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TV-Kritik

Anne Will: Wie aus der Erdoğan-Türkei das Deutschland der RAF-Zeit wird

"Wer stoppt den Boss vom Bosporus?", fragte Anne Will und trat das übliche Erdoğan-Bashing los. Ein Parteifreund des Präsidenten hielt stellenweise klug dagegen – und punktete mit einem verblüffenden Vergleich.

Von Mark Stöhr

Anne Will in ihrer Talk-Show im Gespräch mit dem türkischen Parlamentarier Mustafa Yeneroglu

"Deutschland lief während der RAF-Zeit Amok": Anne Will im Gespräch mit dem AKP-Abgeordneten Mustafa Yeneroglu

Wenn der Bundestag diese Woche, wie geplant, eine Resolution zum Völkermord an rund einer Million Armeniern während des Ersten Weltkriegs verabschieden wird, ist die Reaktion aus Ankara vorprogrammiert: Wütender Protest, wahrscheinlich wird der deutsche Botschafter einbestellt. Die Verhaltensmuster sind so eingeübt wie festgefahren. Wir erheben den Zeige-, die Türken den Mittelfinger. Unberührt davon betreibt man fleißig Realpolitik und schließt miteinander schmutzige Deals.

"Könnte es sein, dass wir falsch schauen auf die Türkei?", fragte Anne Will ungefähr in der Mitte der Sendung. Ab da wurde es interessant. Davor wogten die üblichen Argumente und Emotionen hin und her. Die eine Seite beschwor und belehrte, die andere beschwerte sich und wurde bockig.

"Der Türkei droht ein sehr heißer Sommer"

Mustafa Yeneroğlu, ein Gefolgsmann Erdoğans, warf der pro-kurdischen Partei HDP Nähe zum Terrorismus vor, da sie sich nicht von der PKK emanzipiert habe. Der Politikwissenschaftler Burak Çopur warnte davor, die HDP zu verteufeln und aus dem Parlament zu drängen, da sie die einzige Kurden-Gruppierung sei, mit der die Regierung über einen wie auch immer gearteten Frieden verhandeln könne. Çopurs in arg apokalyptischem Ton vorgetragenes Menetekel: "Noch befinden sich die Kämpfer der PKK in den Bergen. Wenn sie aber erst in die Städte kommen, droht der Türkei ein sehr heißer Sommer."

Im Großen und Ganzen die Position der Bundesregierung – mit einigen verbalen Zuspitzungen – trug Norbert Röttgen vor. Der ehemalige Bundesumweltminister, heute Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Bundestags, bezeichnete die Aufhebung der Immunität von 50 der 59 HDP-Abgeordneten als "Staatsputsch". Dadurch würden die Mehrheitsverhältnisse im türkischen Parlament so manipuliert, dass Erdoğan endlich die ersehnte Zweidrittel-Mehrheit für eine Verfassungsänderung und die Einführung der Präsidialdemokratie erhalte. Röttgen nannte sie: "autokratisches System".

Deutschland lief während des RAF-Terrors Amok

Das stimmt wahrscheinlich alles. Trotzdem lud die Diskussion insbesondere im zweiten Teil dazu ein, immer mal über seine eigene Wagenburg der gesicherten Meinungen hinauszuschauen und die Gegen-Perspektive zuzulassen. Dies war ausgerechnet dem AKP-Mann Yeneroğlu zu verdanken, der sich als kluger und sachlicher Argumentierer entpuppte, und der "Spiegel"-Journalistin Christiane Hoffmann, die ihn an manchen Stellen milde unterstützte.

Als es um das brutale Vorgehen der türkischen Armee gegen die PKK im Südosten des Landes ging – es war von 500.000 Binnenflüchtlingen die Rede –, konterte Yeneroğlu mit einem türkischen Sprichwort: "Für Ledige ist es leicht, sich von seiner Frau scheiden zu lassen." Was so viel heißen sollte wie: Ihr habt gut reden, bei euch geht nicht jeden Tag irgendwo eine Bombe hoch. Der Politiker erinnerte daran, wie Deutschland in der Zeit des RAF-Terrors Amok gelaufen sei bei "nur" 34 Opfern. Noch heute sei nach dem Paragrafen 129a die "Sympathiewerbung" für Terrorgruppen strafbar.

Hoffmann zufolge ringt die Türkei mit einer Spaltung, die im Westen zu wenig wahrgenommen werde, ohne die das Land aber nicht in seiner Gänze zu verstehen sei. Die eine Hälfte der Bevölkerung sei städtisch, modern und säkular, die andere ländlich, traditionell und islamisch. Eben Letztere habe Erdoğan an die Macht gebracht. "Die Türkei ist auf einer Identitätssuche", sagte Hoffmann. Die von der AKP vorangetriebene "Re-Islamisierung" sei jedoch noch lange kein Grund, "einen Gottesstaat an die Wand zu malen".

Anne Will spricht von Völkermord - Yeneroğlu von Umsiedlung

Moralische "Gardinenpredigten" kämen in der Türkei nur als Bevormundungen an und führten ins Leere. Auch die anvisierte Völkermord-Resolution des Bundestages hält die Journalistin für problematisch – und wählte einen nicht minder problematischen Vergleich: Genauso gut können man die Bartholomäusnacht, also die Pogrome gegen die protestantischen Hugenotten in Paris im im August 1572, anprangern und Frankreich bitten, diese Ereignisse aufzuarbeiten.

Als Anne Will ganz zum Schluss Mustafa Yeneroğlu auf den Begriff Völkermord festnageln wollte für das, was den Armeniern – auch mit Unterstützung deutscher Truppen – 1915 und 1916 angetan worden ist, begann ein eher unwürdiges Gezerre um Definitionen. Yeneroğlu ließ lediglich die Bezeichnungen "Umsiedlungsaktionen" und "Massaker" gelten. "Der Begriff Völkermord", dozierte er, "setzt eine systematische Zerstörungsabsicht voraus." Und: "Diese Absicht gab es nicht." Der deutsche Botschafter kann sich diese Woche schon mal auf seine Einbestellung freuen.