu schade: auf den obligatorischen Handschlag für jeden Gast am Ende der Sendung wird verzichtet. Aber damit ist der Moderator in bester Gesellschaft: Bundesinnenminister Horst Seehofer hat gestern der Bundeskanzlerin die Begrüßung mit Berührung versagt. Das wurde natürlich als Einspieler gezeigt. So viel Zeit muss sein.


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