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Staatsbesuch in Washington Das steckt wirklich hinter Macrons und Trumps "fantastischer Freundschaft"

Emmanuel Macron (l.) und Donald Trump im Oval Office im Weißen Haus in Washington
Echte Freunde? Von wegen! Emmanuel Macron (l.) und Donald Trump im Oval Office im Weißen Haus in Washington
© Ludovic Marin / AFP
Emmanuel Macron ist in Washington, um das amerikanisch-europäische Verhältnis aufzupolieren. Die Hoffnung auf Ergebnisse beruht auf der "fantastischen Freundschaft" zwischen Frankreichs Präsidenten und Donald Trump. Doch die gibt es gar nicht.

Der drohende Handelskrieg, das Atomabkommen mit dem Iran, der Syrien-Krieg, der Umgang mit Russland, der Klimaschutz: Emmanuel Macron mangelt es während seines Staatsbesuchs in Washington nicht an Gesprächsthemen. Bei der Einschätzung seiner Chancen, in diesen Streitfragen zwischen Europa und den USA Fortschritte zu erzielen, wird immer wieder auf das gute Verhältnis zwischen Macron und US-Präsident Donald Trump verwiesen - auch von den Protagonisten selbst. Das Weiße Haus spricht von einer  "fantastischen Freundschaft", Macron von einer "sehr starken persönlichen Beziehung".

Doch Macron und Trump sind alles andere als "fantastische Freunde". Was sie verbindet, ist keine persönliche Zuneigung, sondern das Gespür dafür, wie man die Klaviatur der Emotionen bespielt, um zum Erfolg zu kommen. Das haben beide in ihren Wahlkämpfen bewiesen - ohne diese Fähigkeit stünde keiner von ihnen dort, wo er sich jetzt befindet - und das ist auch der wahre Hintergrund ihres nach außen hin so herzlichen Umgangs miteinander.

Macron handelt "nicht ohne Hintergedanken"

Vor allem Macron hat früh erkannt, wie Donald Trump tickt, und sich darauf eingestellt. Bei ihrem ersten Zusammentreffen im Mai 2017 auf dem Nato-Gipfel in Brüssel verschaffte er sich mit dem berühmten Sechs-Sekunden-Händedruck den Respekt des US-Präsidenten - "nicht ohne Hintergedanken", wie er hinterher zugab. Er habe damit zeigen wollen, dass er keine kleinen Zugeständnisse machen werde. Auch nicht symbolischer Art.

Seinem Kraftbeweis lies der Franzose eine Charmeoffensive folgen: Als Trump beim anschließenden G7-Gipfel im italienischen Taormina ein Bekenntnis zum Pariser Klimaschutzvertrag verweigerte, sprach Bundeskanzlerin Angela Merkel von einer "sehr unzufriedenstellenden" Diskussion, während Macron den US-Präsidenten als "offen" und "gewillt zu guter Zusammenarbeit" lobte. Auch beim G20-Gipfel in Hamburg im Juli 2017 suchte Macron Trumps Nähe und tauschte viele Freundlichkeiten mit ihm aus.

Als Höhepunkt seiner Psychopolitik lud Macron Trump schließlich zum französischen Nationalfeiertag im Juli 2017 ein. Dort bereitete er ihm einen pompösen Empfang - inklusive Galadinner mit Ehefrauen auf dem Eiffelturm. Noch heute schwärmt der US-Präsident von der traditionellen Militärparade auf den Champs-Elysées, deren Ehrengast er war, und die ihn so beeindruckte, dass in Washington am 11. November eine ähnliche Veranstaltung stattfinden soll.

Trump zeigt sich empfänglich für Macrons Ehrungen

Macrons Schmeicheleien zeigten Wirkung: Von den berüchtigten Twitter-Tiraden seines Amtskollegen blieb der 41-Jährige bislang verschont. "Er darf Trump Sachen sagen wie international kaum ein Zweiter", konstatierten US-Medien in den vergangenen Tagen. Und nun wurde Macron als erster Politiker überhaupt von Trump im Rahmen eines Staatsbesuchs mit sämtlichen protokollarischen Ehren empfangen. Darüber hinaus ist er als erster Präsident Frankreichs eingeladen, am Mittwoch eine Rede vor dem US-Kongress zu halten.

Doch dass sind alles Oberflächlichkeiten. Macron hat es zwar geschafft, sich den US-Präsidenten gewogen zu machen, entscheidend ist aber, was sein taktischer Schmusekurs an handfesten politischen Ergebnissen bringt. Und da sind die Hoffnungen eher gering. Denn Donald Trumps politisches Handeln ist nicht vernunftgesteuert, er will in erster Linie seine Wähler beeindrucken, besonders jetzt, wo im Herbst die Zwischenwahlen zum US-Kongress anstehen. Und das glaubt er am besten zu erreichen, indem er sein "America First"-Versprechen erfüllt. Freier Welthandel, friedenstiftende Außenpolitik oder Engagement im Klimaschutz gehören nicht dazu.

Ein Macron-Berater übte sich denn auch schon vor dessen Abreise nach Washington im Tiefstapeln: "Diplomatische Durchbrüche sollte man nicht erwarten." Der französische Präsident verfolge bei seinem Besuch eher das Ziel, "Überzeugungsarbeit zu leisten und die Dinge in die richtige Richtung zu lenken".

Donald Trump ist ein unzuverlässiger Partner

Nicht unwahrscheinlich also, dass Trump seinen "fantastischen Freund" nach drei Tagen mit leeren Händen nach Hause schickt. Wie wenig Wert eine enge Beziehung zum Chef im Weißen Haus hat, wenn sie diesem nicht mehr nützt, mussten vor Macron schließlich schon andere Erfahren. Da bräuchte Frankreichs Präsident nur mal Steve Bannon zu fragen. Der "Breitbart"-Gründer wurde innerhalb kurzer Zeit von Trumps engstem Berater zum "liederlichen Steve Bannon, der geheult und um seinen Job gebettelt hat, als er gefeuert wurde."

Einen Vorgeschmack auf Trumps mangelnde Verlässlichkeit hatte auch Macron vergangene Woche bekommen: Nur wenige Stunden nachdem der Franzose verkündet hatte, er habe den Republikaner von der Notwendigkeit eines Verbleibs in Syrien überzeugt, hieß es aus Washington, der US-Präsident halte an seinem geplanten Truppenabzug aus Syrien fest. Am Ende kann sich Macron in seiner "sehr starken persönlichen Beziehung" zu Trump nur einer Sache sicher sein: Donald Trumps einziger wirklicher Freund heißt Donald Trump.


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