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TV-Kritik

"Anne Will" zur Spaltung in Deutschland: Dauerwerbesendung für Friedrich Merz – und nur SPD-Vize Schwesig stört's

Anne Will sagte es nicht, aber sie spendierte Friedrich Merz eine Sondersendung zu Friedrich Merz. Was an Fragen über ihn hereinbrach, schien der CDU-Politiker erwartet zu haben. Obwohl eigentlich ein ganz anderes Thema auf der Tagesordnung stand.

Von Sylvie-Sophie Schindler

Bei "Anne Will" ging es am Sonntagabend um die gesellschaftliche Spaltung Deutschlands - zumindest einige Minuten lang

Bei "Anne Will" ging es am Sonntagabend um die gesellschaftliche Spaltung Deutschlands - zumindest einige Minuten lang

Frau Will mag denken, ach, der Bundesbürger, so direkt nach dem "Tatort" ist sein Hirn bestimmt so dermaßen überfordert, da fällt ihm bestimmt nicht auf, wenn ich einfach eine andere Sendung mache.  Angekündigt war das Thema "Das gespaltene Land – wer sorgt für Zusammenhalt?" Die Moderatorin hielt aber nur knappe 15 Minuten durch und machte am Sonntagabend dann lieber eine Sonderausgabe über Friedrich Merz mit Friedrich Merz als Gast. Besser: eine Dauerwerbesendung. Und die wurde sicher nicht von Jens Spahn und Annegret Kramp-Karrenbauer gesponsert – denn die mussten draußen bleiben. Mit in den Ring hatte sich Anne Will die SPD-Politikerin Manuela Schwesig geholt und Annalena Baerbock von den Grünen. Ah, der Journalist Stephan-Andreas Casdorff saß auch mit dabei, durfte atmen, wurde sonst aber von der Moderatorin vernachlässigt. Merz ist eben "King". So hatte es sicher auf ihrer Agenda gestanden. Obwohl, Anne Will nannte ihn ja lieber "reicher Besserwessi" und einen "knallharten Neoliberalen".

Was also macht man mit dem Bundesbürger in einem gespaltenen Land? Vielleicht wird er bald nicht mal mehr in Ruhe "Tatort" schauen können, weil nun die Politiker an sich selbst appellieren, wieder mehr ran gehen zu wollen an den Bürger. Ihm zuhören. So richtig. Merz, Schwesig, Baerbock, alle drei waren sich einig: ein Muss. Da hat man also gerade die Tüte Chips aufgemacht und plötzlich steht der Merz vor der Tür und lädt zur Bürgersprechstunde in eines seiner Flugzeuge ein und Schwesig will noch mithelfen in der Küche, damit die Kleinen morgen in der Kita auch ja genug Brotzeit haben, wobei Baerbock darauf achtet, dass keine genveränderte Lebensmittel dabei sind. So geht Albtraum. 

Friedrich Merz: "Grenze mich nicht von Merkel ab"

Mit all dem, was so über ihn hereinbrach, hatte Merz gewiss gerechnet. War ja auch nichts Neues dabei. Und dass er seine Antworten immer so formulierte, dass gesichert war, keine schlafenden Hunde zu wecken, davon konnte man auch ausgehen. Nicht Fisch, nicht Fleisch – Merkel hat's lange genug vorgemacht. Auf die Will-Frage, wie er sich denn von Merkel abgrenze, sagte der Kandidat für den CDU-Parteivorsitz denn auch: "Ich grenze mich nicht von Merkel ab." Und übrigens: Spaltung hin, Spaltung her, Deutschland sei, so formulierte er es, ein "erfolgreiches Land". Ja, das mit Ostdeutschland, nun, man habe unterschätzt, wie lange so ein "Integrationsprozess" dauere. Hatte Merz Integrationsprozess gesagt? Schwesig begehrte auf. Das Wort könne er gleich mal streichen. Daran sehe man, dass er von einem "hohen Sessel" aus argumentiere. "Integration bedeutet, jemand kommt von außen ins Land und muss sich anpassen", belehrte ihn Schwesig. Nicht gerade förderlich für das Verhältnis zwischen Ost und West.

Merz kündigte an, er wolle die verlorenen Wähler wieder zurückholen. Die, die zur AfD geflüchtet sind, aber auch die, sorry, Frau Baerbock, die gerade bei den Grünen gelandet sind. "Die Union hat eine Verantwortung, dass Wertkonservative wieder in der CDU ihre politische Heimat finden", so Merz. Später sprach er von einer Partei des "gesunden Patriotismus". Will witterte einen Rechtsruck. "Ich will keine Achsenverschiebung nach rechts oder links, sondern, dass wir das ganze Wählerspektrum abdecken", stellte Merz klar. Was er denn genau vorhabe, um Wähler zurückzugewinnen, konnte er trotz mehrmaligen Nachhakens nicht beantworten. Stattdessen fragte er, auf welcher Rechtsgrundlage 2015 eigentlich die Grenzen geöffnet worden seien. "Die Grenzen waren doch offen", rief Baerbock. Stichwort: Schengenabkommen. Merz fand plötzlich überschwängliche Worte für die "große humanitäre Geste", betonte aber, man hätte vermitteln müssen, dass es sich damals um eine einmalige Sache gehandelt habe.

Manuela Schwesig bei "Anne Will" im Vorwurfsmodus

Arm und Reich, Ost und West, Stadt und Land – Deutschland ist gespalten. Zwischendurch die Erinnerung an das angekündigte Thema. Interessierte aber längst keinen mehr. Schwesig suchte lieber nach einer ganz anderen Spaltung: der Merz hat Flugzeuge, sie aber keine. "Aber da beneide ich sie nicht drum", betonte sie. Sie steige nicht gerne in Flugzeuge. Nur, wenn einer Flugzeuge hat, wie soll er dann, so abgehoben, noch den Durchschnittsbürger verstehen? Schwesig weiter im Vorwurfsmodus.

Er lebe mit seiner Frau in einer Kleinstadt, er engagiere sich da. "Ich meine, schon ein Gefühl dafür zu haben, wie die normale Bevölkerung lebt", verteidigte sich Merz. Auf seine Unternehmensmandate angesprochen, antwortete er, dass er sie bei einer Wahl zum CDU-Vorsitz sofort niederlegen werde. Die CumEx-Geschäfte bei Blackrock, dem Vermögensverwalter, den Merz beaufsichtigt, kommentierte er so: "Das sind Dinge, die einfach nicht gehen." Bei Unternehmen, die so etwas machen würden, arbeite er nicht. "Ich mag die Leute nicht, die das machen." Zu seiner Zeit sei nichts mehr Illegales gelaufen. "Ich bin absolut clean." Schwesig war indes wichtig, Merz wieder und wieder darauf hinzuweisen, von den Alltagsproblemen der normalen Bevölkerung keine Ahnung zu haben. Das letzte Wort dazu soll ein Zuschauer haben, der im Internetforum zur Sendung kommentierte:  "Hat das Land wirklich keine anderen Probleme, als ob Herr Merz zur Mittelschicht gehört oder nicht?"