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Charlotte Roche: Die Neue in der Klasse

Seltsam ist sie. Schlau. Und angenehm anders: Charlotte Roche gilt seit Jahren als große Fernsehhoffnung. Jetzt trifft sie erstmals aufs Massenpublikum. Und am Anfang wird wie immer gefremdelt.

Von Oliver Link und Thomas Rabsch (Foto)

Einen kleinen Moment noch. Schauen wir es uns erst einmal in Ruhe an, das Fernsehwunder von Köln. Sie schaut sich suchend um in der riesigen Eingangshalle dieser seltsam seelenlosen Medienfabrik Viva. Als Hoffnungsträgerin hat man sie bezeichnet, als Retterin des Musikfernsehens, als Ausnahmemoderatorin - sie sollte schon so viel sein, da kommt es auf das bisschen Fernsehwunder auch nicht mehr an.

Die in London geborene und in Mönchengladbach aufgewachsene Charlotte Roche, 25, ist ein Phänomen. Kaum eine Fernsehgestalt wurde mit so viel Lob bedacht wie sie, mit hymnischen Artikeln, mit Grimme-Preis-Nominierung und Bayerischem Fernsehpreis, und das, obwohl man sie gar nicht oft zu sehen bekommt. Seit fünf Jahren moderiert sie, praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit, vor zehn- bis fünfzigtausend Zuschauern ihre tägliche Musiksendung "Fast Forward" auf Viva, interviewt charmant und immer gut vorbereitet Musiker, von unbekannten Bands bis zu Weltstars wie Robbie Williams und Madonna. Harald Schmidt lädt sie gern in seine Sendung ein, nennt sie die "Queen of German Pop Television". Seit kurzem ist sie nun mit ihrer wöchentlichen Interviewreihe "Charlotte Roche trifft..." auf ProSieben zu sehen. Das erste Mal regelmäßig vor der breiten Masse.

Wie sie da so steht und den heranstürzenden Teenies geduldig Autogramme gibt, ist sie eine kleine Enttäuschung. Sie sieht so - so normal aus. Immerhin wird sie gern mit Wörtern wie "krass", "schrill" oder "schräg" beschrieben, als krass geschminkt, krass gekleidet, und als modisches Statement ließ sie sich angeblich die Brüste verkleinern - eine hübsche Falschmeldung, die sie aus Spaß dem "Spiegel" untergejubelt hat.

Ihr kleiner, zierlicher Körper verschwindet unter einem Poncho - na gut, lange nicht gesehen, aber wohl eher unkrass, unschrill, unschräg. Auch von krasser Schminke keine Spur. Man geht zu ihr, Guten Tag, und wenn man sie dann eine Weile aus der Nähe erlebt, wird schnell klar, dass sie eine Besondere ist.

Es ist wohl die Art, wie sie redet, wie sie denkt, sich in komplizierte Gedanken verrennt - etwa den, ob sie jetzt, wo sie für ein breites Publikum zu sehen ist, sich unbewusst "unmainstreamiger" verhalte, um dem Vorwurf seitens ihrer massengeschmackverachtenden Fan-Gemeinde zu entgehen, "mainstreamig" zu sein. Oder sie fragt sich, ob es überhaupt Authentizität im Fernsehen geben kann; sie glaubt: nein, weil alles vor der Kamera bewusst sei, inszeniert - dann verlässt sie ihr Gedankengebäude kurz zum Luftholen, verliert den Faden, um dann mit dem schönen Satz zu enden: "Furzen im Schlaf, das ist authentisch."

Sie ist die,

die am wenigsten versteht, was die Leute in ihr sehen, sie liest die Artikel über sich und sieht ein absurdes Kunstwesen, das immer größer und bedrohlicher wird, sie unter einen Druck setzt, den sie bislang nicht kannte. "Damals bei Viva habe ich Erwartungen erfüllt, die niemand an mich gestellt hat", sagt sie. "In Wahrheit haben die Kritiker, die mich toll fanden, kaum eine Sendung gesehen und nur voneinander abgeschrieben. Das ist jetzt anders." Bei ihrer ersten ProSieben-Sendung haben alle genau hingeschaut. Und sie scheitern sehen.

Da saß sie mit Anke Engelke, mehr als eine Million Menschen sah zu. Die Fragen wirkten oft seltsam leicht und unbedarft, doch Engelke mochte sie, das hat das Ganze gerettet. Bei der zweiten Sendung mit dem Regisseur Quentin Tarantino brach die Quote fast um die Hälfte ein. Dabei hatte die Moderatorin den verschrobenen Filmemacher "gut aufgekriegt", ihn damit überrascht, dass sie mit dem Zeigefinger zwischen den Lippen eine Gitarrenmelodie aus "Pulp Fiction" nachmachte - ein typischer Charlotte-Moment, eine kleine kostbare Unberechenbarkeit, die alles ruinieren oder zu etwas Besonderem machen kann. Bei ihr funktioniert das.

