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TV-Kritik

"Hart aber fair": Krankenhäuser schließen? Professor hält die Hälfte aller Einweisungen für überflüssig

Bei "Hart aber fair" wurde darüber gestritten, ob Deutschland weniger Krankenhäuser braucht. Die einzige Politikerin in der Runde hielt sich zurück. Dafür lieferte das Beispiel Dänemark interessante Erkenntnisse.

Von Andrea Zschocher

"Hart aber fair"-Moderator Frank Plasberg

Zu Gast bei Frank Plasberg waren der Präsident der Deutschen Krankenhaus Gesellschaft Gerald Gaß, Gesundheitsökonom Reinhard Busse, Assistenzärztin Katja Kilb Jacobsen, Arzt im Ruhestand Dr. Rainer Hoffmann, Gesundheitsministerin Sabine Bätzing-Lichtenthaler und der AOK Vorstandsvorsitzende Martin Litsch

"Geldverschwendung" und "Irrsinn" seien die über 1400 Krankenhäuser, die es in Deutschland gibt, moderierte Frank Plasberg seinen Talk zum Thema "Zu klein, zu teuer, zu schlecht: Haben wir zu viele Krankenhäuser?" an. Einerseits geht es am Ende immer ums Geld. Und auch um Qualität. Aber was ist mit den eher weichen Faktoren wie "Zuwendung und Heimatnähe"? Sind kleine Kliniken immer automatisch auch schlechter? Welche Kriterien entscheiden am Ende über die Schließung von Kliniken? Und wie soll die Gesundheitsversorgung der Zukunft aussehen, wenn, wie vom Gesundheitsökonom Reinhard Busse gefordert, über die Hälfte der Krankenhäuser geschlossen werden sollten?

Spezialfälle statt Grundversorgung

Auffallend oft wurde in der Diskussion um weniger aber spezialisierte Krankenhäuser immer wieder über Spezialfälle gesprochen. Über Bauchspeicheldrüsen-OPs (die nicht zum Standardprogramm jeder Klinik gehören und an über 300 Kliniken nur jeweils drei Mal im Jahr überhaupt stattfinden), über Herzinfarkte und Hüftoperationen. Die Redaktion von "Hart aber fair" hatte recherchiert, dass im Umkreis von 25 km um Essen 70 Kliniken eine bestimmte Hüft-OP durchführen würden. Nur können natürlich nicht alle Kliniken das gleich gut.

Screenshot eines Bildes von Jana Langer, daneben ihr Brief an Jens Spahn

Darauf angesprochen, erklärten alle Gäste, dass sie sich im Zweifelsfall natürlich lieber da operieren lassen, wo die Qualität und die Erfahrung der ÄrztInnen stimmt und sie nicht unbedingt auf das nächstgelegene Krankenhaus zurückgreifen würden. So, wie es vermutlich die allermeisten BürgerInnen tun, wenn sie für eine geplante Operation nach einem Krankenhaus suchen. An dieser Stelle könnte es also heißen: Fall gelöst, es gibt nur noch große Spezialkliniken, die kleinen Krankenhäuser werden abgeschafft, statt mehr als 1000 nur noch 600 Kliniken in Deutschland. Die kleinen Zentren schließen, die großen Krankenhäuser bleiben. Aber sind denn alle kleineren Kliniken schlecht?

Zu Gast bei "Hart aber fair" waren:

  • Sabine Bätzing-Lichtenthäler, (SPD) Ministerin für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Demografie des Landes Rheinland-Pfalz
  • Gerald Gaß, Präsident der Deutschen Krankenhaus Gesellschaft
  • Martin Litsch, Vorstandsvorsitzender des AOK Bundesverbands
  • Reinhard Busse, Gesundheitsökonom; Professor für Management im Gesundheitswesen an der TU Berlin
  • Dr. Rainer Hoffmann, Internist und Gastroenterologe im Ruhestand; Initiator einer Petition zum Erhalt der kleineren Krankenhäuser im ländlichen Raum
  • Im Einzelgespräch: Katja Kilb Jacobsen, Assistenzärztin in der Anästhesiologie an der Universitätsklinik in Svendborg/Dänemark

