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Neue Serie auf ZDFneo: Ein Altenpfleger zwischen Hure und Heiliger - darum wird "Tempel" kein Hit

Ein gutmütiger Altenpfleger gerät auf die schiefe Bahn, weil er seiner Tochter eine neue Geige kaufen will. Mit dem Sechsteiler "Tempel" versucht sich ZDFneo an einer Serie für junge Zuschauer - trifft aber nicht den Ton.

Ken Duken in "Tempel"

Die Hauptdarsteller von "Tempel": Mark Tempel (Ken Duken, l.), seine Frau Sandra (Chiara Schoras, m.) und ihre Tochter Juni (Michelle Barthel, r.)

In Berlin-Wedding tobt ein Kampf. Die Gentrifizierung wird hier mit aller Brutalität ausgetragen. Wer nicht freiwillig weichen will, wird drangsaliert, bis er endlich auszieht und Platz macht für eine zahlungskräfigere Klientel. Bislang hat der Altenpfleger Mark Tempel (Ken Duken) tapfer allen Einschüchterungsversuchen standgehalten. Selbst als eine Rockergang seine Familie bedroht und das Mobilar zerstört, will er bleiben. Wäre da nur nicht die Sache mit der Geige gewesen.

Es ist ausgerechnet eine Violine, die in dem Sechsteiler "Tempel" das Drama in Gang setzt. Jenes Instrument, das für die neubürgerliche Schicht steht, die sich in den Kiezen ausbreitet und die alteingesessen Anwohner verdrängt.

In der Serie ist es jedoch umgekehrt: Es ist die Geige von Tempels Tochter Juni (Michelle Barthel), die zerstört wird und die dazu führt, dass der chronisch klamme Altenpfleger auf die schiefe Bahn gerät. Denn damit die 16-Jährige am Musikwettbewerb teilnehmen kann, muss schnell ein neues Instrument her. Um das nötige Geld aufzutreiben, begibt sich Tempel in ein Milieu, dem er schon vor Jahren den Rücken zugekehrt hat: der Halbwelt, in der es von Drogen über Nutten bis hin zu illegalen Boxkämpfen alles gibt, was die gentrifizierte Gesellschaft verschmäht.

"Arschlose, Körner fressende Yoga-Fotzen"

Und so steigt der Ex-Boxer kurzerhand in den Ring. Nur für einen einzigen Kampf. Doch so einfach ist das nicht. Denn in der Unterwelt laufen die Geschäfte nicht mehr, denn die alte Klientel zieht weg: "Nur noch diese arschlosen, Körner fressenden Yoga-Fotzen, das Juppie-Pack", wie es Clubchef Jakob (Thomas Thieme) auf den Punkt bringt. "Immer schön gesund. Ficken und Koksen nur an Feiertagen. Da kann doch keine Sau von Leben." 

Auch der Boxclub mit angeschlossenem Bordell wird von der Rockergang bedroht. Tempel gerät zwischen die Fronten und rutscht immer tiefer in die Szene rein. Und dann ist da auch noch seine alte Liebe, die Hure Eva (Antje Traue).

"Tempel" soll junge Zuschauer ansprechen

Mit dem Sechsteiler "Tempel" steigt der Spartensender ZDFneo in die Serienproduktion ein und versucht, speziell für ein junges Publikum zu erzählen. Die Dialoge sind hier expliziter, die Schnitte etwas schneller und die Action härter, als das beim Muttersender der Fall wäre. Alles soll irgendwie krasser, jugendaffiner sein. Genau das ist aber das Problem. Denn um diese grellen Effekte zu erreichen, entwirft das Drehbuch eine holzschnittartige Welt: Hier der gute alte Kiez, mit den hart arbeitenden Anwohnern und den ehrlichen Luden. Dort das böse Kapital, das im Bündnis mit Rockerbanden und Politikern mit äußerster Rücksichtslosigkeit ihre Interessen durchsetzt.

Diese Schwarz-Weiß-Malerei zieht sich durch alle Bereiche und geht sogar ins Private: Mark Tempel steht letztlich zwischen zwei Frauen: Hure und Heiliger. Für mehr Differenzierung hat es in sechs Mal 30 Minuten leider nicht gereicht.

ZDFneo zeigt den Sechsteiler "Tempel" die nächsten drei Dienstage ab 21.45 Uhr in Doppelfolgen.