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"Menschen, Bilder, Emotionen" Zum Abschied steht Günther Jauch noch einmal kopf

Günther Jauch steht kopf, und der Chemie-Nobelpreisträger Benjamin List sagt: Daumen rauf!
Günther Jauch steht kopf, und der Chemie-Nobelpreisträger Benjamin List sagt: Daumen rauf!
© Andreas Rentz / Getty Images
Der beliebte Moderator verabschiedet sich vom RTL-Jahresrückblick und zwingt einen Chemie-Nobelpreisträger und sich selbst zu sportlichen Höchstleistungen. Die Gästeliste mit Bushido, Boris Becker und einem Eierköpfer ist jedoch alles andere als zwingend.
Von Simone Deckner

Ein Jahresrückblick, in dem das bestimmte Thema des Jahres nahezu nicht vorkommt – das hat es vermutlich auch noch nie gegeben in den 25 Jahren, in denen "Menschen, Bilder, Emotionen" auf RTL läuft. Vielleicht wollte die Redaktion Günther Jauch und den Zuschauern einfach mal eine Atempause von Corona gönnen? Menschlich verständlich, trotzdem irgendwie schräg.

Jauch empfängt also bei seiner letzten Rückblicks-Show keine Virologen, er spricht weder mit Krankenpflegern noch mit Menschen, die Angehörige in der Pandemie verloren haben. Dabei kann er das ja alles, langjährig bewiesen. Mehr als zwei Stunden lang fällt das böse C-Wort aber gar nicht. Es ist schließlich Wolfgang Schäuble (CDU), der etwas zum Virus und unseren Umgang damit sagt: "Schauen Sie, es ist doch mit dem Impfen ganz einfach", sagte Schäuble in seinem typisch weichen Schäuble-Singsang, "ich bin für die allgemeine Impfpflicht."

Schäuble erklärt mehrfach, er wolle "sich mit ungebetenen Ratschlägen" zurückhalten, teilt dann aber doch noch gegen einen anderen Gast aus, der zuvor bei Günther Jauch saß: Rapper Bushido. Der ist ja gerade auf großer "Ich bereue alles"-Tour und machte in seiner neuen Funktion als Büßer im Studio Halt: Ein liebender Familienmensch statt frauenfeindlicher und homophobe Texte ausspuckender Gangsterrapper ist er jetzt. Er zahle nun auch immer brav seine Steuern, erklärt Bushido stolz. "Donnerwetter!", frotzelt Jauch. "Ich hoffe, das ist auch wahr", bemerkte Schäuble, in seinem früheren Leben war der Mann Steuerbeamter.

Gästeauswahl wirkt willkürlich

Ähnlich willkürlich wie die Einladung von Bushido wirkte leider vieles in diesem Jahresrückblick: Lukas Podolski schneit kurz für eine Plauderei herein. Ein Mann, der mit 12 Jahren als "Jugend forscht"-Teilnehmer eine skurrile Eierköpfmaschine vorgestellt hatte, darf erzählen, dass er jetzt als Abteilungsleiter eines Softwareunternehmens in der Modeindustrie arbeitet und gar nicht mehr so oft auf seinen damaligen Auftritt angesprochen wird. Jauch beendet das Gespräch mit den Worten: "Lieber Eierköpfer als Eierkopf!"

Boris Becker kommt als "lebende Legende" (Jauch) und redet ausführlich über seine Glanzzeiten und darüber, dass er Alexander Zverev für seinen würdigen Nachfolger hält. Der 24-jährige Tennisprofi selbst erzählt von seinem erfolgreichen Jahr, in dem er Olympiagold für Deutschland gewann, trotz "vieler Protestanten vor dem Stadion in Tokio" und der Tatsache, dass er "Stellen am Körper hat wie ein 80-jähriger Mann." Zur Freude der Gossip-Fraktion äußert sich Zverev auch zu seiner neuen Freundin Sophia Thomalla. Die wolle "nur noch mit Gewinnern zusammen sein." Jauch retourniert schlagfertig: "Das funktioniert nur am Anfang, das nutzt sich erfahrungsgemäß ab."

