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TV-Kritik: Anne Will scheitert mit Bahn-Schlichtung

Der Tarifkonflikt bei der Bahn steckt in der Sackgasse - daran konnte auch die Talk-Show "Anne Will" nichts ändern. Die geladenen Gäste tauschten artig die altbekannten Argumente aus und hinterließen beim Zuschauer nur ein gelangweiltes Kopfschütteln.

Von Marcus Gatzke

Langeweile pur - wer gehofft hat, dass die Talk-Show "Anne Will" am Sonntagabend zumindest ein wenig Bewegung in den festgefahrenen Tarifstreit bei der Deutschen Bahn bringen würde, wurde enttäuscht. Ein unbefristeter Streik in der laufenden Woche ist ebenso wenig ausgeschlossen wie ein neues Angebot der Bahn.

Dabei waren alle notwendigen Personen vorhanden, um zumindest die Chancen für neue Gespräche auszuloten. Auf der einen Seite Bahn-Personalvorstand Magret Suckale, die sich mit keiner Silbe über ein mögliches neues Tarif-Angebot äußern wollte, sondern lediglich immer wieder das so wichtige Gut der Tarifeinheit betonte. ("Eine Berufsgruppe darf nicht über das Maß bevorzugt werden")

Auf der anderen Seite ein mit deutlich mehr Temperament ausgestatteter Manfred Schell, Vorsitzender der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL), der die ursprüngliche Forderung von 31 Prozent zumindest halbierte ("Zehn bis 15 Prozent wären akzeptabel"). Mittendrin Transnet-Chef Norbert Hansen, der nicht so recht wusste, ob er nun auf Seiten des Konzerns steht und die Tarifeinheit und damit seine Macht bei der Bahn unbedingt erhalten will, oder ob es ihm doch still und heimlich imponiert, wie Schell mit dem Vorstand der Bahn umspringt.

Immer gleiche Zahlen

Natürlich werden Tarifverhandlungen nicht unbedingt in der Öffentlichkeit geführt - schon gar nicht vor Millionen Zuschauern im Fernsehen. Aber das beide Seiten dann doch nur mit den immer gleichen Zahlen um sich geworfen haben und die alten, schon x-mal wiederholten Argumente ausgetauscht wurden, war dann doch ein sehr mageres Ergebnis der einstündigen öffentlichen Debatte.

Es fand lediglich das übliche Schwarze-Peter-Spiel statt, mit leichten Vorteilen für den Chef der Lokführer-Gewerkschaft. Schell weiß die Mehrheit der Öffentlichkeit hinter sich - trotz der Arbeitsniederlegungen in den vergangenen Tagen und der Folgen für Millionen von Bahn-Kunden. Mit Sätzen wie "Auch ich habe große Sympathie für die Lokführer", versuchte Suckale deshalb beim Zuschauer zu punkten. Der hatte aber wahrscheinlich schon längst abgeschaltet, so langweilig war die Diskussion.

"Temperament erschwert Gespräche"

Beide Seiten betonen ihren Willen zu einer Einigung zu kommen - nur wie sie erzielt werden soll, wusste keiner der Anwesenden. Der geladene Mediator Kurt Biedenkopf (CDU), dessen im August erzieltes Vermittlungsergebnis vom Bahn-Vorstand und der GDL komplett unterschiedlich interpretiert wird, verweist zur Begründung für die bisher gescheiterten Gespräche auf die beiden Hauptcharaktere: Hartmut Mehdorn und eben Schell: "Beide verfügen über Temperament, was Gespräche erschwert."

Vielleicht hätte ja die Anwesenheit von Hartmut Mehdorn die Diskussion zumindest für den Zuschauer spannend gemacht, wenn die beiden Kontrahenten öffentlich miteinander gerungen hätten. An der an seiner statt ins Rennen geschickte Suckale prallten die Angriffe Schells dagegen weit gehend ohne entsprechend temperamentvolle Gegenreaktion ab. So bleiben der Tarifstreit in der Sackgasse, in die er "bewusst gelenkt worden ist", wie der geladene Verhandlungsexperte Matthias Schranner sagte und anfügte: "Jetzt ist ein solches Verhalten nicht mehr zielführend."

An diesen Rat hält sich aber offenbar keine der beiden Seiten und so konnte Anne Will am Ende er Sendung nur konstatieren: "Jetzt haben wir immer noch nicht herausgefunden, ob wir den Konflikt gelöst bekommen."