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Knastshow auf Sat.1 Tränen, Wutausbrüche und Intrigen: Das richtet "Promi Big Brother" bei den Bewohnern an

Danni Büchner zeigt sich bei "Promi Big Brother" nicht immer von ihrer herzlichen Seite.
Danni Büchner zeigt sich bei "Promi Big Brother" nicht immer von ihrer herzlichen Seite.
© Henning Kaiser / DPA
Mehr als nur Trash-TV: Die Knast-Askese bei "Promi Big Brother" muss man erstmal stemmen können. Über Danni Büchner & Co. lässt sich nicht nur bestens lästern. Es wird Zeit, die psychische und physische Leistung der Container-Insassen anzuerkennen. Eine Würdigung.
Von Sylvie-Sophie Schindler

Wer noch nie gelästert hat, der werfe den ersten Stein. Selbst der veganste Veganer, der die CO₂-Bilanz eines Gänseblümchens hat und sich aus seinem Green-Smoothie-Paradies sonst nicht vertreiben lässt, hat sich schon mindestens einmal zu Böszungigkeit hinreißen lassen. Dank Trash-TV muss man sich noch nicht mal schämen, über andere herzuziehen. Wer den Läster-Exzess sucht, kann sich aktuell beispielsweise auf die "Promi Big Brother"-Insassen stürzen. So von oben herab auf Menschen zu schauen ist allerdings wie Chips aus der Chipstüte zu ziehen: kein Kunststück.

Dabei leisten die TV-Container-Promis so allerhand, dem großer Respekt zu zollen ist. Selbst wenn Lockdown-Phasen uns haben spüren lassen, was Buden-Arrest heißt, und wir glauben, mitreden zu können, zumindest ein bisschen, sollten wir den Ball flachhalten. Die PBB-Knast-Askese ist nichts für warmgeduschte Netflix-Marathon-Teilnehmer.

Über zwei Drittel der PBB-Strecke ist schon geschafft, nur wenige Tage noch bis zum diesjährigen Finale. Ein guter Zeitpunkt also, um zu sagen: Chapeau! Gut, die Bewohner, heuer wegen des Weltraum-Konzepts "Raumis" und "Planetis" genannt, sind freiwillig drin. Und nicht uneigennützig. Aber wer von uns ist schon Mutter Teresa. Die einen wollen die Gewinnsumme in Höhe von 100.000 Euro abgreifen, die anderen hecheln nach Fame und einen blauen Instagram-Haken - und die allermeisten wollen das gefälligst alles zusammen.

Mangel an Luft, Bewegung und Sonnenlicht

Insofern hinkt natürlich der Vergleich mit Menschen, die zu einer Haftstrafe verurteilt worden sind, erheblich. Trotzdem fehlt es denen, die auf der fensterlosen, für Klaustrophobiker besonders herausfordernden Raumstation eingesperrt sind - das ist in diesem Jahr der "arme Bereich" -  genauso an frischer Luft, Bewegung und Sonnenlicht.

Und wem es an Sonnenlicht fehlt, dem fehlt es automatisch an einem Vitamin, das am Knochenstoffwechsel besonders beteiligt ist, an Vitamin D. "In der Regel bildet der Körper in der Haut 80 bis 90 Prozent des Vitamins selbst – mithilfe von Sonnenlicht, genauer UV-B-Strahlung. Dabei ist ein Aufenthalt im Freien nötig", informiert das Robert-Koch-Institut auf seiner Internetseite.

Der temporäre Vitamin-D-Mangel der "Raumis" führt freilich nicht gleich zu Osteoporose-Alarm. Sondern hat überschaubare Folgen wie Müdigkeit und Erschöpfungsgefühle. Das dürfte übrigens auch an der schlechten Ernährung liegen, die sich allerdings die "Raumis" selbst einbrocken. Bei ihren täglichen Penny-Einkäufen greifen sie zielsicher zu Ketchup, Toastbrot, Nudeln und Nutella. Frisches Obst und Gemüse bleiben unbeachtet liegen. Die Intention ist klar: man möchte sich möglichst satt fühlen.

Das Essen ist bei "Promi Big Brother" knapp rationiert

Das Magenknurren bleibt trotzdem. Denn das Essen ist knapp rationiert. Und das wiederum führt zu einem Phänomen, das als "hangry" bekannt ist, eine Mischung aus "hungry" und "angry", hungrig und wütend. Wenn Danni Büchner also in der Promi-WG fies herumzischelt und Paco Steinbeck rabaukig herumpöbelt, muss das nicht zwingend eine charakterliche Fehlleistung sein.

