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Doku "Rapperin. Häftling. Mutter" Schwesta Ewa: "Wenn man sein halbes Leben im Rotlichtmilieu war, ist der Ausstieg sehr schwer"

Schwesta Ewa
Schwesta Ewa in der TV-Now-Doku "Schwesta Ewa – Rapperin. Häftling. Mutter" (ab 29. Juli)
© TV Now
Im Februar wurde Rapperin Schwesta Ewa aus dem Gefängnis entlassen. Mit dem stern spricht die ehemalige Prostituierte über das Leben auf der Straße und ihr größtes Trauma. 

Mit 16 Jahren machte Rapperin Schwesta Ewa – die mit bürgerlichem Namen Ewa Malanda heißt – erste Erfahrungen im Rotlichtmilieu, arbeitete fortan viele Jahre selbst als Prostituierte auf dem Frankfurter Straßenstrich. Nachdem sie als Rapperin erste Erfolge gefeiert hatte, wechselte sie auf die andere Seite und verdiente ihr Geld mit einem illegalen Escort-Service. Ende 2016 wurde sie festgenommen, später angeklagt und im Juni 2017 wegen 35-facher Körperverletzung, Steuerhinterziehung und Förderung sexueller Handlungen Minderjähriger zu zwei Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt.

Ein Jahr vor ihrem Haftantritt im Januar 2020 wurde sie Mutter. Doch ihr Antrag auf offenen Vollzug wurde abgelehnt, Tochter Aaliyah kam zu Freunden, als Schwesta Ewa im Januar 2020 ins Gefängnis ging. Nun ist die Musikerin wieder in Freiheit. Die TV-Now-Doku "Schwesta Ewa – Rapperin. Häftling. Mutter" (ab 29. Juli) beleuchtet ihr Leben. Mit dem stern hat sie über die Zeit hinter Gittern gesprochen und über ihr Leben auf dem Strich. 

Sie sind seit Februar auf freiem Fuß. Wie haben Sie die Zeit seitdem verbracht?

Ich bin seit Februar in Polen auf dem Dorf. Mit Hühnern und Kühen und meiner Tochter. Und viel, viel Land.

War es wichtig, aus der gewohnten Umgebung rauszukommen?

Also in erster Linie wollte ich einfach raus aus dieser Wohnung. Ich bin in diese Wohnung gekommen, in der meine Tochter ohne mich gelebt hat. Ihr ging es nicht so gut, sie war bei den falschen Leuten. Das habe ich erst im Nachhinein erfahren. Ich konnte diese Wände, das Bett, all das nicht mehr sehen. Weil jede Ecke der Wohnung mich an das Leid meiner Tochter erinnert hat. In Polen konnte ich abschalten, mein Handy auf Flugmodus stellen und Zeit mit meiner Tochter verbringen. Es sollte nicht so lange dauern, aber jetzt bin ich schon fast vier Monate hier.

Sie deuten die Schwierigkeiten schon an. Wie hat Ihre Tochter die Zeit ohne Sie verarbeitet?

Das ist so hart und das Schlimmste in meinem Leben. Sie hat – wie ich das die ganze Zeit befürchtet hatte – einfach bleibende Schäden von der Zeit ohne Mama. Als sie zu mir in die Haft gekommen ist, war da eine so starke Distanz. Ich durfte meine Tochter so lange Zeit nicht küssen. Sie hat jede Frau Mama genannt nur mich nicht. Ich durfte sie nicht umarmen, nicht mit ihr im Bett liegen. Sie wollte mich nicht berühren. Das war die Hölle. Nach zwei Monaten war ich mit ihr in einer Art Kinderpsychiatrie, weil sie mit ihrem Kopf geschlagen hat – gegen Wände, Beton, Boden, Bett, egal wo. Ein eineinhalbjähriges Kind, das mit dem Kopf gegen Dinge schlägt. Ganz katastrophal.

Die Begründung des Gerichts damals war, Sie seien höchst manipulierbar und gewaltbereit und daher noch nicht für den offenen Mutter-Kind-Vollzug geeignet. Wie sehen Sie selbst das heute?

