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Interview

G20-Randale: Ein Polizist über die Krawalle: "Das waren geplante Mordanschläge auf die Kollegen"

Die Kritik nach dem Polizei-Einsatz rund um den G20-Gipfel in Hamburg reißt nicht ab. Neben Bundeskanzlerin Merkel, Bürgermeister Scholz und Innensenator Grote steht auch Einsatzleiter Hartmut Dudde in der Kritik - ein Beamter nimmt ihn in Schutz.

Polizeivideo zeigt Ausschreitungen in der Schanze

Brennende Barrikaden, geplünderte Geschäfte, verängstigte Anwohner - und über Stunden kein Einschreiten der Sicherheitskräfte. Die Freitagnacht im Hamburger Schanzenviertel geriet für Politik und Polizei zum Desaster. Ein Polizist erzählt, warum er das zögerliche Einschreiten seiner Kollegen verstehen kann. Horst Niens ist seit 35 Jahren bei der Hamburger Polizei, Bereitschaftspolizei, Streifenbeamter, Personalrat und im Landesvorstand Gewerkschaft der Polizei - das volle Programm. Horst Niens ist ein Mann, der ausstrahlt, ihn könne nicht viel aus der Ruhe bringen, er könne viel aushalten - und doch wirkt er abgekämpft und müde.

"G20 in einer Großstadt war ein Fehler"

Der stern traf ihn am Tag nach der eskalierten Gewalt am Rande eines Einsatzes im Hamburger Stadtteil Altona.

Herr Niens, wie haben Sie und die eingesetzten Kollegen die Situation am Freitagabend eingeschätzt?

Wir waren entsetzt über die Gewalt. Wir haben sie zwar erwartet, aber nicht in dieser Dimension. Das hat noch niemand von uns erlebt, auch ich nicht. Und ich war bei diversen 1.-Mai-Demonstrationen dabei und habe auch die Ausschreitungen im Umfeld der Hafenstraße erlebt.

Das zögerliche Eingreifen war also richtig?

Ja, die Entscheidung, erst so spät in Schanze vorzurücken, war richtig. Das war die einzige Chance. Ansonsten hätte man Menschen in den Tod geschickt. Das waren geplante Mordanschläge auf die Kollegen dort. Uns hat beruhigt, dass mit Hartmut Dudde ein Polizeiführer an der Spitze steht, der sein Geschäft wirklich versteht. Er achtet extrem auf unsere Sicherheit und gibt damit Rückendeckung.

Polizeivideo zeigt Ausschreitungen in der Schanze

"Rückendeckung aus der Politik fehlt häufig"

Vermissen Sie Rückendeckung von anderer Seite?

Aus der Politik fehlt sie häufig. Und die Urteile der Justiz sind zu lasch, wenn es uns gelungen ist, kriminelle Gewalttouristen festzunehmen.

Ist es richtig, den Gipfel in Hamburg stattfinden zu lassen?

Aus meiner Sicht war es der größte Fehler, den G20-Gipfel überhaupt in eine Großstadt zu holen. Man muss sich doch über die Sicherheit Gedanken machen, bevor man so etwas tut.


Sie verteilen gerade Energy-Drinks an Kollegen, wie läuft denn die Versorgung der Beamten generell?

Im Großen und Ganzen gut. Es fehlt vor allem Schlaf: Es gibt Kollegen, die innerhalb von 96 Stunden gerade einmal neun Stunden geschlafen haben. An Tiefschlaf ist überhaupt nicht zu denken. Die Kollegen sind mit den Kräften am Ende, sie tragen ja auch noch eine 20-Kilo-Ausrüstung bei den hohen Temperaturen mit sich.