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TV-Kritik

Talk bei "Anne Will": Priorität eins für die Gipfelteilnehmer, Priorität zwei für die Bürger der Stadt

G20-Bilanz bei Anne Will. Olaf Scholz bekräftigt, er denke nicht an Rücktritt. Ein Hamburger Polizist verrät, dass man keine Chance gehabt habe, alle zu schützen. Der Schutz der Gipfelteilnehmer hätte vor dem Schutz der Bürger gestanden. Merkels Verantwortung? Plötzlich blieb der Talk für zehn Minuten stumm.

Von Sylvie-Sophie Schindler

G20-Talk bei "Anne Will" in der ARD

G20-Talk bei "Anne Will" in der ARD: Gesprochen wurde über die "nicht machbare Aufgabe" für die Polizei und die Schwachsinnigkeit des Gipfels an sich

Es sei bekannt, dass in Hamburg eine linksextremistische Szene aktiv sei. Warum also ausgerechnet Hamburg als Austragungsort des G20-Gipfels? Noch dazu eine Großstadt. Musste das sein? Es sei ja die Idee der Gastgeberin gewesen, Angela Merkels Idee. Anne Will, die zum Thema ""G20-Bilanz - War es das wert?" geladen hatte, wandte sich damit an Kanzleramtschef Peter Altmaier. Der sollte die Frage beantworten, und er tat es wohl – nur haben die Fernsehzuschauer davon nichts mitgekriegt. Knapp zehn Minuten lang, die Sendung lief bereits seit einer Viertelstunde, wurde just an dieser Stelle der Talk unterbrochen. Von Musik untermalt war zu lesen: "Bitte entschuldigen Sie die Störung. Es geht gleich weiter". Was war geschehen? Hatten vermummte Randalierer etwa das Studio gestürmt? Oder gar Angela Merkel das ARD-Schweigen erzwungen? Auf Twitter kursierten erste Verschwörungsvermutungen. Beispiel: "Anne Will fragt @peteraltmaier nach Merkels Verantwortung für G20-Desaster und dann folgt Testbild. Zufall????!!!?".

Die Störung endete so abrupt wie sie begann. Plötzlich wieder mittendrin musste sich der Zuschauer orientieren. Worum geht es, Olaf Scholz sagte gerade noch was, dann Peter Altmaier, er sprach über den "gewaltbereiten Kern, genannt 'schwarzer Block'". Nicht also über die "schwarze" Merkel. Mitten hinein verkündete Anne Will, sie erfahre gerade, es habe ein Problem mit der Übertragung gegeben. Dass sie diese Information von der Redaktion erst jetzt bekam, schon sonderbar. Auch Will gab sich anfällig für Verschwörerisches, wenngleich in der Verneinung: "Wir vermuten erstmal nichts Böses." Das wiederum, so explizit angesprochen, ließ den Verdacht aufkommen, sofern er nicht schon da war, es könnten doch dunkle Mächte ihre Hände im Spiel gehabt haben. Fans von "Herr der Ringe" wissen: Saurons Geist weht überall.

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G20 , eine "nicht machbare Aufgabe" für die Polizei

Per Tweet teilte die Redaktion dann mit, ein "Leitungsproblem" sei für den Sendeausfall verantwortlich gewesen. Und Will versicherte, man könne die komplette Sendung in der Mediathek sehen: "Wir haben alles aufgezeichnet." Was man nach der Unterbrechung erfuhr: Der unter Druck geratene Hamburger Bürgermeister Olaf Scholz wollte sich nicht auf Rücktrittsgerüchte einlassen. Als er in einer Ausführung unbedacht die Vergangenheitsform formulierte "als ich Bürgermeister war", schnappte Will prompt zu: "Sie denken über Rücktritt nach?". Scholz entgegnete säuerlich, das sei eine "verfehlte Frage". Er antwortete der Talkdelinquentin dennoch: "Nein, das tue ich nicht." Vor der Unterbrechung war Scholz´ Stimmung bereits gereizt gewesen. Denn die Ausführungen von Jan Reinecke vom Bund Deutscher Kriminalbeamter brachten den SPD-Politiker weiter in die Bredouille. Der machte deutlich, dass die Polizei vor eine Aufgabe gestellt worden war, die "nicht machbar" gewesen sei. "Wir hatten keine Chance, alle gleichmäßig zu schützen", sagte der Hamburger Polizist. Und: Das sei schon im Vorfeld klar gewesen.

Rund 20.000 Polizisten genügten also nicht? "So viel Polizei konnte kein Land, konnte der Bund gar nicht aufbringen, um die gesamte Stadt zu schützen", erläuterte Reinecke. Scholz widersprach: "Wir dachten, wir kriegen das hin." Die Anzahl der Polizeikräfte "war alles, was in Deutschland verfügbar gemacht werden konnte." Doch verfügbar für wen? Reinecke sprach von einer verordneten Priorisierung. Demnach sei die Polizei in "ein Dilemma geraten, das so nicht zu stemmen war". Priorität eins sei gewesen, die Gipfelteilnehmer zu schützen, die Bürger der Stadt mussten sich hinten anstellen, sie hatten Priorität zwei. "Das klingt bitter", kommentierte Will. Scholz verwehrte sich gegen den Vorwurf der Priorisierung: "Das sagt Herr Reinecke. Ich nicht." Es sei schwer zu gewährleisten gewesen, dass die Polizei immer dort "war, wo sie sein musste". Die gewaltbereiten Randalierer hätten vielerorts gewütet und mit keiner vorhersehbaren Taktik. Reinecke schüttelte den Kopf, Will ließ nicht locker. Das mit den Prioritäten habe sich Reinecke "doch nicht ausgedacht". Zudem hätten sich Anwohner des Schanzenviertels bei Ausschreitungen am Freitagabend allein gelassen gefühlt. Scholz sprach indes lieber davon, dass die Täter hart bestraft werden würden. Und ja, es sei richtig gewesen, den Gipfel in Hamburg abzuhalten.

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Anne Will: "Das klingt bitter"

Schluss mit G20 – egal wo. "Die Treffen gehören auf die Müllkippe der Geschichte", forderte Georg Restle, Moderator des ARD-Politmagazins "Monitor". Denn: "Ein großer Teil der Welt sitzt nicht mit am Tisch oder nur am Katzentisch." Man könne beispielsweise nicht über Belange von Afrika entscheiden ohne alle Betroffenen, die es angehe, zusammenzubringen. "Und wenn es um Terrorbekämpfung geht und nur Saudi-Arabien am Tisch sitzt, das selbst Terror finanziert, zeigt das, dass sich das Format überholt hat", so Restle weiter. Auch Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt zweifelte an der Veranstaltung. Dass Trump und Putin am Rande des Gipfels erstmals zu einem politischen Gespräch zusammenkamen, schön und gut. Allein: Musste das ausgerechnet dann sein, während "drinnen" über Klimaschutz verhandelt werde. "Was soll das?", fragte Göring-Eckardt. Sie zweifelte, ob man die Veranstaltung dann noch ernst nehmen könne. John Kornblum sprach´s gelassen aus: "Solche Riesentreffen bringen nichts." Aber was erhoffe man sich denn? "Von solch einer Veranstaltung darf man sich keine Lösungen erwarten", machte der ehemaliger US-Botschafter in Deutschland deutlich. Anne Will holte daraufhin erneut zu einem "Das klingt bitter" aus.