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TV-Kritik zu "Günther Jauch": Eine Frage der Langeweile

Günther Jauch will über die großen sozialen Themen reden und lässt sich doch mit Platitüden abspeisen. Am Ende ist das Spannendste eine Frage, die sogar Politiker kurz stocken lässt.

Von Jan Zier

Uli Hoeneß wäre eine Große Koalition unter Führung von Angela Merkel (CDU) und Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) nach der nächsten Bundestagswahl "nicht so unrecht". Das sagte der FC Bayern-Präsident am Sonntag am Höhepunkt der Talkshow von Günther Jauch. Der Moderator erklärte daraufhin, dass es auch in der kommenden Sendung "wieder relativ" spannend werde.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Es war nicht so, dass es nichts zu sagen, zu diskutieren gegeben hätte. Sollte es doch um die ganz großen sozialen Fragen in diesem Land gehen: "Eine Frage der Gerechtigkeit: Wer kann noch in Wohlstand leben?" Anlass: Der aktuelle Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung.

Da steht zum Beispiel drin, dass die reichsten zehn Prozent der deutschen Haushalte über die Hälfte des gesamten Nettovermögens verfügen. Und dass die untere Hälfte der Haushalte nur etwas mehr als ein Prozent des Nettovermögens hat. Oder dass nur jeder Fünfte in Deutschland mit Bildung den sozialen Aufstieg schafft. Und so weiter. Natürlich alles keine ganz neuen Erkenntnisse, denn auch solche Berichte der Regierung gibt es schon seit 2001. Was seither passiert ist? "Nichts", sagt Bernd Siggelkow, Leiter des christlichen Jugendhilfswerks "Die Arche e.V." in Berlin. Es werde immer nur über das gleiche diskutiert. Damit war alles Wesentliche zur Sendung gesagt.

Hoeneß will die Reichen im Land halten und weiter melken

Da dürfen Uli Hoeneß – in einfachen Verhältnissen groß geworden – und Bayerns Ex-Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) – einer von wenigen aus seinem Bauerndorf, die damals aufs Gymnasium gingen – darüber räsonieren, dass es früher auch nicht einfach war. Und dass es heute Dinge gibt, die es früher nicht gab. Hannelore Kraft sagt, dass die Ungleichheit in diesem Lande Grenzen habe, die "glaube ich", überschritten sind. Freilich ohne zu sagen, was daraus folgen könnte oder sollte. Und Katja Kipping, Chefin der Linkspartei sagt wieder einmal, dass keiner weniger als 1.000 Euro im Monat haben sollte, und dass, wer mehr als das 40-fache dessen kriegt, "sehr stark besteuert" werden sollte. Dazwischen versichern sich Kraft und Stoiber gegenseitig, dass der Staat viel tue, aber ständig vor neuen Herausforderungen stehe. Wobei, so der CSU-Politiker weiter, der Staat sich irgendwie "bescheiden" müsse. Doch der Glaube an die Regelungskraft des Staates sei eben "ungebrochen".

Die Uli Hoeneß-Partei setzt da lieber auf die Selbstverpflichtung der Reichen, und darauf, dass man sie im Land hält, damit sie "weiter gemolken" werden können, etwa für die Finanzierung des Bayern-Stadions in Fröttmanning. Ansonsten ist er sich mit der Linkspartei einig, dass Krankenschwestern mehr verdienen müssten und Bankmanager weniger.

Als Siggelkow sagt, dass den Hartz-IV-Empfängern etwa nicht in erster Linie mehr Geld helfen würde, sondern vor allem mehr Würde, weiß keiner in der Runde so recht etwas damit anzufangen. Lieber reden sie darüber, ob Kinder es heute besser haben wollen sollten als ihr Eltern. Ja, sagt Stoiber. Nein, sagt Hoeneß.

Als nicht nur Edmund Stoiber die Luft weg bleibt

Und Jauch? Hält sich bei alledem sehr zurück. Er ist ja schon froh, wenn er die Nebendiskussionsschauplätze klein halten kann, über die Katja Kipping so gerne redet, etwa die Haltung der CDU zur Herdprämie oder die von Frau Kraft zum Rentenkonzept der SPD.

Etwas interessant ist die Sendung nur an der einen Stelle, als nicht nur Edmund Stoiber kurz die Luft weg bleibt. Nämlich auf Jauchs Frage: "Brauchen Sie eigentlich die Stimmen der Unterschicht?" Aber, wie gesagt: Der Fragesteller fand seine Sendung auch sonst: "relativ spannend".

Jan Zier