Hilfsbereitschaft ungebrochen

Was sich auch 2021 gottlob nicht abgenutzt hat, ist die Hilfsbereitschaft der Menschen. Jürgen Hoppe entkam mit seiner Familie nur knapp dem Tode beim Jahrhunderthochwasser im Ahrtal. Sein zehnjähriger Sohn habe zu ihm gesagt: "Papa, wir werden jetzt sterben!", erzählt er. Dank der Hilfe einer Nachbarin gelang die Rettung in letzter Sekunde. Andere kamen spontan, um zu helfen – und sind bis heute immer wieder vor Ort, so wie Anabel Seemann, die "Flutwein" verkauft, damit die Winzer wieder auf die Beine kommen.

Filmemacherin Theresa Breuer charterte auf eigene Faust einen Flieger, um Menschen aus Afghanistan vor den Taliban zu retten. Bis heute sind durch das ehrenamtliche Engagement 1000 Menschen in Sicherheit gebracht wurden. Beeindruckend wie die Geschichte der Juristin Silla Akbari, die mit ihren zwei Töchtern vor den Taliban floh. "Die Taliban lügen, es ist alles noch schlimmer geworden. Es reicht schon, als Frau gearbeitet zu haben", beschreibt sie die verheerende Lage in Afghanistan. Jauch: "Kämpfen Sie weiter!"

Zwischendurch nervt immer wieder ein Handy. Am anderen Ende: Weggefährten von Günther Jauch wie Barbara Schöneberger, Thomas Müller, Gregor Gysi ("Nicht so von unten filmen!") und Thomas Gottschalk. "Früher war ich als Mensch da, jetzt als Emotion", kalauert Thommy, der ungewohnt kurze Haare trägt und mit dem Telefon in der Hand ins Studio spaziert kommt: "Ich stehe als Ersatz parat, denn ich bin mir nicht sicher, ob man in diesem Alter noch eine dreieinhalbstündige Sendung aushält", haut er einen Seitenhieb auf Jauch heraus.
Ihm sei "die Sendezeit immer egal gewesen", erklärt Gottschalk dann dem 13-jährigen ZDF-Schülerreporter Alexander. Der ist 2021 durch sein Interview mit AfD-Politiker Tino Chrupalla bekannt geworden. Was denn sein deutsches Lieblingsgedicht sei, hatte Alexander den Mann gefragt, der sich zuvor dafür ausgesprochen hatte, dass im Unterricht mehr deutsche Gedichte gelernt werden sollten. Leider fiel ihm dann kein einziges ein … Auch lustig: Jauch verspricht sich bei seiner Anmoderation und bezeichnet Chrupalla als "ARD-Politiker".

Kopfstand mit dem Nobelpreisträger

Ausgesprochen locker präsentiert sich der deutsche Chemie-Nobelpreisträger Benjamin List. "Ich dachte, ich bekomme den Preis, wenn überhaupt, erst als Opa", sagt er. Dass er vom Greisenalter noch weit entfernt ist, zeigt der Direktor am Max-Planck-Institut für Kohlenforschung in Mülheim an der Ruhr dann in einer spontanen Aktion. Jauch überredete den Yoga-Fan zum Kopfstand. List: Aber nur, wenn sie auch mitmachen!" Gesagt, getan.

Besser wird es nicht mehr. Eko Fresh rappt noch ein bisschen was zum Abschied, und Oliver Pocher stattet das gesamte Publikum mit Günther-Jauch-Masken aus, bevor der Abschied naht. "Menschen, Bilder, Emotionen" sei stets die Sendung gewesen, "vor der ich am meisten aufgeregt war", gesteht Jauch – bis zuletzt, aber: "Ich bin nicht aus der Welt, wir sehen uns wieder!"

Dieser Jahresrückblick, er war in großen Teilen mehr ein Dankeschön und eine Erinnerung an ein Vierteljahrhundert der Rückblicke mit Günther Jauch als Moderator. So gesehen ergibt auch der Verzicht auf Corona doch noch Sinn.

kng

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