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Leseprobe: Jutta Kleinschmidt

Die Dame raste ihnen davon beim größten Männerabenteuer, der Wüstenrallye Paris-Dakar. Die Herren staunen noch immer.

Das letzte Abenteuer: 10 000 Kilometer quälen sich die Piloten durch die Wüste. Der Sand ist so fein, dass er in die Lungen kriecht. Noch nie war bei der Rallye Paris–Dakar eine Frau als Erste ins Ziel gefahren, als 2001 Jutta Kleinschmidt siegte

Ein Porträt aus dem stern-Archiv

Verdammt, man hätte sie sehen müssen. Schlesser, wie er ins Lenkrad beißt vor Zorn. Und Masuoka, den Japaner. Ob er geschrien hat? Oder nur stumm verzweifelt war? Staub haben sie gefressen. Sand. Juttas Sand. Jutta brauste durchs Ziel, Schlesser und Masuoka hinterher. Waren weg vom Fenster. Jutta war da. Einfach da. Kaum zu glauben. Später hat einer dann Walter Röhrl befragt in einem Interview. Den Röhrl, die Rallyelegende. Den Röhrl, der einst gesagt hatte, es stünde schlimm um diesen Sport, wenn mal eine Frau Weltmeister würde. Den Röhrl, der selbst nie die Trophäe der Dakar in der Hand hielt. "Es ist für eine Frau schon sehr beeindruckend, was Jutta Kleinschmidt zeigt", sagte Röhrl in der Erklärungsnot, und dass Frauen im Motorsport ja eigentlich eher zu soft seien, wenngleich sie im Privaten stärker zum Brutalen neigten.

2001 war das. Jutta, das Wunder, erste Frau, die die Rallye Paris–Dakar gewinnt. Die Welt hat gestaunt. Und das ist es wahrscheinlich, was Jutta Kleinschmidt am meisten hasst. Das Staunen. Doch genau deswegen sitzt man hier und wartet, das Wunder zu begreifen. Jutta Kleinschmidt: geboren 1962 in Köln, aufgewachsen in Berchtesgaden, Oberbayern, ländlich raue Gegend (!), technische Knabenrealschule, mit Sondergenehmigung einziges Mädchen (!), technisches Fachabitur, einzige Frau (!), Studium, Physik (!), Rallyefahrerin (!!). Eine von vier Schwestern, Mutter alleinerziehend, Frauenhaushalt, kein Mann im Haus. Aha.

"Es war mir ziemlich früh klar, dass ich nicht weniger leisten kann als die Jungs. Was einem ja sonst so erzählt wird, erziehungsmäßig, in den meisten Familien. Doch bei uns gab es nur Frauen. Da war nie vorgegeben: Mädchen müssen das, Jungs das machen. Ob es eine Rolle gab, die ich in der Familie gespielt habe? Das weiß ich nicht. Ich war einfach da."

Jutta ist da. Sie kam den Hang hinunter geschlendert. Federnden Schrittes. Dunkle Stoffhose, dunkle Jacke, rote Lederschuhe, Halbschuhe, bequem und schlicht und unauffällig. Kein Blick auf die Rolls-Royce und die Ferrari vor dem Casino. Jutta Kleinschmidt kam zu Fuß. Café de Paris, am Casino, sonnenbeglücktestes Monaco. Auf der Markise döst fett eine Taube. Jutta blickt freundlich unter ihrem blonden Pony hervor. Kurzhaarfrisur, praktisch. Sie blickt einem in den Notizblock. Sie ahnt ja schon, das kommt, was muss.

Ja, sie habe mehr mit den Jungs gespielt als mit den Mädchen, das sei schon so, aber nie weil’s Jungs waren, nein, nur wegen der Interessen. Bewegung, Abenteuer, in verfallene Häuser klettern, wo die Marder lauern. Im Wald stöbern, wo man Baumhäuser bauen kann, ganz oben. Cowboyspiel, als Indianer meistens Häuptling, "wer auch sonst?"

Und wenn einer nicht dran glaubte, dass sie mithalten kann?

"Dann wollte ich das schon schnell klarstellen." Sagt sie. Und sie lächelt. Das heißt, nur die Augen lächeln, funkeln. Ein bisschen von jenem Stolz, den man zu zeigen sich geniert.

