HOME

Die Medienkolumne: Die Unterschicht und das Fernsehen

Frauentausch, Supernannys, Gerichtsshows - während die Vertreter der so genannten Unterschicht 24 Stunden Privatfernsehen konsumieren, macht der Begriff Unterschicht eine geradezu gespenstische Karriere in den Medien.

Von Bernd Gäbler

Von vielen gar nicht bemerkt, fand am Montagabend um 21 Uhr im "Ersten" eine kleine Revolution statt: Bochum-Wattenscheid statt Sedan, Unterschicht statt "große Schlachten", Erkundungen in der eigenen Gesellschaft statt Arbeit am heroischen Geschichtsbewusstsein. Die ARD hat ihr Programm geändert. Zu sehen war etwas im 70er-Jahre-Sound: die gute, alte Sozialreportage "Abgehängt - Leben in der Unterschicht".

Drei junge WDR-Autorinnen hatten sich aufgemacht in ein fremdes nahes Land. Drei Familien haben sie besucht und gefilmt, ohne besonders ambitionierte Formensprache, ohne sensationelle Enthüllungen, ohne Menschen in Extremsituationen vorzuführen. Sonia Pietsch ist alleinstehend und hat drei Kinder, von denen sie alle Sorgen fernhalten will. Franz Kamelski hat sich selbst einen 1-Euro-Job verschafft, gibt an der Schule für Lernbehinderte das Essen aus und hofft, dass es da weitergeht. Der etwas größere Clan um Marko Hensel schimpft, feilscht um die Gutscheine vom Amt und zeigt sich überfordert, wenn es gilt, das Leben länger als für die nächsten zwei, drei Tage zu planen. Mit allen gehen die Autorinnen anständig um. Das zeichnet den Film aus.

Unterschicht - eine mediale Karriere

Aus sich heraus hätte dieser Film nie den Weg ins Erste gefunden. Die ARD setzt keine Themen, aber immerhin reagiert sie auf Themen. Und die "Unterschicht" macht eine geradezu gespenstige mediale Karriere. Ins Rennen geworfen wurde dieser Begriff ursprünglich von dem Historiker Paul Nolte, der damit unterstreichen wollte, dass nicht mehr Geld oder gar Arbeit das entscheidende Merkmal einer gespaltenen Gesellschaft sei, sondern der kulturelle Habitus. Schlechtes Fernsehen und schlechtes Essen - das zeichne die neuen Unterschichten aus. Später wurde aufgestockt: kinderreich, aber vaterlos seien viele Familien. Harald Schmidt benutzte eine zeitlang ironisch das Wort "Unterschicht-Fernsehen" zur Charakterisierung der Sender, von denen er kam. Er ließ es wieder, als er spürte, wie ernst es vielen mit der Abgrenzung nach unten ist. Auch viele Journalisten, denen die Angst vor den - noch als Selbständigkeit getarnten - "prekären Arbeitsverhältnissen" und der unsicheren Zukunft schon im Nacken sitzt, erkunden deswegen die Unterschichten. Deren mediale Karriere wurde also befeuert von den Abstiegsängsten der Schreibenden.

Talkshow als Diktatur des Proletariats

Das war früher ganz anders. Insbesondere in seiner Frühphase lebte das aufkommende Privatfernsehen davon, dass es eine Parole der 68er aufgriff, das Private öffentlich machte und dabei jenen eine Stimme gab, die bisher nicht als Subjekt, sondern nur als Gegenstand der Berichterstattung im elitär codierten öffentlich-rechtlichen Fernsehen vorkamen. Die nachmittäglichen Talkshows wurden bevölkert von krausen Repräsentanten einer Parallelwelt, für die sich bisher vornehmlich Soziologen und Sozialarbeiter, Ämter und Besorgte interessiert hatten. Selbstbewusst arbeiteten sich diese nun an den moralischen Imperativen der demokratischen Gesellschaft ab: alles kann doch beredet werden; die sozialen Umstände sind stets zu berücksichtigen - und noch in ihrer aggressiven Verletzung bewähren sich die Tabus. Auf hinterhältige Weise realisierten RTL und Co., was die 68iger einst propagiert, wovon sie sich aber längst wieder abgewendet hatten.

Eine der ordentlichsten soziologischen Studien der jüngsten Zeit trägt den Titel: "Gesellschaft im Reformprozess" und stammt von der Friedrich-Ebert-Stiftung. Sie birgt einige Sensationen, z.B. den endgültigen Abschied von der Illusion der Vollbeschäftigung. Der Begriff "neue Unterschichten" kommt nicht vor, gleichwohl wird sie als "Unterschichten-Studie" zitiert. Und wie auf Knopfdruck steigen die führenden Sozialdemokraten in die Bütt. Der Parteivorsitzende Kurt Beck sorgt sich um ein steigendes Wachstum der Unterschicht; Vize-Kanzler Franz Müntefering sieht "lebensfremde Soziologen" am Werk. Statt der Wirklichkeit ins Auge zu sehen, werden Begriffe verboten; die Politiker erweisen sich als gelehrige Scholastiker. Dabei hätten sie die Aufgabe, Vorurteilen ohne Realitätsscheu zu begegnen und ihre eigenen Maßnahmen an den sozialen Realitäten zu messen.

Das Bürgertum lobt die Arbeiterbewegung

Die Sozialreportage in der ARD kommt ohne Rührseligkeit und Vorurteil aus. Die drei Familien agieren unterschiedlich. Die Individuen stehen im Vordergrund. Dies verstößt erfreulich gegen die üblich gewordenen Pauschalisierungen: Der neue Prolet ist geistig verwahrlost, guckt rund um die Uhr fern, isst viel und fettig, raucht und trinkt, schimpft, obwohl er ganz gut auskommt mit den raffiniert erstrittenen Staatsgeldern, seine Familie ist zerrüttet. So beschreibt ihn z.B. der Politikjournalist Gabor Steingart in seinem neuen Buch "Weltkrieg um Wohlstand". Wie toll war dagegen doch das frühere Proletariat: Es besaß "ein Klassenbewusstsein, veritable Gegner und oft sogar eine ausgeprägte Kultur… sang Lieder, rief Parolen… gründete Vereine", strebte nach Bildung, ja sogar nach Theorie. So lobt der Bürger, die gute alte Arbeiterbewegung, da er nichts mehr von ihr zu befürchten hat. Beruhigend.

Ein unideologischer Realismus

Schöner wäre ein anderer Weg, den der kleine ARD-Film immerhin zu beschreiten versuchte: die ernsthafte Untersuchung. Sie bleibt eine journalistische Aufgabe, die man nicht angehen muss wie der Biologe die Beobachtung der Feldhasen. Schön wäre ein unideologischer Realismus. Schon wenn da Regionalfernsehen den eigenen Nahbereich wieder wahrnehmen würde, statt permanent eine imaginäre Heimatidylle zu beschwören, wäre etwas gewonnen.