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FDP-Führungsdebatte bei "Beckmann" Guido Westerwelle im Stand-by-Modus

Reinhold Beckmann versuchte es in seiner Talkshow mit ein paar Dschungelprüfungen, aber FDP-Chef Guido Westerwelle stieg wie Rainer Langhans in den Glassarg und ließ sich mit Kritik einfach berieseln. Über eine Nicht-Debatte zur FDP-Krise.
Von Lutz Kinkel

Der Satz geht fast unter, weil Reinhold Beckmann schon bei der nächsten Frage ist, Westerwelle sagt ihn dennoch, irgendwo in eine Ecke des Studios hinein: "Dass ich Freude an dieser Aufgabe habe, das merkt man mir hoffentlich an."

Freude am Parteivorsitz? Es wirkt fast gespenstisch, wenn Westerwelle dieses zur Phrase entleerte Bekenntnis zum x-ten Mal wiederholt. Freude war ihm anzumerken, als er noch Oppositionsführer war und am Rednerpult des Bundestages die Regierungspolitik Angela Merkels attackierte – lustvoll, ironisch, siegessicher. Und natürlich war ihm Freude anzumerken, als er am Abend der Bundestagswahl im Konfettiregen seines Wahlergebnisses stand. 14,6 Prozent, Vizekanzler, Außenminister, nicht enden wollender Applaus. Knapp eineinhalb Jahre später ist ein ganz anderer Guido Westerwelle zu besichtigen. Einer, der sein Schicksal nur noch zu erdulden scheint, bierernst und ermattet.

Offenbar gab es einen Deal zwischen Beckmann und Westerwelle, andernfalls wäre die ARD-Talkshow am Montagabend nicht minutengenau in zwei Teile zerfallen: In den ersten 45 Minuten die Personaldebatte in der FDP, in den folgenden 30 Minuten Außenpolitik, vom Weltsicherheitsrat über Afghanistan, Iran, Tunesien bis zu Wikileaks. Westerwelle sollte eine Chance bekommen, sich fachpolitisch in Szene zu setzen, eine Art Kompensation für die Dschungelprüfungen im ersten Teil.

Potentiellen "Königsmörder" präsentiert

Beckmann zeigte zwar nicht den giggelnden Sadismus, den Sonja Zietlow und Dirk Bach ausleben, wenn sie einen Kandidaten in die Kakerlaken-Kiste legen, aber auch er hatte alle Grausamkeiten bestens vorbereitet. Natürlich zitierte er den schleswig-holsteinischen Fraktionschef Wolfgang Kubicki, der seine Partei im "Spiegel" mit der Spätphase der DDR verglichen und am vergangenen Wochenende die Führungsfrage nochmal brutalstmöglich gestellt hatte. Natürlich gab es einen Einspielfilm mit den Dissidenten aus Öhringen, die aus der FDP ausgetreten sind und nun unverhohlen in die Kamera fragten: "Wann treten Sie zurück, Herr Westerwelle?"

Und natürlich präsentierte Beckmann süffisant die potentiellen "Königsmörder": Die Jungstars Christian Lindner, Daniel Bahr und Philipp Rösler auf der einen Seite, den Altvorderen Rainer Brüderle auf der anderen. Bisweilen wirkte es so, als wollte Beckmann gar nicht mehr mit Westerwelle über Westerwelle sprechen, sondern schon seinen Nachlass verhandeln. Das war, ja, auch eine Demütigung.

Noch gruseliger indes war zu beobachten, wie Westerwelle darauf reagierte – er wählte die Strategie "Augen zu und durch", die er auch schon auf dem Dreikönigstreffen der FDP durchexerziert hatte. Keine Sekunde ließ er irgendeinen Selbstzweifel erkennen, entschuldigte sich für nichts und niemand, auch nicht für die Formulierung der "spätrömischen Dekadenz".

Stattdessen strich er die angeblichen Erfolge seiner FDP in der Wirtschaftspolitik heraus, lobte die Standfestigkeit der Liberalen in Sachen Stuttgart 21, und sagte "Ich habe den Eindruck, dass sich die Stimmung dreht".

Weder fähig zur Attacke noch zur Reue

Das sollte den Wahlkämpfern in Baden-Württemberg Optimismus vermitteln, aber Westerwelle kann ihn nicht mehr emotional unterfüttern. Er wirkte, als sei er innerlich in den Stand-by-Modus übergegangen, eine Sprechmaschine, weder fähig zur Attacke noch zur Reue, ein fleischgewordenes "Weiter so", dem nun entweder ein Wunder oder der Absturz widerfährt. Beckmann verzweifelte schier an dieser Haltung, bekam er doch nicht einen Satz aus Westerwelle heraus, der hätte aufhorchen lassen. "Darf ein Parteichef nicht selbstkritisch sein?", flehte Beckmann. Westerwelle beschied ihm, dass er nicht jede Kritik teile.

Westerwelle wollte offenkundig demonstrieren, dass es vollkommen sinnlos ist, mit ihm öffentlich über die Führungskrise der FDP zu sprechen und diese Demonstration ist eindrucksvoll gelungen. Lieber legt er sich wie Rainer Langhans stoisch in den Glassarg und lässt sich mit Kritik berieseln. Das wirkt, hier wie dort, wie nicht ganz von dieser Welt.

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