Jutta, das Kind, ist top in allem, was schnell ist. Fährt Ski. Dann Skibob, Weltmeisterschaftsdritte. Rennrodel, Jugend-Nationalmannschaft. Hört auf. Sobald sie oben ist, hoher Level, langweilt es sie, und sie wechselt. "Ich habe mich vielleicht ein bisschen mehr getraut als andere, auch auf die Gefahr hin, dass man mal hinfällt. Vielleicht hat mich das vorangebracht."

Mut? Sie zögert, Mut, männliche Tugend. "Ja, wahrscheinlich, wenn man das Mut nennen will", sagt sie leiser. "Aber vor allem wollte ich immer etwas Neues erleben. Ein bisschen wie die Pioniere. Deswegen bin ich auch zum Motorsport gekommen." Jutta also, um Neues zu erleben, steigt mit 18 zur ersten Fahrt mit frischem Führerschein aufs Motorrad. Erprobt sich auf einer Pass-straße, ehemalige Rennstrecke, zu schnell, kommt ab, rast sich fast ums Leben. Aber sie fährt weiter. Ein Motorrad verspricht mehr Abenteuer als ein Auto. Sie lächelt, monegassischen Sonnenschein im Nacken: "Und dann hat man halt immer mehr die Extreme gesucht."

Man düst erst auf der Straße. Versucht dann, "das Gelände zu erobern". Moto-cross-Strecken. Querfeldein. Hört schließlich von der Rallye Paris–Dakar. "Das letzte Abenteuer für die letzten harten Männer auf diesem von der Verweichlichung bedrohten Planeten", nannte es mal einer.

Jutta ist kein Mann. Jutta sagt trocken: "Ich wollte einfach die Rallye begleiten. Als Urlauber." Man fragt besser nicht, was ihre Mutter wohl dazu gesagt hat.

Ein Motorrad in der Wüste ist wie ein wildes Tier. Es bockt wie ein Stier, wenn man über harte Buckel reitet. Es schlägt aus wie ein Pferd, wenn im weichen Sand das Hinterrad nach vorn durchbricht. Es wirbelt durch die Luft wie ein Panter, wenn man zu schnell über eine Sanddüne rast. Rund 10 000 Kilometer ist eine "Dakar" lang, meist von Paris bis nach Dakar im Senegal. An die 20 Tage Fahrt, an manchen sitzt man 14 Stunden im Sattel. Halluzinationen. Sogar Banditen am Wegrand manchmal oder bewaffnete Rebellen. Die Duschen: Wassereimer. An den Landesgrenzen Minenfelder, Reste irgendwelcher Bürgerkriege.

Welche Frage hassen Sie am meisten? "Diese: Ist das nicht zu schwer für eine Frau?"

Jutta, im ersten Versuch 1986, erreicht den Rallyetross gar nicht erst. Ihr Motorrad zerbirst auf harter Staubpiste. Sie fliegt mit einer Gehirnerschütterung nach Hause. Aber sie, das Neue vor Augen, trainiert: in Kiesgruben, auf Motocross-Strecken. Schraubt sich, mit Motoren vertraute Diplomphysikerin, ein Motorrad zurecht. In ihrer Wohnung: Im Gästezimmer ist das Rad aufgebockt, in der Küche liegen Zylinderköpfe. Dann, mit 24, jagt sie das erste Mal als Urlauberin auf der Dakar nebenher durch Staub und Sand. Wüste, Abenteuer, immer Neues, sagt sich Jutta, das ist mein Sport.

In dem man, Motor sei Dank, die körperliche Verschiedenheit zwischen Mann und Frau überwinden kann nur durch Köpfchen und Zähigkeit? "Nein." Jutta wird unruhig. Wippt mit dem Fuß, drückt durch, gibt Gas. Achtung, Sandloch. Wieder diese Fragen. "Das hat nichts mit Männlein oder Weiblein zu tun. Ich habe mir den Sport nicht gesucht, um es den Männern zu zeigen. Etwas beweisen wollte ich nur mir selbst."

Sie versucht es noch im selben Jahr: Pharaonen-Rallye in Ägypten. Motorschaden. 1988 dann: Paris–Dakar. Und danach immer wieder, immer besser. 1992 gewinnt sie, die letzten fünf Tage mit gebrochenem Fuß fahrend, die Damenwertung der Paris–Kapstadt.

"Ich hasse Damenwertungen im Motorsport", sagt Kleinschmidt, nippt an heißer Schokolade, "hab ich nie gefeiert."

