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2. ESC-Halbfinale: Nadav Guedj avanciert zum Favoritenschreck

Beats statt Wiener Walzer: Europa hat abgestimmt und auch beim zweiten ESC-Halbfinale den Disconummern den Vorzug gegeben. Ein "Golden Boy" aus Israel könnte die Favoriten das Fürchten lehren.

Von Jens Maier, Wien

Nadav Guedj aus Israel könnte zum Geheimfavoriten avancieren

Nadav Guedj aus Israel könnte zum Geheimfavoriten avancieren

Ein bissl langsam san's scho', die Wiener. Beim Sprechen zum Beispiel. Und beim Einspänner trinken. Doch sie können auch richtig in Fahrt kommen. Nicht zu Walzer, nicht zu Operetten von Strauss. Nein, Wien dreht neuerdings zu weit mehr als 60 Takten pro Minute seine Pirouetten. Und das in goldenen Schuhen. Kein Falco, kein Amadeus - die neuen Partykönige heißen Nadav und Måns.

Deren beiden Disconummern waren beim zweiten Semifinale des Eurovision Song Contest am Donnerstagabend die Lieblinge des Wiener Publikums. Während der eine, Måns Zelmerlöw aus Schweden, seit Wochen als Favorit gehandelt wurde, war der andere eine kleine Überraschung. Nadav Guedj aus Israel rückt nach diesem Semifinale in den Kreis der potenziellen Sieger auf. Dabei musste die Stadthalle sogar um ihn zittern.

"Israel, Israel", ertönt es um 22.57 Uhr in der Arena. Nur noch ein Ticket für das Finale am Samstag ist übrig, doch acht Kandidaten sitzen noch auf dem Sofa des Green Room. Darunter die große ESC-Nation Irland und Veteran Ralph Siegel, der den Song für San Marino geschrieben hatte. Auch Isländer und Malteser müssen zittern, ebenso Österreichs Nachbarn Schweiz und die Tschechische Republik. Doch geht es nach der Halle, dann muss er weiterkommen: der Goldjunge aus Israel.

"Golden Boy"

Ein bisschen David Guetta, ein Schuss Tarkan und ein ungestümer 17-jähriger Sänger mit goldenem Schuhwerk - fertig ist der neue Wiener ESC-Hit. Nadavs Song "Golden Boy" ist gut, weil er Spaß macht. Ein Song zum Mitgrölen mit typischen Ethno-Elementen. Statt Opernball wollten die Wiener Disco haben. Und das bekamen sie. "I'm the king of fun, let me show you, how we do it", singt Nadav. Das darf er auch am Samstag zeigen. Er bekommt das letzte Ticket. Wien jubelt. "3-2-1- Hey."

Überhaupt wird dieser 60. Eurovision Song Contest eine Männerrunde. Nach einer bärtigen Lady im vergangenen Jahr machen die Herren den Sieg 2015 offenbar unter sich aus. Nadavs Mitstreiter: Der Australier Guy Sebastian und die italienische Klassik-Boyband Il Volo, die beide fürs Finale bereits gesetzt sind. Außerdem der Schwede Måns Zelmerlöw. Dass er ins Finale einziehen würde - eh klar. Aber würde es ihm auch gelingen, die Konkurrenz auf Abstand zu halten? Und wie!

Tanz mit animierten Strichmännchen

Der Charmebolzen aus Lund sieht nämlich nicht nur verdammt gut aus und spielt nach einem anstrengenden Interview-Tag in Wien noch entspannt Tennis, sondern bringt eine geniale Idee auf die Bühne. Zelmerlöw tanzt mit animierten Strichmännchen. Die kleinen Kerle sehen so putzig aus wie Karlsson vom Dach. Einfach süß! Die schwedischen ESC-Macher übertreffen sich damit einmal wieder selbst. Dass der Song "Heroes" eher durchschnittliche schwedische Popware ist? Egal! Mit Strichmännchen und Charme darf sich Zelmerlöw Hoffnungen auf den zweiten schwedischen ESC-Sieg in diesem Jahrzehnt machen. Europa muss sich entscheiden, ob diese Show dann am Ende nicht doch zu perfekt, zu durchchoreografiert ist .

Doch wer soll den Herren noch gefährlich werden? Vielleicht dieses Duo: Debrah Scarlett und Kjetil Mørland aus Norwegen. Auch sie zogen am Donnerstagabend ins Finale ein. Sehr zu recht. Ihr "A Monster like me" sticht unter den vielen Balladen des Wettbewerbs positiv hervor. Am Anfang etwas verhalten, steigert sich der Song bis zum phänomenalen Geigerfinale. Monstermäßig gut. Und für ein Liebespaar auf großer Bühne, dafür dürften die Wiener seit Sisi und Franz ja ohnehin zu haben sein.

Ernst wird es am Samstag auch für die deutsche Teilnehmerin Ann Sophie. Die schnupperte im Halbfinale schon mal Hallenluft und setzte sich für das Motto des diesjährigen ESC ein: Building Bridges. Genauer gesagt Brücken zwischen Deutschland und Österreich. Die beiden Nachbarn besiegelten ihre neue ESC-Freundschaft mit einem Versprechen: "Wir werden für Deutschland anrufen", sagten die österreichischen Teilnehmer "The Makemakes". Ann Sophie will sich mit einem Anruf für Austria revanchieren. Ein Lied kann eine Brücke sein.