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TV-Kritik

Anne Will über Böhmermann: "Hat Merkel nichts Besseres zu tun, als 'Neo Magazin Royale' zu gucken?"

Anne Will wollte in ihrer Sendung diskutieren, ob die Bundesregierung in der Causa Böhmermann vor der Türkei kuscht. Komiker Serdar Somuncu hatte eine klare Meinung - und stieß damit bei CDU-Politiker Elmar Brok auf Unverständnis.

Von Andrea Zschocher

Die Gäste von Anne Will: Fatih Zingal, Bernhard Pörksen, Sevim Dağdelen, Serdar Somuncu und Elmar Brok (l.n.r.)

Die Gäste von Anne Will: Fatih Zingal, Bernhard Pörksen, Sevim Dağdelen, Serdar Somuncu und Elmar Brok (l.n.r.)

Jan Böhmermann, Grimmepreisträger und Moderator des "Neo Magazin Royale" ist dieser Tage in aller Munde. In der vorletzten Sendung hatte er in einem Gedicht, einer Schmähkritik, den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan verunglimpft und beleidigt

Nun wollte Anne Will in ihrer Talkshow mit dem Kabarettisten Serdar Somuncu, der Linken-Politikerin Sevim Dağdelen, dem CDU-Politiker Elmar Brok, dem Professor für Medienwissenschaft Bernhard Pörksen und dem stellvertretenden Vorsitzenden der Union Europäisch-Türkischer Demokraten Fatih Zingal darüber diskutieren, ob die Bundesregierung vor der Türkei "kuscht".

Denn nach einem Satirebeitrag des NDR-Magazins "extra 3" und der ausgelösten diplomatischen Krise wurde nach dem Böhmermann-Gedicht nun ein Strafverfahren von Seiten der Türkei gegen den Satiriker gefordert

Somuncu: "Es ist gute Satire"

Von diesen überzogenen Konsequenzen wollte aber nur Fatih Zingal etwas wissen. Alle anderen Talkgäste waren sich einig, dass ein Strafverfahren der vollkommen falsche Weg sei, egal ob dem Einzelnen die Schmähkritik Böhmermanns nun gefiel oder nicht. Denn hier gingen die Meinungen stark auseinander.

"Es ist gute Satire, denn sie deckt etwas auf" befand Serdar Somuncu, der selbst mit seinen Comedyprogrammen das ein oder andere Mal aneckte. "Über Geschmack lässt sich streiten" äußerte sich Sevim Dağdelen.

CDU-Politiker Elmar Brok stand in der Sache hinter Böhmermann, sprach sich aber dafür aus, dass sowohl er als auch Angela Merkel persönlich eine andere Meinung vertreten dürften. "Man kann doch eine Auffassung haben, dass ein Text nicht gut ist" wurde er nicht müde zu betonen. Diese Litanei ging besonders Somuncu gegen den Strich, denn der forderte mehrfach, dass sich die Bundesregierung hinter seine Künstler stellen müsste. 

Ist die Bundesregierung der Türkei etwas schuldig?

Auch wenn ein Strafverfahren, über das am Montag debattiert werden soll, nicht zugelassen wird, blieb die Frage im Raum: Kuscht Deutschland vor der Türkei, weil das Land sich mittlerweile erpressbar gemacht hat? Besonders Serdar Somuncu wurde nicht müde darauf hinzuweisen, dass Merkel einen Deal mit Erdoğan bezüglich der Flüchtlinge eingegangen ist, der sie nun angreifbar macht. Die Bundesregierung benötigt die Unterstützung der Türkei, um die Verteilung der Flüchtlinge zu organisieren.

Der Komiker griff sowohl Elmar Brok als auch Fatih Zingal in der Sendung mehrfach für ausweichende Antworten an, wies auf fehlendes Hintergrundwissen hin und zog Parallelen zu älteren Vorfällen, in denen beispielsweise Polen Konsequenzen für Karnevalsverunglimpfungen forderte. Er war sich durchaus auch über seine Rolle in der Talkshow bewusst. 

"Wir sitzen hier, weil wir türkischstämmig sind" sagte er, und auch, dass er glaubte, er sollte den deutschen Zuschauern zeigen, dass sich die Türken in der Frage der Schmähkritik nicht einig sind. "Ich bin aber gegen generelles Türkenbashing" forderte Somuncu. So überlegt, wie der Komiker mit dem Thema Satire aber auch den Verbindungen Deutschland und der Türkei umging, war er fern jedes Bashings, sondern ein Beispiel für überlegene, interessierte Talkkultur. 

Elmar Brok: Diplomatische Beziehungen erhalten

Anne Will wollte in ihrer Sendung diskutieren, ob Deutschland sich von der Türkei vorschreiben lässt, was Satire und Meinungsfreiheit darf, biss sich dann aber doch immer wieder an der Frage fest, ob das Böhmermann-Gedicht Schmähkritik sei oder nicht. Während Zingal es als Beleidigung deklarierte und darauf verwies, dass auch der Hinweis Böhmermanns, eine Art "Disclaimer" vor das Gedicht zu stellen, indem er erklärte, dass seine Schmähkritik verboten sei, es nicht rechtssicherer machte, waren sich die anderen Talkgäste einig.

"Es wird strafrechtlich nicht verfolgt werden können" fasste Elmar Brok die Lage zusammen. Als Somuncu darauf nachfragte, wieso die Bundesregierung sich dann überhaupt mit den Klagen befasst, ob nicht doch Erpressbarkeit eine Rolle spielte, wiegelte Brok wieder ab. Deutschland würde nicht kuschen, allerdings könne sich das Land eben auch nicht die Partner, mit denen Deals eingegangen werden, aussuchen. Die Türkei sei, genau wie beispielsweise Saudi Arabien, kein "Rechtsstaat". Dennoch müssen eben diplomatische Beziehungen zu diesen Ländern aufgebaut und erhalten werden, um die Flüchtlingsfrage zu klären. 

"Ist Deutschland erpressbar geworden?"

"Hat Frau Merkel nichts Besseres zu tun, als sich das Neo Magazin Royale anzugucken? Guckt Erdoğan deutsches Fernsehen und regt sich über jeden dämlichen Witz auf? Das Thema, über das wir sprechen müssen ist nicht die Türkei und nicht die Demokratie in der Türkei sondern: Ist Deutschland erpressbar geworden?"

Das alles fragte Serdar Somuncu und legte damit den Finger in die Wunde. Denn Böhmermann hin oder her, auf die Frage was Satire darf, kann es nur eine Antwort geben. Satire darf alles. Was nicht passieren darf ist, dass sich Deutschland von der Türkei in die Presse- und Meinungsfreiheit hereinreden lässt. 

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