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Meinung

Feuer in Paris: Tierdokus statt Notre-Dame - warum ARD und ZDF genau richtig gehandelt haben

Die Notre-Dame brennt und die ARD sendet Tierdokus: Die öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland werden für ihre Berichterstattung zum Brand in Paris heftig kritisiert. Zu Recht?


Hinter dem Giebel von Notre Dame mit seinem typischen Rosetten-Fenster erhellt Feuerschein den Himmel über Paris

CNN, BBC und andere Sender zeigten den Brand von Notre Dame live, ARD und ZDF währenddessen Dokus

DPA

Armin Laschet preschte noch am Abend vor: "Millionen Menschen fiebern mit der Kirche Notre-Dame in Paris. Warum muss man CNN einschalten während die ARD Tierfilme zeigt?", fragte der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen via Twitter. Später legte er nach: "Russia Today und Al  Jazeera berichten, rechte Hetzer verbreiten erste Verschwörungstheorien und der öffentlich-rechtliche Rundfunk schläft", ätzte er gegen ARD und ZDF. Auch andere legten später nach und kritisierten die beiden Sender für ihre Nicht-Berichterstattung heftig. Haben ARD und ZDF das Unglück von Notre-Dame verschlafen?

Ja, es stimmt. Während die Pariser Kathedrale lichterloh in Flammen stand, sendete die ARD die Tierdoku "Wilde Dynastien" mit einer Folge über Tiger. Im ZDF war gleichzeitig eine Dokumentation über Wladimir Putin zu sehen. Auch die Spartenkanäle Tagesschau24 und Phoenix lieferten ein trauriges Bild ab. Wer Bilder aus Paris sehen wollte, musste auf private Nachrichtensender wie N-TV oder N24-Nachfolger Welt ausweichen oder sich bei ausländischen Kanälen wie CNN oder BBC bedienen. Trotzdem ist die Kritik an ARD und ZDF in diesem Fall unzutreffend.

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Voyeurismus ist kein Bildungsauftrag

So tragisch und emotional der Brand der Notre-Dame auch ist: Das Unglück war kein Attentat. Es war kein Terroranschlag, keine Naturkatastrophe und es bestand keine akute Gefahrenlage für Menschen. Insofern bedurfte es nicht einer permanenten Berichterstattung zweier öffentlich-rechtlicher Sender. Die hätten zwar den verständlichen Wunsch nach Bildern des brennenden französischen Nationalheiligtums befriedigen können, doch welchen Mehrwert hätten Dauerbilder über mehrere Stunden bieten können? Voyeurismus ist kein Bildungsauftrag.

Bleibt die Frage, ob es einer journalistischen Einordnung des Ereignisses bedurft hätte. Ja, rechte Hetzer haben eilig Fake-News in die Welt gesetzt. Doch hätten ARD und ZDF auf jedes absurde Gerücht eingehen sollen, ihm damit mehr Bedeutung geben, um es anschließend zu entkräften? Sicherlich nicht. Das hätte lediglich den Verbreitern derartiger Nachrichten genutzt.

ARD-Chef weist Kritik an Notre-Dame-Berichterstattung zurück

ARD-Chefredakteur Rainald Becker reagierte auf die Kritik Laschets und anderer ebenfalls via Twitter: "Rate zu etwas mehr Sachlichkeit. Das Erste ist kein 24h Nachrichtenkanal und Gaffer TV machen wir auch nicht", schrieb er. Denn auch wenn ARD und ZDF ihr Programm nicht unterbrochen haben, war der Brand der Notre-Dame ein wichtiges Thema für sie.

Ein ZDF-Sprecher verwies darauf, dass die Nachrichtensendung "heute" bereits um 19.15 darüber berichtet habe. "Um 21.45 Uhr ging das 'heute journal' mit einer umfassenden Berichterstattung zu den Ereignissen rund um die Kathedrale auf Sendung", sagte er. Die ARD sendete eine verlängerte Ausgabe der Tagesthemen, um ausführlich auf das Unglück einzugehen. Außerdem habe es ein "Tagesthemen extra" um 23.35 Uhr gegeben sowie drei Laufbänder mit aktuellen Informationen, die etwa in der Talksendung "hart aber fair" und in der Doku nach den "Tagesthemen" zu sehen waren.

Dass auf tagesschau24 oder auf Phoenix nur wenig zu sehen war vom Brand der Notre-Dame liegt nicht an den Sendern, sondern an der Politik. Es gibt keinen öffentlich-rechtlichen Nachrichtensender. Das müsste Armin Laschet eigentlich am besten wissen. Sollte er eine öffentlich-rechtliche Konkurrenz zu CNN und Co. wollen, müsste er den Rundfunkstaatsvertrag ändern.


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