Überhaupt. Das mit der Psyche. Klar überlebt man ein paar Ketchup-Toast-Wochen, das tun Hardcore-Nerds auch, aber was richtet die PBB-Isolation mit dem Innenleben an? Familie und Freunde sind weit weg. Stattdessen wuseln und wüten Trash-Promis um einen herum. Und das 24/7.  Zum klassischen Lagerkoller kommt hinzu: Es gibt nicht genug Ballermann und damit nicht genug Ablenkung von potenziellen Kindheitstraumata und anderen düsteren Lebensepisoden.

Man ist trotz der Omnipräsenz der anderen Mitinsassen radikal sich selbst ausgeliefert. Kein Wunder, dass exzessive Heulanfälle an der Tagesordnung sind. Auch wenn einige "nur Show" sind, und das muss leider so gesagt werden, so gibt es doch zig Promi-Tränen, die nicht lügen.

Unbearbeitete Traumata sind eine Gefahr

Bauer Uwe leidet bis heute massiv darunter, dass er in der Schule wegen seiner Nase gehänselt wurde. In der Traumaforschung weiß man, dass einmalig belastende, monotraumatische Ereignisse wie zum Beispiel ein Unfall oder der Verlust einer  Bezugsperson meist nicht so komplexe Auswirkungen haben wie chronisch sich wiederholende Ereignisse wie Mobbing oder sexuelle häusliche Gewalt. Sind Traumata nicht bearbeitet, können unter anderem Angststörungen und Depressionen die Folge sein.

Eine intime Angelegenheit. Die in professionelle Behandlung gehört. Doch bei "Promi Big Brother" liefern sich die Insassen einem Millionenpublikum aus. Ihnen vorzuwerfen, sie sollten sich besser kontrollieren, ist leicht dahergesagt. Denn die durch zig Faktoren ausgelöste Anspannung – so richtig fallen lassen kann man sich nicht mal im durchgehend bewachten Schlaf – macht nun mal dünnhäutig. Wer würde da nicht, selbst wenn er nicht traumatisiert ist, dann und wann die Nerven verlieren?

Und wie belastend ist Big Brother selbst? Welche Auswirkungen kann er haben? Um das zu beantworten, muss Jeremy Bentham genannt werden. Der Jurist und Sozialreformer konzipierte im frühen 19. Jahrhundert das sogenannte panoptische Gefängnis. Es besteht aus einem Überwachungsturm, das sich im Zentrum eines kreisringförmigen Gebäudes mit einsichtbaren Zellen befindet. Von dort werden alle Insassen überwacht. Und zwar von einem einzigen Wärter, der für die Gefangenen unsichtbar bleibt.

Michel Foucault berief sich auf Bentham

Mit diesem Panoptikum beschäftigte sich auch der französische Philosoph Michel Foucault: "Die Macht ist dauernd sichtbar in Form des zentralen Turms, aber sie ist uneinsehbar, weil die Häftlinge nie wissen, ob sie tatsächlich von einem Aufseher überwacht werden." Er folgerte: "Es ist die Perfektion der Macht, die ihre Ausübung überflüssig macht. Derjenige, welcher der Sichtbarkeit unterworfen ist und dies weiß, übernimmt die Zwangsmittel der Macht und spielt sie gegen sich selber aus." Das bedeute, er internalisiere das Machtverhältnis, in welchem er gleichzeitig beide Rollen spiele. So werde er zum "Prinzip seiner eigenen Unterwerfung".

Fazit: PBB muss man erstmal stemmen können. Und man muss dann auch wieder damit zurechtkommen, wenn der Ausnahmezustand vorbei ist. Wenn die zig Ablenkungen wieder da sind und die Alltagsreize mit großer Wucht zurückkommen. Wie brutal das sein kann, erlebten auch die knapp 400 Probanden, die zwischen 1964 und 1989 für mindestens vier Wochen in den sogenannten Andechser Forschungsbunker gingen.

Das Experiment war ausschlaggebend für die Chronobiologie – die Wissenschaft, die die biologischen Rhythmen des Menschen untersucht. Kaum vorstellbar, aber die meisten Probanden wollten ihre unterirdische, ganz und gar runtergedimmte Behausung nicht mehr verlassen. An den Wänden hinterließen sie seinerzeit Nachrichten wie "Jetzt weiß ich endlich, was mir auf die Nerven geht – ich selbst."


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