Das war eine Frechheit. Erstmal lag meine Straftat schon Jahre zurück. Ich bin Mutter geworden und habe mich auch draußen schon nach meiner U-Haft bewährt und habe gezeigt, dass ich straffrei leben kann. Es gab keinerlei Rückfälle. Als ich dann in die Mutter-Kind-Anstalt gekommen bin, war ich geschockt. Da habe ich gesehen, was für Frauen da saßen. Die waren alle gewaltbereit und waren da wegen noch schlimmerer Sachen als ich. Mit viel längeren Haftzeiten als ich. Als ich das gesehen habe, verstand ich, dass das alles nur so passiert ist, weil ich Schwesta Ewa bin. Und nicht, weil ich mal gewaltbereit war.

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Das heißt, Sie glauben, an Ihnen wollte man ein Exempel statuieren?

Ich denke, man wollte ein Zeichen setzen. Ich musste einen Säugling zu Hause lassen und hatte nicht mal Familie um mich. Warum das so war, muss man die Staatsanwaltschaft fragen.

Sie waren bereits seit 2011 im Musikbusiness erfolgreich. Warum hat Sie die Straße trotzdem nicht losgelassen?

Als Erfolg definieren die Leute, wenn man bekannt oder berühmt ist. Aber in meinem Leben war Erfolg gleich Geld. Die Leute wollten zwar mit mir Fotos machen, aber viel Geld war da nicht drin am Anfang. Da hat der Shisha-Bar-Besitzer vielleicht mal gesagt: Geht aufs Haus. Aber es ist nicht so, als hätte ich das große Geld verdient, nur weil ich bekannt geworden bin. Ich brauchte erstmal zwei, drei Jahre, bis ich mich als Frau im Straßenrap-Game überhaupt etabliert hatte. Und wenn man sein halbes Leben im Rotlichtmilieu war, ist der Ausstieg sehr, sehr schwer. 

Sie sagen als Frau in dem Business. Was wäre anders gewesen als Mann?

Ich wäre schneller akzeptiert worden, das ist klar. Das war ein großes Thema, weil ich als Prostituierte plötzlich Teil davon war. Aber eine Frau, die gehört doch in die Küche! Was hat eine Frau am Mikrofon zu suchen? Solche Kommentare kamen da schon. Die Jungs hatten es einfacher und waren schneller drin im Business. Ich hatte viele Anfragen und die Menschen wollten mit mir sprechen wegen meiner Geschichte. Aber wirklich Geld verdienen konnte ein Mann in der Zeit deutlich einfacher.

Wieviel haben Sie damals mit dem Escort-Service im Schnitt verdient?

Das kam ganz drauf an. Die Mädels haben ca. 1000/1500€ am Tag verdient, manchmal hatte ich mehr, manchmal weniger. Ich war nicht gerade ein Sparfuchs, aber es waren zigtausende im Monat. Ich habe gelebt nach dem Motto: Was kostet die Welt.

Viele der Frauen haben für Sie ausgesagt. Auch heute fragen noch welche, ob sie für Sie arbeiten dürfen. Wieso, glauben Sie, ist das so?

Erst heute habe ich wieder eine Nachricht gekriegt. Ich habe das stark gemerkt, seit ich raus bin. Rotlicht ist nicht mehr nur, dass man in den Puff und anschaffen geht. Diese ganzen jungen Mädels heute mit Only Fans zum Beispiel. Das ist ja auch Prostitution. Die Mädels auf Tik Tok posten Bilder von sich und schreiben "Guckt mal, das ist mein Sugar Daddy". Oder erzählen, wieviel sie auf Only Fans verdient haben. Es scheint normaler geworden zu sein. Für ein junges Mädchen, das das machen möchte und keinen Ansprechpartner hat und das dazu noch Rap hört, ist Schwesta Ewa wie ein Andockpunkt. Obwohl ich seit der U-Haft nichts mehr mit dem Rotlicht zu tun habe. Meine Songs sind trotzdem auf Youtube.

Würden Sie den Mädchen Tipps geben?