Schließlich, 1992, kündigt Jutta, nach dem Studium Ingenieurin bei BMW in der Crash-Abteilung, ihren Job, "kurz vor Führungskraft". Sie sagt, sie habe es nicht aushalten wollen, über Jahre dasselbe zu machen. Es gibt auch eine andere, detailliertere Version der Geschichte zu lesen. Die handelt davon, dass die eingesessenen Herren in ihrer neuen Abteilung mit ihr nicht klargekommen seien. Da habe sie gekündigt. Jutta erzählt diese Geschichte heute nicht. Wäre wieder nur ein Stück aus Jutta im Männerland.

Jutta rast weiter. Sucht kleine Sponsoren, gibt Fahrkurse, jobbt in Kneipen, auf dem Bau. Siegt weiter – in der Damenwertung. 1992, Paris–Kapstadt. 1993 auf der Pharaonen-Rallye wird sie gar Vierte in der Gesamtwertung. Dann steigt sie um. Vom Motorrad aufs Auto: vier Räder und ein schützendes Dach.

Etwas, das nicht so schnell kippt und feststeckt im zähen Sand? Eine Frau, so sagte kürzlich die Kaufbeurer Rallyepilotin Andrea Mayer, könne nie siegen auf dem Motorrad, das man, drei Zentner schwer, in tiefstem Sand aufzuwuchten hat. "Ne, ne, ne", Jutta Keinschmidt bremst ab, schüttelt den Kopf, "das hat nichts mit männlich oder weiblich zu tun." Sei eher eine Frage der Lebensmüdigkeit. "Um dort vorne mitzufahren, muss man wirklich alles riskieren." Wollte sie nicht. Nicht alles.

Bis zu zehn Stunden ohne Unterbrechung pro Tag sitzt Jutta auf einer Dakar im Auto. Sand, überall, auch im Wagen, so fein, dass er nicht nur im Hals kratzt, sondern bis in die Lunge kriecht. Jutta trinkt wenig, damit sie unterwegs nicht anhalten muss, jede Minute entscheidet. Isst nur abends, verliert bis zu sieben Kilo pro Rallye. Tags ist es so heiß, dass der Schweiß unter dem feuerfesten Anzug in Strömen läuft, 50 Grad fiebern im Auto. Nachts zieht sie den Reißverschluss des Schlafsacks im Einmannzelt zu bis zum Anschlag, nicht nur wegen der eisigen Kälte, auch wegen der Skorpione.

Die ersten Rallyes fährt Jutta allein im Einsitzer. Sieht von den hoch gereckten Kalkfelsen und den Tierskeletten am Wegrand nichts, weil sie sich zugleich auf die Strecke konzentrieren muss und auf das "Roadbook", das beschreibt, wo Steine oder Sandlöcher sind.

Später wechselt sie auf den Zweisitzer. Co-Piloten weisen den Weg, der mal Piste ist und mal nur vage Richtung über die Dünen. Der manchmal in ein Sandloch führt, in dem man feststeckt, Stunden verliert. Einmal müssen sie das Getriebe ausbauen, zu zweit, der Servicewagen kommt nach zehn Stunden. Sie rast dann 1400 Kilometer am Stück durch, um den Rückstand aufzuholen. Den Kopf ihres übermüdeten Co-Piloten bindet sie in aufrechter Position fest, damit er sich auf dem wilden Ritt nicht das Genick bricht.

Der Mann.

Jutta, zäh und stark, wird 1995, erstmals im Auto bei der Dakar, Zwölfte der Gesamtwertung, Zweite bei den Serienfahrzeugen. Die Männer klopfen ihr auf die Schulter. Toll, für eine Frau. Bei der Wüstenrallye "Desert-Challenge" im selben Jahr liegt sie an zweiter Stelle, das Ziel ist nah, Jutta bleibt im Sand stecken, schuftet sich allein frei, eine Stunde lang, wird Dritte. Die Männer freuen sich, wenn Frauen mitfahren. Ist eine Abwechslung. 1996 rast Jutta Kleinschmidt auf der Paris–Dakar auf den "sensationellen fünften Platz", gewinnt im Jahr darauf als erste Frau eine Etappe. Die Männer freuen sich nicht, wenn sie von einer Frau überholt werden. Ist eine Irritation. Es gibt da diese Geschichte von dem Italiener, der, von Jutta abgehängt und schwer verstört, in der Nacht nach der Schmach mindestens fünfmal zu Jutta stürmte und schimpfte, sie habe eine Abkürzung genommen oder die Zeitmesser hätten versagt, wenigstens das.

