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TV-Kritik

"Anne Will": Kuscheln, bis die Zölle kommen

Ranschmeißerischer Macron, unterwürfige Merkel – haben sie in den USA wirklich etwas erreicht oder war´s nur heiße Luft? Und: Droht nun ein Handelskrieg? Ein Talk zwischen Entwarnung und Worst-Case-Szenario.

Von Sylvie-Sophie Schindler

"Erst Macron, dann Merkel - wer hat mehr bei Trump erreicht?" Anne Will (.r.) hat sich mit ihrem Talk-Thema vergaloppiert

"Erst Macron, dann Merkel - wer hat mehr bei Trump erreicht?" Anne Will (.r.) hat sich mit ihrem Talk-Thema gehörig vergaloppiert

In ihrer Abmoderation nannte Anne Will die soeben abgeschlossene Debatte einen "Ritt durch die Weltgeschichte". Was soll das? Hat sich die ARD-Talkerin bereits bei Trump narzisstisch infiziert? Viel näher an der Wahrheit dran ist, dass man sich bei dem Thema "Erst Macron, dann Merkel - wer hat mehr bei Trump erreicht?" gehörig vergaloppierte. "Wozu die ganze Diskussion?", hieß es im Forum zur Sendung. Oder: "Selten wurde eine derart blödsinnige Frage erörtert." Letztlich einigte sich die TV-Runde grob darauf, Macron sei zu ranschmeißerisch gewesen. Nicht eindeutig beantwortet wurde, ob Merkel sich zu unterwürfig gegeben hatte.

"Wir sollten nicht so tun, als ginge die Welt zu Ende"

Peter Altmaier, Bundesminister für Wirtschaft und Energie, mahnte, das transatlantische Verhältnis würde inzwischen auf dem Spiel stehen. Damit verbunden die Frage: kommt ein Handelskrieg? Entwarnung gab John Kornblum, früherer US-Botschafter in Deutschland: es hätte bereits viel schlimmere Phasen zwischen den USA und Europa gegeben. Er verwies, denn dorthin müsse man schauen, auf den Beginn einer neuen Weltordnung auf Basis der Digitalisierung. Und im digitalen Zeitalter würden Zölle ohnehin an Bedeutung verlieren: "Wichtiger ist Strategie." Außerdem mit in der Runde waren Grünen-Politiker Jürgen Trittin, Journalistin Christiane Hoffmann und Dieter Kempf, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie.

Mit der Mission, Präsident Donald Trump in Sachen Außenpolitik zu beeinflussen, reisten in der eben vergangenen Woche Emmanuel Macron und Angela Merkel in die USA. Betreff Fristablauf 1. Mai. Oder die Frage: gibt es eine Verlängerung der Ausnahmeregelungen der USA für die EU-Staaten bei den neuen Zöllen auf Stahl- und Aluminiumprodukte? Beschwichtiger Kornblum: "Wir sollten nicht so tun, als ginge die Welt zu Ende, wenn es ein paar Zölle mehr gibt." Merkel hatte bei ihrem US-Arbeitsbesuch gesagt: "Der Präsident entscheidet." Und hätte damit denn auch das getan, was Trump der Persönlichkeitsanalyse Kornblums zufolge brauche: "Er muss das Gefühl haben, dass er die Entscheidungen alleine trifft, das ist für ihn wichtig." Aber, ähm, wollte Will wissen, hätte sich Merkel da nicht zu sehr untergeordnet? Im Hinblick auf das Atomabkommen mit dem Iran, für das am 12. Mai ein Entschluss Trumps über die Fortführung von Sanktionen erwartet wird, gab Altmaier deutlich zu verstehen, dass man in Europa "einer Meinung" sei. Dennoch gelte: "Amerika ist unser Freund."

Klare Worte im Online-Forum von "Anne Will"

Was also ist bei den Staats- und Arbeitsbesuchen erreicht worden? Merkel sei wohl mit leeren Händen heimgekommen, mutmaßte Christiane Hoffmann, und wohl auch Macron: "Wir wissen nicht, ob sie überhaupt was erreicht haben." Jede Menge Streichel -und Schmuseeinheiten hat es unübersehbar für Macron gegeben. Und der hat auch entsprechend zurückgekuschelt. "Absolut zweifelhaft", urteilte Hoffmann. Die Annahme, dem narzisstischen Präsidenten auf emotionaler Ebene entgegenzukommen, um ihn um den Finger wickeln zu können, sei falsch. "So kann man Trump politisch nicht beeinflussen." Respekt für Macron zollte hingegen Kornblum: "Die Franzosen sind gut in sowas." Zudem wäre Macron ein ähnlicher Narzisst wie es Trump sei: "Da haben sich zwei gefunden." Merkel hätte die viel bessere Figur abgegeben. Im Online-Forum gab es, wie auch sonst, die deutlicheren Worte: "Merkel und Macron sind beide wie kleine Kinder behandelt worden: Küsschen, Schuppen vom Jackett streichen, Schultern tätscheln".

Schnell im Boulevard angekommen war Anne Will bereits am Beginn der Sendung mit der Feststellung: "Donald Trump begrüßt inzwischen französisch." Von Bussi-Bussi sich bloß nicht einlullen lassen – Jürgen Trittin riet den europäischen Staatsoberhäuptern stattdessen zu dieser Taktik: "Wer den Handelskrieg vermeiden will, muss eigentlich auftreten wie Trump und sagen, ich habe keine Angst davor." Ein bisschen US-Kritik dann doch von Altmaier: "Ich hätte mir auch gewünscht, dass die USA aus dem Klimaabkommen nicht ausgestiegen wären und keine einseitigen Zölle verhängt hätten." Nun kann man so viel reden und kuscheln, wie man will, die USA werden sich erst am 1. Mai entscheiden. Und dabei bleibt's.