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TV-Kritik "Günther Jauch": Wie die ARD den Snowden-Coup versemmelt

Die ARD hat ein Interview mit Edward Snowden. Ein Coup. Doch Günther Jauch, der Teile des Gesprächs mit dem Whistleblower vorab zeigen darf, macht nichts daraus.

Von Jan Zier

Ja, es ist ein Coup, dass es der ARD, dass dem NDR-Journalisten Hubert Seipel gelungen ist, Edward Snowden zu interviewen. Immerhin sind sie damit der erste TV-Sender überhaupt, der sowas geschafft hat. Da ist nur zu nahe liegend, dass auch Günther Jauch ihn zum Thema macht, ehe der Sender hinterher das Interview in ganzer Länge ausstrahlt. "Edward Snowden – Held oder Verräter?" also ist an diesem Abend das Thema. Leider reicht die Diskussion kaum über diese schon länger debattierte Frage hinaus.

Die Fronten sind klar: Auf der einen Seite sitzen jene wie der grüne Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele, der selbst schon mit Snowden sprach. Sie sagen: "Edward Snowden hat sich ungeheure Verdienste um die gesamte Menschheit erworben" und einen "riesigen Spionageskandal" aufgedeckt. Sie sagen, dass er als großer Aufklärer in die Geschichte der Menschheit eingehen werde. Dass Europa sich schämen sollte, ihm kein Asyl gewährt zu haben. Soweit, so richtig und bekannt.

Und dann gibt es eben jene, die die globale Überwachungspolitik der amerikanischen NSA gutheißen und rechtfertigen. Der frühere amerikanische Botschafter John Kornblum gehört freilich dazu, aber auch Julian Reichelt, der bald Online-Chefredakteur bei "Bild.de" sein wird. Er sagt: Snowden hat dem transatlantischen Bündnis, dem Vertrauen in unsere Sicherheitsdienste sehr geschadet und ausgerechnet Russland in die Hände gespielt. Und Reichelt sagt: Die NSA hat "keine Gesetze übertreten". Sogar der amerikanische Kongress, sagt Ströbele, sehe das mittlerweile anders.

Kornblum: Journalist, der den Geheimdiensten vertraut

Was Snowden selbst sagt, was in Ausschnitten auch bei Jauch schon zu sehen ist, war mitunter auch vorab schon bekannt. Dass es deutliche Morddrohungen gegen ihn gebe, etwa. Kornblum hält es für "völlig ausgeschlossen", dass die USA Snowden in Moskau kidnappen oder gar töten könnten. Im Publikum erntet er dafür nur höhnisches Gelächter. Aber für Kornblum ist der 30-jährige Snowden ohnehin eher nur ein unreifer Jüngling.

Ob Kanzlerin Angela Merkel die einzige deutsche Politikerin war, die die NSA belauscht hat, wird er dann gefragt. Wie wahrscheinlich und logisch ist das, fragt Snowden zurück. Eine rhetorische Frage - nur nicht für Kornblum. Das sei zu "100 Prozent" falsch, sagt der, und überhaupt sei auch Merkel gar nicht richtig abgehört worden. Auch Reichelt glaubt, dass es der NSA wirklich nur um Terrorabwehr geht und schon gar nicht um unsere privaten E-Mails, hat aber andererseits mit den Methoden des Geheimdienstes auch keine weiteren Probleme. Und auch nicht damit, dass Verbündete ausspioniert und belogen werden. Die NSA könne jede E-Mail lesen, wenn sie die dazugehörige Mailadresse habe, sagt Snwoden in dem Interview, und jeden Laptop an jedem Ort der Welt ausfindig machen. "Egal, wohin sie gehen, kann die NSA sie finden."

Es fragt auch niemand

Und es geht auch gar nicht mehr ohne all diese Überwachung, sagt Kornblum, wegen der "täglichen Bedrohung durch den Terrorismus", nicht nur in Amerika, und weil wir, technologisch gesehen, "an der Schwelle zu einer neuen Ära stehen". Die Möglichkeiten in Zeiten des Internets, sie sind eben so. Also überwachen die USA das Netz, so gut sie können. Und wenn die Europäer sich angesichts all dessen auch selbst etwas schützen wollten, dann seien sie eben zwingend von den USA abhängig. Jetzt und immerdar. Auch wenn ihnen das nicht gefalle. So einfach ist das, aus seiner Sicht. "Europa ist heute noch viel mehr auf die USA angewiesen als noch 1990", sagt Kornblum.

Das wäre der Punkt gewesen, an dem die Debatte neue politische Aspekte hätte hervor bringen können. Doch da ebbt sie schon wieder ab, oder wiederholt nur, was schon länger diskutiert wird. Kornblum spricht von einem "Bedürfnis nach neuen politischen Konzepten". Wie die genau aussehen sollen, das sagt er nicht, aber es fragt auch niemand.

Wer das Snowden-Interview am späten Montagabend verpasst hat: Die ARD hat es in voller Länge auf Youtube veröffentlicht.

Außerdem ist das Interview auch in der ARD-Mediathek verfügbar.