Warum können es Männer nicht fassen, wenn sie gegen Frauen verlieren? Jutta, setzt die Tasse ab, verzieht keine Miene: "Weiß ich nicht. Das müssten Sie die Männer fragen." Also, Hosen runter. Seine "Männlichkeit" habe man ihm "abgeschnitten", so hat Jutta Kleinschmidt das Verhalten von Jean-Louis Schlesser erklärt, nach ihrem Triumph von 2001. Vielleicht bietet Schlessers Männlichkeit eine Antwort. Schlesser, Juttas Ex-Freund, wird "Le Patron" genannt, er pflegt über der Welt größtes Abenteuer zu sagen: "Das ist meine Dakar". Le Patron, Wüstenfuchs, aufgewachsen in Marokko, bulliger Typ, hat schon als Formel-1-Testfahrer Ayrton Senna von der Bahn geschossen. Le Patron zieht auch gern an langen Zigarren. Jutta Kleinschmidt darf ihn 1992 als Co-Pilotin im "Schlesserbuggy" begleiten, gebaut von Schlessers eigenem Team, 15 Angestellte. Die beiden werden ein Liebespaar, ziehen in Monaco zusammen. Ab 1995 fährt Jutta im eigenen Schlesserbuggy. Le Patron sagt: "Es gibt keine Frau, die besser fährt als ein Mann."

Jutta wird immer schneller. Schlesser wird Rallyeweltmeister in der Spezial-Wertung. Nur die Dakar gewinnt er nicht, versucht es seit fünf Jahren, scheitert auch 96 und 97. Dafür gewinnt Kleinschmidt ihre erste Etappe. Da spendiert der Patron im Fahrerlager noch eine Runde zu Ehren seiner schnellen Muse. Doch als die sich gar in der Weltcupwertung vorübergehend am Chef vorbei schiebt, legt der ihr nahe, doch schonender mit dem Material umzugehen.

"Ich habe Jean-Louis viel zu verdanken", sagt Jutta Kleinschmidt, im schönen Monaco, wohin sie ihrem Freund und Gönner einst folgte, "aber ich hätte auch ohne ihn geschafft, was ich erreicht habe." 1998 wechselt sie zu Schlessers überlegener Konkurrenz Mitsubishi. Sie wird es bereuen, unkt Le Patron. Und beendet deswegen Liebes- wie Arbeitsverhältnis. Auch bei Mitsubishi wird es nicht leicht für sie als weibliche Pilotin, die nicht direkt fürs japanische Werk fährt. Regel eins: Werkspiloten bekommen das bessere Material. Regel zwei: Piloten mit Siegeschancen auch. Regel drei: Frauen gewinnen nicht. Trotzdem schafft Jutta Kleinschmidt es 1999 als erste Frau auf das Treppchen, dritter Platz der Dakar, wird im Jahr darauf Fünfte. "Ich fahre auf Sieg", sagte Jutta.

2001, Jahr des Zweikampfs der Männer Hiroshi Masuoka, Mitsubishis Stallhengst, gegen Jean-Louis Schlesser, nun schon zweimal in Folge Sieger. Masuoka führt, Schlesser folgt, holt auf, fällt zurück. Kleinschmidt, die Frau im drei Jahre alten Mitsubishi, hinterher. Schlesser schwärzt beide wegen angeblich genommener Abkürzung an. Er ist auch in der Rallyekommission mächtig. Strafminuten. Schlesser ist wieder knapp an Masuoka dran. Jutta weiter zurück. Am vorletzten Tag: Le Patron, gierig nach Ehre und Sieg, startet unerlaubt vor Masuoka, lässt ihn von seinem Wasserträger José-Maria Servia blockieren, auf dass der Chef unbehindert den Gesamtsieg herausfahre. Masuoka, irrsinnig vor Zorn, versucht, abseits der Piste zu überholen, zerstört seine hintere Radaufhängung. Jutta fährt souverän. Ist weibliche Zurückhaltung ihr Geheimnis, Ruhe? "Nein, ich würde nicht sagen, dass ich ruhig bin. Nein, das wäre anmaßend", wiegelt Kleinschmidt ab, "außerdem gibt es auch sehr, sehr ruhige Männer." Keine Frage des Testosterons? "Höchstens ein bisschen."