Nein ich gebe da gar keine Tipps. Aber wenn ein Mädchen mir einen Roman schreibt, antworte ich vielleicht mal und sage ihr, sie könnte es auch mit Kellnern versuchen. Da kriegt sie auch viel Trinkgeld. Ich bin da raus. Und ich würde es niemandem raten. Das habe ich tatsächlich auch früher nie gemacht. Die Mädchen kamen alle von selbst zu mir. Aber ich bin Mutter geworden von einer Tochter. Ich denke jetzt anders. Damals dachte ich: Die wollten und sie haben einen Job von mir gekriegt. Heute sehe ich das anders. Wenn meine Tochter irgendwann älter ist und Geld bräuchte und da ist jemand und vermittelt ihr Kunden, wäre das der schlimmste Fall. 

Sexarbeit ist auch in feministischen Kreisen immer wieder Thema.

Da kann ich nicht so viel zu sagen. Natürlich soll jeder machen, was er will. Aber dass das der falsche Weg ist und dass das dein Leben zerstört, egal wie viel Geld du verdienst, ist doch klar. Das hinterlässt bleibende Schäden.

Was denken Sie jetzt, wenn Sie an die Straße zurückdenken?

Ich denke nicht negativ darüber. Das war mein halbes Leben, also kann ich jetzt auch nicht sagen, dass es alles schrecklich war. Ich kannte es nur so. Wie wenn andere Leute zum Friseur gehen oder zum Bäcker, war das meine tägliche Umgebung. Ich kann nicht darauf zurückblicken und negativ darüber sprechen.

Sie haben nicht nur im Milieu, sondern auch in Ihrer Kindheit viel erlebt. Was hat Sie so hart gemacht?

Es kam alles zusammen. Meiner Mutter ging es nicht gut, als Jugendliche war ich schon auf der Straße und wollte Geld machen, weil ich nicht mit meiner Mutter von Altkleidersammlung zu Altkleidersammlung ziehen wollte. Ich wollte nicht, dass meine Brüder auch noch Pfandflaschen sammeln müssen. Dann der Abstieg in die Drogenszene, ins Rotlichtmilieu – da sind so viele Dinge passiert, die ich noch immer verdränge. So viele negative Einflüsse auf ein junges Mädel, das einfach nicht mehr so leben wollte. Ich habe mit meiner Mutter abgelaufenes Essen aus den Mülleimern geholt. Niemand hat mich gezwungen, anschaffen zu gehen. Feministisch, wie man es jetzt sagt, habe ich das so gewollt.

Gezwungenermaßen, weil es keine andere Möglichkeit gab?

Was heißt es gab keine anderen Möglichkeiten? Wenn du dich dazu entscheidest, deine Schule zu beenden, eine Ausbildung zu machen, gibt es die schon. Ich war in Deutschland, nicht in irgendeinem armen Land. Aber als ich in diese Rotlichtbar gegangen bin und gesehen habe, wie gut es Menschen mit Geld geht und was Geld bedeutet und dass es scheinbar alle Probleme lösen konnte – das hat was verändert. Und der Gedanke, dass meine Brüder nicht von Sperrmüll zu Sperrmüll fahren müssen nachts. Mein Gedanke war: Du holst uns jetzt hier raus.

In Ihrer Biografie sagten Sie, "Jeder Freier war ein potenzieller Irrer". Mussten Sie gewalttätig werden, um sich selbst zu schützen, weil es sonst keiner getan hat?

Natürlich. Im Puff gab es ein System und Security. Aber so oft gab es schon Schlägereien im Zimmer. Wenn ein Freier von einer Sekunde auf die andere merkt, dass er ein Psycho ist, kannst du nicht sagen "Warte kurz, lass mich einmal den roten Knopf drücken." In vielen Situation gab es die Möglichkeit nicht und da musstest du selbst versuchen, dich zu wehren.

Mit wieviel Angst haben Sie jeden Tag gelebt und gearbeitet?

Das ist ganz komisch, ich hatte gar keine Angst. Dabei sind mir dort schreckliche Sachen widerfahren. Egal, was mir passiert ist: Ob mir gerade in die Fresse geschlagen wurde, ich habe mir danach vielleicht die Haare gerichtet, Lipgloss raufgeklatscht und dann habe ich direkt weitergemacht. Bei Kolleginnen von mir war es genauso. Da hat man vielleicht mal einen Joint geraucht oder 'ne Nase gezogen, um klarzukommen, aber du musst trotzdem deine Miete zahlen und dein Geld verdienen. Ich habe nicht mit Angst gearbeitet, obwohl ich wusste, dass jeder der reinkommt, eine tickende Zeitbombe sein könnte.

