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Måns Zelmerlöw gewinnt den ESC: Alter Schwede, war das spannend

Der ESC war nicht nur das Duell zwischen Måns Zelmerlöw und Polina Gagarina. Es war die Frage, ob Europa Russland abstrafen würde. Am Ende liegt Schweden vorn, doch die überraschende Antwort ist nein.

Von Jens Maier, Wien

In einem spannenden Kopf-an-Kopf-Rennen konnte sich der Schwede Måns Zelmerlöw gegen seine russische Konkurrentin durchsetzen und gewinnt den ESC 2015

In einem spannenden Kopf-an-Kopf-Rennen konnte sich der Schwede Måns Zelmerlöw gegen seine russische Konkurrentin durchsetzen und gewinnt den ESC 2015

Die Wiener Stadthalle tobt. "Schweden, Schweden" hallt es von den 11.000 Zuschauern in der Arena. Nach mehr als drei Stunden Show steht der Sieger des Eurovision Song Contest 2015 noch immer nicht fest. Schwedens Måns Zelmerlöw und Russlands Polina Gagarina liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen. So eng war es seit Jahren nicht mehr. Als 27. Land gibt Großbritannien seine Wertung ab. Wer bekommt die zwölf Punkte? "And our twelve points go to … Sweden!" Die Arena bricht in Jubel aus. Zelmerlöw überholt die in Führung liegende Russin - und wird seinen ersten Platz nicht wieder hergeben.

Måns Zelmerlöw heißt der Sieger des 60. Eurovision Song Contest in Wien. Mit insgesamt 365 Punkten und zwölf Mal der Höchstwertung von zwölf Punkten lag er mit seinem Song "Heroes" am Ende mit 62 Punkten vor der zweitplatzierten Polina Gagarina aus Russland und ihrer Ballade "A Million Voices". Italien belegt mit dem Klassik-Trio Il Volo und "Grande Amore" den dritten Rang. Obwohl die Entscheidung am Ende deutlich ausfiel, war das Rennen lange offen. Erst nach 36 von 40 Wertungen stand Zelmerlöw als Gewinner fest. "Ich dachte, Russland würde gewinnen", sagt der 28-Jährige hinterher auf der Siegerpressekonferenz. Doch er hat sich geirrt.

Ein Tanz mit Strichmännchen

Puh, was für ein spannender Abend. Dass es so eng werden würde, damit hatte kaum einer gerechnet. Klar, Måns Zelmerlöw galt als Favorit. Das lag nicht so sehr an seinem Song "Heroes". Der ist eher solide schwedische Popware - eingängig zwar, aber lange nicht so gut wie Schwedens letzter Siegertitel "Euphoria". Es war das Gesamtpaket, das am Ende den Sieg ausgemachte. Denn Zelmerlöw lieferte die perfekte Show. Auf der Bühne tanzte er mit Strichmännchen. Der begnadete Choreograf Fredrik Rydman brachte Zelmerlöw und seinen animierten Kameraden die Schritte dazu bei. Süß anzuschauen und der Beweis, dass es außer Windmaschinen und Pyrotechnik viele kreative Ideen gibt. Toll, aber vielen fast zu perfekt.

"Das ist mir zu steril, zu durchchoreografiert", hatten einige Fans vor dem Finale kritisiert und damit Schwedens Favoritenrolle ins Wanken gebracht. Doch diesen Sieg wollte sich Zelmerlöw nicht nehmen lassen. Interviews, Treffen mit Fans, Autogramme: Der aus Lund stammende Sänger rackerte sich in dieser Woche in Wien ab. Und, das muss man neidlos anerkennen, mit viel Charme. Wo er auftauchte, brach er die Herzen. Immer sympathisch, immer nett, nie gestresst. Auch beim Video-Interview mit dem stern war er ganz Mister Charming ohne aufgesetzt zu wirken. Und er spricht sogar deutsch. Ja, auch wenn es schon wieder Schweden ist, der Richtige hat diesen ESC gewonnen.

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Denkzettel für Russland?

Mit Russland war zu rechnen, das war auch klar. Doch ein Sieg? Das schien angesichts der politischen Situation in Europa heikel. Ein Jahr nach der Annexion der Krim und der Gesetzgebung gegen Homosexuelle musste Sängerin Polina Gagarina befürchten, in Wien ausgebuht zu werden. Die EBU als Ausrichter hatte nach den Erfahrungen in Kopenhagen sogar technische Vorkehrungen getroffen, um Buhrufe in der Halle im Fernsehton zu unterdrücken.