Mindestmengenreglung und wohnortnahe Betreuung

Ganz so einfach war es im Talk dann aber eben doch nicht. Denn nach welchen Kriterien die Krankenhäuser bleiben dürften oder schließen müssten, das sei nicht klar. Die ab 2020 geltende Mindestmengenregelung für sieben Behandlungsfelder könnte ein erster Indikator sein. Bei den Behandlungsfeldern handele es sich aber, so Gaß, um so komplexe Eingriffe, dass diese Regelung zur Sicherheit der PatientInnen richtig sei. Nur, die Grundversorgung sei davon nicht betroffen. Die müsse weiter von den kleinen Kliniken übernommen werden. Busse wollte davon nichts wissen, beharrte darauf, dass 50 Prozent der stationären Einweisungen überflüssig seien. Die Medizin hätte sich seit den 80er-Jahren verändert, der "Faktor Bett" hätte heute keinen so hohen Stellenwert mehr, weil sich die Medizin so weiterentwickelt hätte. Würde die Hälfte der deutschen Krankenhäuser schließen, das Personal, was dort beschäftigt ist, könnte auf die übrigen Kliniken verteilt werden und so wäre auch der Personalmangel gelöst, meinte Busse.

Dass viele PatientInnen aber Rat und Unterstützung in wohnortnahen Krankenhäusern suchen, weil Fachärzte überlastet seien, war für den Gesundheitsökonom kein Argument. Das Krankenhaus sei nicht der richtige Ort dafür, die Menschen sollten sich anders zu helfen wissen. "Ins Krankenhaus sollte man, wenn etwas [bei der Diabetesbehandlung] schiefgeht", nicht, weil es sonst keine Möglichkeit der Behandlung durch ÄrztInnen gibt. In der Praxis, bestätigten Bätzing-Lichtenthäler und Gaß aber, sei es eben genau so. Menschen gehen ins Krankenhaus und werden dort stationär aufgenommen, weil die Fachärzte vor Ort keine Kapazitäten mehr frei haben. Und für genau diese Fälle seien auch die kleineren Kliniken in Heimatnähe wichtig. Sie bieten die Grundversorgung an.

Alles anders in Dänemark

Die Assistenzärztin Katja Kilb Jacobsen erzählte von der Neustrukturierung der Krankenhäuser in Dänemark. Von 98 Kliniken blieben nach der Reform nur 32 übrig, alle sind spezialisiert. Es seien rund um die Uhr Oberärzte verfügbar, wer die Hilfe der Spezialklinik nicht mehr nötig hat wird weiterverlegt, es gibt Angehörigenhotels, weil manche Kliniken bis zu 150 Kilometer vom Wohnort entfernt liegen. Trotz der längeren Anfahrtswege auch in Notfallsituationen sterben im Schnitt weniger PatientInnen in dänischen Kliniken, was an der guten Ausstattung und der Spezialisierung der ÄrztInnen liegt. Dass sich das dänische Modell (gegen das es auch Widerstand aus dem Volk gab) nicht ohne weiteres auf Deutschland ummünzen lässt, liegt unter anderem an sehr unterschiedlichen Strukturen innerhalb des Gesundheitssystems.

Weitere Themen des Abends:

  • Würden kleine Kliniken geschlossen gäbe es auch in der Ausbildung von Pflegekräften einen Engpass, denn vor allem hier wird laut Gaß sehr viel ausgebildet
  • Warum muss ein Krankenhaus überhaupt Gewinn machen?
  • Sind die Mindestmengenregeln nicht korrumpierbar?
  • Nur als Randthema kam die Frage nach der allgemeinen ÄrztInnenversorgung auf dem Land auf, dabei ist diese für die Frage ob es weniger, aber spezialisierte Krankenhäuser geben soll ja nicht unerheblich

Interessant war, dass die Politik, die natürlich hier am Zug ist, sich bei diesem Talk sehr zurückgehalten hat. Sabine Bätzing-Lichtenthäler schwärmte immer wieder von Rheinland-Pfalz, blieb aber mit konkreten Vorschlägen eher sparsam. Im Gegensatz dazu stritten Gaß und Litsch gemeinsam gegen Busse und sorgten so wenigstens für eine belebte Talkshow abseits vom Politikeinerlei. Nur eine Lösung bringt das leider auch nicht. Frank Plasberg wies darauf hin, dass die ZuschauerInnen sich entscheiden müssten, welchen Weg sie weiter gehen möchten.

Qualität in der Breite und Expertentum im Speziellen schließen sich nicht aus, lassen sich auf 1400 Kliniken aber sehr schwer verteilen.