Also schaltet man einen Schalter um und weiter geht’s?

Das ist das Berufsrisiko. Die Priorität ist das Geld. Die Scheine am Ende des Tages zählen. Alles andere ist nicht wichtig genug. Ich kenne keine Frau, der was Schlimmes widerfahren ist und die gesagt hat "Ewa, der hat mich so vergewaltigt, ich mache das nicht mehr". Niemanden.  

Wird man all diese Traumata je los?

Ich bin so abgehärtet. Ich habe das nie als Trauma empfunden, kann mit jedem Menschen darüber reden. Mein Trauma ist, dass meine Tochter mir entrissen wurde. Ich kann keine Windelwerbung sehen. Wenn ich ein kleines Kind sehe, das in dem Alter ist, in dem meine Tochter damals war, kann ich nicht hingucken. Ich sehe ein Kind, das lacht und ich fange einfach an zu weinen. Ich kriege Wasser in den Augen, wenn ich eine Mutter mit ihrem einjährigen Kind sehe. Da muss ich schnell weiterlaufen. Jetzt gerade, nur weil ich darüber rede, kribbelt meine Nase. Alles andere, was mir passiert ist, finde ich nicht schlimm. Für mich selber zumindest, andere Leute finden das wahrscheinlich auch schlimm.

Ein großer Teil ihres sozialen Umfelds ist vermutlich in dem Milieu verwoben, oder? Wie verhindert man, dass man wieder kriminell wird?

Das muss man nicht verhindern. Wenn du abgeschlossen hast in deinem Kopf, ist es vorbei. Ich bin Mutter geworden, für mich ist es gar keine Frage mehr, dass ich abrutschen könnte. Aber natürlich habe ich das Rotlichtmilieu im Kopf. Ich weiß, würde ich einen Puff aufmachen, könnte ich mich dumm und dämlich verdienen. Und nachdem ich so geldversessen war und so lange ein Teil der Szene, denkt man da schon dran. Aber ich habe ein Kind. Natürlich kann ich und will ich nicht.

Haben Sie sich von vielen Menschen entfernt?

95 Prozent meiner Rotlichtleute, ob das jetzt ein Zuhälterfreund war, die Hure von nebenan oder der Dönermann unten aus dem Puff – die habe ich alle aus meinem Leben gekickt. Nicht im Streit, denn die haben mir nichts getan. Das sind alles Menschen mit Schicksalsschlägen. Aber das Milieu interessiert mich nicht mehr, wegen meiner Tochter. Ich gucke auf Facebook in Müttergruppen und suche da Tipps zu neuen Streichelzoos. Allerdings: Wenn du mir jetzt eine Prostituierte hierhin setzt – mit der bin ich auf einer Wellenlänge. Immer noch. Wenn eine "normale" Mutter mit ihrem Kind neben mir sitzt, ist das anders. Aber es gefällt mir auch.

Wie würden Sie Ihrer Tochter erzählen, was Sie damals erlebt haben?

Ich bin ein ehrlicher Mensch und dafür kennt man Schwesta Ewa. Vielleicht nicht für super erfolgreiche Musik oder Nummer-Eins-Hits. So offen und ehrlich werde ich auch mit meiner Tochter sein. Ich werde ihr erklären, dass es mir damals nicht gut ging. Dass ich eine schwere Zeit hatte in meinem Leben. Und ich werde ihr sagen: Guck, wie Mama es da rausgeschafft hat. Natürlich war ich kein Vorbild. Aber dass ich es von da unten – angekackt und angepisst auf dem Straßenstrich – bis hierhin geschafft habe und eine sehr, sehr gute Mutter bin, das ist doch mehr als vorbildlich. Man kann es schaffen, ein glückliches Leben zu führen. Und das hat nichts mit Bekanntheit zu tun.

Die mehrteilige Doku "Schwesta Ewa – Rapperin. Häftling. Mutter" läuft ab dem 29. Juli bei TV Now. Hier können Sie die ersten 20 Minuten sehen


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