"Solche Sachen plane ich nicht", sagt sie, "die fliegen mich an, wenn ich spüre, dass mir das Gespräch wegrutscht, ich seh mir von außen selber dabei zu." Einen ähnlichen Moment hatte sie, als sie Robbie Williams interviewte und er auf ihre Frage, was er gerade für Musik höre, antwortete: seine eigene. Das sei ja so, als ob man sein eigenes Sperma trinke, entgegnete sie dem erst irritierten, dann amüsierten Popstar. "Ich war total überrascht, dass ProSieben das dringelassen hat", sagt sie. Ohne es zu wissen, hatte sie mit diesem Interview den Test bestanden, der Sender gab ihr eine eigene Show.

Das breite Publikum wird sie vermutlich nie erobern, dafür ist sie zu seltsam. Richtig bekannt wurde sie ohnehin nicht durch ihre Fernsehsendungen, sondern durch eine Familientragödie. "Ich steige in ein Taxi, der Fahrer dreht sich um, fragt mich: Sind Sie nicht diese Charlotte Roche von Viva? Ist Ihnen nicht dieser schlimme Unfall in der Familie passiert damals?" Es war vor zwei Jahren, als sie Eric Pfeil, den Vater ihrer inzwischen elf Monate alten Tochter Polly, in London heiraten wollte. Ihre Mutter Liz verunglückte auf der Autobahn auf dem Weg zur Hochzeit. Sie überlebte den Unfall schwer verletzt, Charlottes Brüder William, Dennis und David kamen ums Leben. "Das ist immer noch nicht richtig bei mir angekommen", sagt Roche, die über diesen Tag nicht sprechen mag, nicht sprechen kann.

Die Boulevardpresse war damals hinter ihr her, wenige Wochen nach dem Unfall wurde sie von einem Paparazzo abgeschossen, als sie lachend mit ihrem Freund auf der Straße vor ihrer Wohnung stand. Dann meldete sich die "Bild"-Zeitung. "Sie haben mich erpresst", sagt Roche. "Entweder du gibst uns ein Interview, oder wir machen eine Geschichte, die nicht gut ist für dich. In der Art "So tief ist ihre Trauer", daneben eine lachende Charlotte Roche."

Sie gab kein Interview. Und "Bild" hatte geblufft. Es erschien keine Geschichte. Seitdem liegt sie mit dem Blatt im Krieg. So wurde dort einen Tag nach der ersten ProSieben-Sendung auf Seite eins ein Bild von Charlotte in der Rubrik "Verlierer" veröffentlicht, weil sie "nur" 1,07 Millionen Zuschauer sehen wollten. "Dabei war die Quote ein Hammer", sagt sie.

Erst seit kurzem schlägt

sie sich mit Quoten, Marktanteilen und werberelevaten Zielgruppen herum, früher musste sie sich um so was nie Gedanken machen. Sie ist Produzentin ihrer Sendung, hat gemeinsam mit Brainpool die Produktionsfirma Ponani Enterprises gegründet, die ihr zur Hälfte gehört. Wenn es mal nicht mehr läuft, sagt sie, "gehe ich eben kellnern, kein Problem".

Sie hat schon immer eher nein gesagt, war immer etwas schwieriger als andere. "Viele Freunde von heute hätten mich früher unausstehlich gefunden", sagt sie. Sie hat als 15-Jährige mit Brotmessern an sich rumgeschnitten, sich Blut abgezapft und ins Gesicht geschmiert, um sich dann wortlos in einen Raum voller Erwachsener zu stellen. Einfach so. Sie hat alle Drogen genommen bis auf Heroin, wollte mal auf einer Party aus dem dritten Stock springen, hing schon draußen und trat noch nach den Händen, die sie an ihren Kleidern festhielten und wieder in die Wohnung zerrten.

Auch weiß sie davon zu berichten, wie es sich anfühlt, einen erwachsenen Mann zusammenzuschlagen. "Mit dem Fuß rein in den Magen, gegen den Kopf, ein unglaubliches Gefühl." Immerhin, so sagt sie, habe der Typ gesagt, sie solle ihn schlagen, "er hat wohl nicht damit gerechnet, dass ich es wirklich mache, tja, falsch gedacht". Wie sie diese irre Zeit überlebt hat, kann sie nicht sagen. "Es hörte einfach irgendwann auf."

Man starrt sie wortlos an, während sie das erzählt, findet nicht mehr so recht zurück in dieses freundliche Gesicht, das man sich mit Blut verschmiert oder wutentbrannt beim Zutreten vorstellt. Die alte Charlotte, sagt sie, die komme nur noch mal durch, wenn sie Schnaps trinke. "Inzwischen", sagt sie, "finde ich mich schon sehr doll nett."

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