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Sommer-Programm der Privatsender: Trash total

Nacktmodels, Busenwunder, Dschungelcamp für Arme: Die Privatsender verwandeln das Fernsehprogramm diesen Sommer in eine Trash-Hölle. Doch ganz hoffnungslos ist die Lage nicht.

Von Carsten Heidböhmer

Inzwischen ist sogar die "Bild"-Zeitung alarmiert: "Alle C-Promis ausgebucht", titelt das Boulevardblatt in der heutigen Ausgabe. "Wegen einer Rekordzahl an Trash-Shows ist der C-Promi-Markt leer gefegt." Die Umschreibung "C-Promi" für abgehalfterte TV-Gesichter wird inflationär verwendet, für das hier beschriebene Phänomen ist sie jedoch angebracht: Denn RTL und ProSieben bringen eine Reihe Frauen und Männer zurück auf den Bildschirm, von denen die meisten ihre Berühmtheit nur einem Umstand verdanken: Sie haben mal irgendwann bei einer Castingshow mitgemacht - oder verfügen über besonders hervorstechende sekundäre Geschlechtsmerkmale. Es sind allesamt Menschen, die über kein besonderes Talent verfügen als die Schmerzfreiheit, sich für nichts zu schade zu sein und die ihr Gesicht in jede sich bietende Kamera halten, egal wie würdelos die Umstände auch sein mögen.

Das Sommerprogramm der Privatsender kann man getrost als einen Angriff auf die Geschmacksnerven der Zuschauer bezeichnen. Am 10. Juli startet auf RTL "Wild Girls - Auf High Heels durch Afrika". Wie der Sender in der Ankündigung schreibt, werden "zwölf luxusverwöhnte Promi-Ladies mitten in der Wildnis Afrikas" abgesetzt. Dort müssen sie brütende Hitze, Trockenheit und einfache Lebensbedingungen erdulden, treffen auf wilde Tiere, giftige Schlangen und Skorpione. Vor allem aber werden sie sich untereinander das Leben zur Hölle machen. Das Format weist durchaus Parallelen auf zur RTL-Show "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!". Es darf in dieser Variante aber getrost als "Dschungelcamp für Arme" bezeichnet werden. In der australischen Variante kommt regelmäßig eine illustre Runde verschiedener Menschen zusammen, ehemalige Weltstars treffen auf Exoten, gestrauchelte Spitzensportler auf verschuldete Schauspieler, und dazwischen tummeln sich ein paar belanglose C-Promis.

Üppige Oberweite und Schweinebauchprinzessin

Bei "Wild Girls" spart man sich die Weltstars und andere Kandidaten, die sich ihren Status durch Leistung erarbeitet haben - und baut ausschließlich auf C-Promis. Drei der zwölf Kandidatinnen haben erfolglos bei "Germany's next Topmodel" teilgenommen, zwei gingen in den TV-Knast "Big Brother", und über Sophia Wollersheims charakteristischste Eigenschaft heißt es im Pressetext unverblümt, sie sorge "vor allem aufgrund ihrer üppigen Oberweite für Schlagzeilen". Es gibt in der Show ein Wiedersehen mit Sarah Knappik, Kader Loth und Fiona Erdmann. Und dann ist da noch die bärtige Conchita Wurst, zu deren größten Verdiensten es gehört, dass sie "Schweinebauchprinzessin 1999" geworden ist.

Kaum besser ist das Team, das ProSieben nach Afrika schickt. Unter dem Arbeitstitel "Reality Queens am Kilimandscharo" müssen sich zwei Nacktmodels, ein "Teppichluder" sowie einige erfolglose Teilnehmerinnen von Castingshows in der freien Wildbahn bewähren. Gegen dieses Aufgebot wirkt das "Wetten, dass ..?"-Sommerspecial vom vergangenen Sonntag wie Bildungsfernsehen.

Schauwerte statt Substanz

Doch damit nicht genug. Frei nach dem Motto "Je höher die Temperaturen, desto niedriger das Niveau" planen die Privatsender weitere Shows, die weniger auf Substanz, dafür umso mehr auf weibliche Schauwerte setzen. In der RTL-Show "Pool Champions" präsentieren sich die Kandidaten in Badehose und Bikini. Wie passend, dass der Sender für dieses Format Melanie Müller gewinnen konnte, ihres Zeichens Erotikmodel und "Bachelor"-Kandidatin. Mit Carolin Noeding ist zudem die amtierende "Miss Germany" am Start, und die Schlagersängerin Antonia aus Tirol legt ihren prallen Dirndl ab und schlüpft in einen Badeanzug.

Und dann ist da noch der "VIP-Bus", ebenfalls RTL. Unter der Führung von Olivia Jones treten dort Verena Kerth und Giulia Siegel auf, desweiteren sind zwei Ex-"Bachelor"-Teilnehmerinnen und zwei frühere "DSDS"-Kandidaten bei ihrer Reise durch Italien zu sehen. ProSieben soll zudem noch die Show "Crash! Boom! Bang" planen, mit den beiden Ex-"Topmodel"-Kandidatinnen Gina-Lisa Lohfink und Micaela Schäfer. Damit der Nachschub an C-Promis auch künftig nicht versiegt, sucht Vox ab dem 16. Juli in der neuen Sendung "Abgewürgt und ausgebremst" Deutschlands schlechtesten Aufofahrer. Auch hier ist mit jeder Menge Fremdschäm-Momenten zu rechnen.

Die Aussichten auf schöne Fernsehabende in diesem Sommer sind also denkbar trübe. Zumal sich viele beliebte Formate eine Auszeit nehmen. Der "Tatort" geht in Sommerpause, in dieser Zeit sendet die ARD nur Wiederholungen. Gleiches gilt für die Rateshow "Wer wird Millionär?".

Es gibt sie, die Programmperlen

Die gute Nachricht: Es gibt auch noch etwas anderes. In diesem Sommer sind einige echte Programmperlen zu entdecken. Arte veranstaltet zum Beispiel den "Summer of Soul". Beginnend mit dem 14. Juli strahlt der Sender an sechs Sonntagen Filme, Dokumentationen und Konzerte rund um das Musikgenre. Zu sehen sind Quentin Tarantinos "Jackie Brown", Michael Manns Boxer-Film "Ali" oder das Biopic "Ray". Es gibt ein Wiedersehen mit "Shaft" und den "Blues Brothers". Dazu viel Musik!

In der Reihe "Sommerkino" sendet die ARD hochklassige Filme, zu sehen ist unter anderem George Clooney in "Up in the Air" sowie der Oscar-gekrönte "The King's Speech".

Wer es kulturell hochwertiger mag, ist bei 3Sat genau richtig. Der Kultursender überträgt ab dem 26. Juli live zeitversetzt zahlreiche Veranstaltungen der Salzburger Festspiele, darunter Richard Wagners "Die Meistersinger von Nürnberg" oder Giuseppe Verdis "Falstaff". Auch Hugo von Hoffmansthals berühmter "Jedermann" wird zu sehen sein, mit Brigitte Hobmeier in der Rolle der Buhlschaft.

Also: Das gelegentliche Einschalten lohnt sich, es muss nur das richtige Programm sein.