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TV-Kritik "Günther Jauch": Ist Merkel zu menschlich?

Die "Flüchtlingskanzlerin" war in Abwesenheit das Thema bei Günther Jauch. Zwischen erwartbarer Politiker-Rhetorik sorgte allein ein streitlustiger Journalist für Stimmung - mit einer kontroversen Aussage.

Von Simone Deckner

Günther Jauch mit nachdenklichem Blick nach oben

Günther Jauch diskutierte in seiner Talkshow über "Flüchtlingskanzlerin" Angela Merkel

Es wird Günther Jauch gewurmt haben: Nicht in seinem, sondern im Polit-Talk der ARD-Konkurrentin Anne Will antwortete die Kanzlerin vergangene Woche auf die drängendsten Fragen zur Flüchtlingskrise. Alle schauten am vergangenen Donnerstag hin. Alle twitterten. Alle hatten danach eine Meinung. Viele hielten den Auftritt der Kanzlerin für einen ihrer besten. Er zählt schon jetzt zu der Sorte TV-Ereignis, die wir in den Jahresrückblicken immer wieder sehen werden.

Jauch weiß das natürlich. Er machte deshalb die "Flüchtlingskanzlerin" auch in seinem Talk erneut zum Thema: Hat Merkel Recht mit ihrem Versprechen „Wir schaffen das“? Wären wir bei RTL II, Jauch hätte seine Gäste Claudia Roth (B'90/Grüne), Armin Laschet (CDU), Andreas Scheuer (CSU) und Hajo Schumacher (freier Journalist) hübsch in eine Blue Box platzieren und ihnen die "bewegendsten Sätze der Kanzlerin" einspielen können - emotionale Reaktionen der Gäste inklusive („Oh, ja – das fand ich soooo toll!“). Es verlief nicht ganz unähnlich ...

"Wollen sie Zäune ziehen?"

Dass sich der Erkenntnisgewinn bei dieser Form der Secondhand-Diagnose in Grenzen halten würde, war erwartbar. Ebenso, dass CSU-Mann Scheuer als Seehofers verbaler Steigbügelhalter dessen "Grenzen zu!"-Forderungen vertreten und Claudia Roth in typischer Claudia Roth-Manier vehement für mehr Menschlichkeit argumentieren würde.

Interessant wurde der Abend dann aber doch durch einen auf Krawall gebürsteten Hajo Schumacher. Der frühere "Spiegel"-Journalist promovierte einst über "Merkels Machtphysik". Schumacher kanzelte nicht nur in einem Rundumschlag alle "Darstellungspolitiker" ab ("Reden bringt nichts, handeln sie endlich!"), sondern schoss sich mit Leidenschaft auf CSU-Mann Andreas Scheuer eins: "Wollen sie einen Zaun zwischen Deutschland und Österreich ziehen - ja oder nein?" ging er den Politiker an.

Scheuer hatte zuvor erklärt, man müsse "das deutsche Staatsgebiet schützen". Bayern leide besonders unter dem Zustrom von Flüchtlingen: "Bei mir im Wahlkreis Passau kommen bis zu 10.000 täglich an!" Scheuers Lösungsvorschläge: Zustrom stoppen, Kontingente festlegen, Transitzonen (wie auf Flughäfen) an den Grenzen einrichten. "Von Zäunen hat niemand gesprochen", sagte er dann auch noch irgendwann. Schumacher genervt: "Bayern darf nicht immer ausscheren, das schwächt die deutsche Position in Europa."

Festung Europa?

Beim Stichwort Europa klinkte sich Armin Laschet (CDU) ein. Europa müsse es richten - nicht Deutschland allein. Seine Position: "Natürlich kann Deutschland nicht jedes Jahr 1,5 Millionen Flüchtlinge aufnehmen jedes Jahr. Der Zuzug muss begrenzt werden".

Claudia Roth schüttelte den Kopf. Sie sprach hinsichtlich der Abschottungspolitik von Ländern wie Ungarn von einem "Wettlauf der Schäbigkeit in Europa". Aber auch sie plädiert für ein "faires System der Verteilung", geregelt durch ein aus ihrer Sicht überfälliges Einwanderungsgesetz: "Wir brauchen Aufnahme nicht Abwehr", so Roth. "Ich möchte nicht in einer Festung leben."

Andreas Scheuer kann man sich hingegen schon eher als Schlossherr vorstellen. Unbeirrt warb er für seine Lieblingsidee: Transitzonen direkt an der Grenze. Im Schnellverfahren soll dort über Asyl entschieden werden, während die Flüchtlinge in der Zwischenzeit vor Ort festgehalten werden. Jauch: "Wie kann ich mir das vorstellen? Sind das Zeltstädte oder Containerdörfer? Werden da Schnellrichter eingesetzt?" Scheuer leicht genervt: "Dann schauen sie halt nach Europa, das gibt es ja schon!"

Antworten zum Thema hat der neue Flüchtlingskoordinator der Bundesregierung, Peter Altmaier, bereits für diese Woche angekündigt. Auch er hält Transitzonen für "vernünftig" - sie allein könnten das Problem aber nicht lösen, so Altmaier in der "Bild am Sonntag".

Journalist als Orakel

Nicht-Politiker Schumacher fordert da schon nichts mehr, sein anfänglicher Furor: verpufft. Zum Schluss der Sendung versuchte sich der Journalist stattdessen als Orakel. 2017 wird in Deutschland wieder gewählt. Jauch will wissen, ob Merkel (um die es schon lange nicht mehr geht in der Runde) durch ihr jetziges Krisenmanagement eher gewinnen oder verlieren wird?

"Mutig und riskant" sei es, dass Merkel ihre Karriere mit der Flüchtlingsfrage verknüpft hat, so Schumacher. Und dann sagt der Journalist den Satz des Abends, der kontrovers diskutiert werden dürfte: "Wenn es schief geht, dann ist sie die erste Kanzlerin, die wegen Menschlichkeit abgewählt wird - das ist ja auch mal was anderes.“

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