Doch, oh Wunder, die Buhrufe blieben weitgehend aus. Nur als allzu offensichtliche Nachbarschaftswertungen - wie die 12 Punkte aus Weißrussland und Aserbaidschan - abgegeben wurden, musste Moderatorin Alice Tumler das Publikum zur Räson rufen. "Das Motto dieses ESC ist 'Buidling Bridges'", sagte sie, "und wir wollen Brücken bauen". Die höflichen Wiener hielten sich daran, sogar die schwulen Fans. Bei Gagarinas Auftritt hatten sie Regenbogenfahnen geschwenkt und die schwule Dating-App "Grindr" auf dem Handy hochgehalten. So geht schwuler Protest 2015.

Würde Europa Russland bei diesem ESC einen Denkzettel verpassen? Das war die Frage, vor der sich auch die EBU fürchtete. Der ESC sei kein politischer Event und es stehe nicht Putin auf der Bühne, spulten die Veranstalter gebetsmühlenartig ab. Doch würde Europa wirklich zwischen Politik und Musik trennen können? Oder würde Russland nicht doch von den Jurys und Telefonanrufern abgestraft werden? Die überraschende Antwort ist: nein.

Nur San Marino und Litauen verweigerten sich, ansonsten bekam Russland aus allen Ländern Europas Punkte: Aus Ost und West, aus Süd und Nord. Aus Deutschland gab es sogar zwölf. Warum ist Russland auf einmal so erfolgreich? In erster Linie dürfte das an Gagarinas Song "A Million Voices" gelegen haben. Die Mitklatsch-Friedenshymne, die zum größten Teil aus schwedischer Feder stammt, kam an. Der Vorwurf der Heuchelei bei diesem Love-and-Peace-Song verfing offenbar nicht. Doch sind der zweite Platz und die ausbleibenden Buhrufe auch ein Angebot an Russland: Seht her, wir haben euch noch lieb? Oder haben die verstärkt zum Telefon gegriffen, die Russland wohlgesonnen sind? Das wird zu analysieren sein.

"Wir sind alle Helden, egal, wen wir lieben"

So oder so war dieser Eurovision Song Contest ein Triumph über Hass und Engstirnigkeit. Nicht nur wegen schwuler Küsse auf der Bühne. Nein, allein schon deshalb, weil Russlands Präsident Putin mitansehen musste, wie die bärtige Lady Conchita Wurst seine Sängerin im Green Room in den höchsten Tönen lobte. "Du hast so ein schönes Lied und so toll gesungen", sagte die Vorjahressiegerin zu Gagarina. Und das meinte sie nicht geheuchelt, sondern grundehrlich. Die Worte des Abends lieferte Sieger Zelmerlöw: "Wir sind alle Helden, egal, wen wir lieben, mit wem wir zusammen sind, wer wir sind." Recht hat er.

Doch dieser ESC hat noch mehr Gewinner: Die Serbin Bojana Stamenov zum Beispiel. Am Rand des Green Rooms wurde die voluminöse Serbin mit der wuchtigen Stimme von den Fans als Siegerin der Herzen gefeiert. Ihr Song "Beauty never lies" ist so etwas wie die Nachfolgehymne von Conchita Wursts "Rise like a Phoenix". "I'm different, but it's okay", sang sie. Eine schöne Botschaft für diesen Wettbewerb der sich dem Thema Toleranz verschrieben hatte. Auch der Belgier Loic Noittet darf sich als Sieger fühlen. Der 19-jährige mit dem unüberhörbaren französischen Akzent schaffte mit seinem experimentellen Song "Rhythm Inside" einen sensationellen vierten Platz und könnte damit den Radiohit des Jahres liefern. Rapapap tonight.

Verlierer gab es auch. Deutschland und Österreich bekamen null Punkte und belegen gemeinsam den letzten Platz. Ann Sophie kämpfte während der Wertung mit den Tränen. Woran es lag? Nun, nicht so sehr am Auftritt selbst - den hatte die Hamburgerin ordentlich gemeistert. Vielmehr an dem belanglosen Song "Black Smoke", der einfach nicht funktionieren wollte. Vielleicht sollte sich Deutschland Nachhilfe in Schweden holen. Mit dem sechsten Sieg insgesamt sind die Skandinavier drauf und dran Rekordhalter Irland (sieben Siege) einzuholen. Sie sind echte Eurovision-"Heroes".