Schlesser, Sieges-Zigarren im Gepäck, braust ins Ziel. Mit hohem Vorsprung vor der letzten kurzen Etappe. Auch Kleinschmidt zieht an Masuoka vorbei. Mit ein paar Strafminuten für den Frühstart rechnet Le Patron und mit dem dritten Gesamtsieg in Folge. Ein Lehrstück kalkulierten Durchsetzungsvermögens. Glaubt er, und meint sich selbst. Später hieß es dann, man habe Schlesser im Rennzentrum noch zwei Gänge weiter brüllen hören, als er erfuhr, dass er für das Unsportlichste, was die Dakar je gesehen hatte, 60 Minuten Strafe bekam. Und so startete Jutta Kleinschmidt, des Patrons Ex, als Führende in die letzte Etappe. Der Rest ist Sand im Männergesicht. Und Rallyegeschichte. Jutta lehnt sich zurück. "Jean-Louis war halt ein bisschen enttäuscht", sagt sie, spricht nicht vom Abschneiden der Männlichkeit, sie wolle nicht mehr über Schlesser reden. Vergangenheit. Schlesser grüßt sie auch schon wieder.

"Kleinschmidt hat den Sieg nicht verdient", sagte Schlesser bald, "es steht ihr überhaupt nicht zu, auf dem Podium zu stehen." Sagte ihr fürs nächste Jahr den Kampf an. Klagte sie immer wieder bei der Rennleitung an. Vergebens. 2002 fuhr Jutta auf den zweiten Rang. Schlesser schaffte es seit der Niederlage nie wieder ins Ziel der Dakar. Schlesser, Le Patron, der seine Freundin Jutta vor die Tür setzte, als sie in ein besseres Auto stieg. Noch ein Versuch. Warum, Frau Kleinschmidt, fällt es Männern so schwer, starke Frauen zu ertragen? Man spaziert runter vom Café de Paris zur Blumenterrasse, für Fotoaufnahmen. Jutta ist milder gestimmt, hilft einem doch noch auf der Suche. Und wird fündig in der Zeit von Keulen und Höhlen: "Vielleicht ist es von der Natur mitgegeben", sagt sie, Blick auf mächtige Yachten im Hafen, "in unserem Urleben war’s schon so, dass der Mann die Frau beschützt hat. Die Frau hat sich um die Familie gekümmert und der Mann für Essen gesorgt. Ich glaube, ein Mann fühlt sich halt sehr wohl, wenn er die Rolle des starken Beschützers einnehmen darf." Was nervt Sie am meisten an der Frage nach der Wunderfrau im Männerland? "Dass sie so häufig kommt in meinem Leben. Und dass sie alles reduziert." Jutta kann der Frage nicht davonfahren. Ihr höchstens souverän begegnen. Einmal hat ein 14-jähriger Nachwuchs-fahrer Jutta gefragt, ob sie denn nicht eigentlich an den Herd gehöre. Sie hat gelacht. Das fand sie süß. Und als im "Aktuellen Sportstudio" im ZDF der Kofferraum ihres Autos geöffnet wurde, hat sie gleich im Voraus in die Kameras gesprochen: "Da ist mein Schminkzeug drin."

Aber neulich sagte ihr ein potenzieller Sponsor ab. Erfolgreicher Rennsport wie der ihre würde seinem Produkt schon gut zu Gesichte stehen, "aber mit mir, sagte er, würde das Produkt verweiblicht". Jutta schmunzelt, schönes Wort. Gibt ja auch die andere Variante. Irgendwo steht, sie habe mehr männliche als weibliche Charaktereigenschaften, das habe sie selbst gesagt. Sie sagt, das habe sie nie gesagt. Und wenn man sie darauf anspricht, antwortet sie ruhig und geduldig wie zuvor, aber ihre Hände reden dann mit, sehr laut, und sie sagt: "Ich kann doch Frau bleiben, selbst wenn ich in einem harten Sport meinen Job mache." Und dann betont sie gleich, dass sie keine Feministin sei. "Ich will nichts beweisen, nicht den Männern, nicht den Frauen." Sie ist kürzlich zu Volkswagen gewechselt, ein Team aufzubauen. Im Januar ist sie angetreten zur Dakar, im neuen Wagen. Mit geringen Erfolgsaussichten, zu frisch das Auto. Sie wurde Achte. Ein Achtungserfolg nur. Hinter sieben Männern. Egal. Einfach egal.

Bernd Volland

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