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#metoo-Debatte: Viv Albertine: So massiv erlebte die Punk-Rockerin Ausgrenzung durch Männer

Es geht nicht um sexuelle Belästigung, und doch ist ein Bericht von Viv Albertine, Gitarristin der Frauen-Punk-Band Slits, ein bedrückender Beitrag zur #metoo-Debatte. Die Musikerin hat massive Ausgrenzung erfahren.

Viv Albertine von den Slits auf der Bühne 1980 in London

Viv Albertine, 1980 während eines Slits-Konzertes in London: Als junge Punk-Musikerin hat sie immer wieder massive Ausgrenzung durch Männer erlebt.

Picture Alliance

Die späten 1970er Jahre. Der Punk bricht los. Die Sex Pistols (1977), The Clash (1977), The Ramones (1976) - die späteren Größen des Genres lassen mit ihren Debüt-Alben aufhorchen und verändern - gefühlt - die Welt. Die "No Future"-Generation bestimmt für eine kurze Phase den Zeitgeist, dominiert die Jugendkultur. Mittendrin: Viv Albertine und The Slits - eine der ersten Frauen-Punk-Bands. Es war die Zeit, als Punk noch keine Attitüde, sondern echte Lebenseinstellung war. Ein wildes, alles Bisherige in Frage stellende Umfeld. Und doch hatte eines unausgesprochen Bestand: der Machtanspruch von Männern gegenüber Frauen.

In einem bedrückenden Bericht erzählt die heute 63-jährige Gitarristin, Autorin und Regisseurin in der aktuellen Ausgabe des deutschen "Rolling Stone", was sie und ihre Band-Kolleginnen abseits von direkten sexuellen Belästigungen zu erdulden hatten. Gab es in den 70er- und 80er-Jahren Übergriffe durch mächtige Männer gegenüber den Slits? Nein, schreibt Viv Albertine gleich zu Beginn ihrer Erinnerungen. Die jungen Punk-Frauen waren kompromisslos, "ein vierköpfiges, dreadlockiges, fauchendes Frauenmonster" und: "Unerbittlich unfickbar". Doch das verhalf den Slits keineswegs zu Triumphen und Unabhängigkeit. Im Gegenteil: "Sie wussten, dass eine 'Slit' nach körperlichen Zudringlichkeiten nicht den Mund halten würde", erinnert sich Viv Albertine. "Statt uns zu ficken, wollten sie etwas anderes: uns ein für allemal fertigmachen."


"Gewöhn dich an Ablehnung, härte dich dagegen ab"

Dass dies letztlich gelungen ist, daraus macht Albertine nach all den Jahren kein Hehl. Ihr Fazit im "Rolling Stone" ist erschütternd: "Wenn du eine Frau bist und an das glaubst, was du tust, wird es dir gelingen, deine Arbeit zu machen und fast gar nicht sexuell belästigt zu werden, wenn du zu Folgendem bereit bist: Schreibe und spiele deine Songs, erwarte aber nicht, das jemals jemand anders sie hören wird. (...) Huste Schleim wegen der Feuchtigkeit in den Räumen, in denen du lebst. (...) Gewöhn dich an Ablehnung, härte dich dagegen ab. Du darfst niemals von jemandem etwas wollen."

Schlussfolgerungen einer Frau, die in jungen, "prägenden" Jahren, wie sie selbst sagt, vor allem Ausgrenzung erfahren hat. Männer, egal ob aus der Musikindustrie oder von der Straße, hätten die Slits weder sehen noch hören können, sie hätten stets nur eine Bedrohung wahrgenommen. "Es hat 40 Jahre gedauert, bis die Leute angefangen haben, unsere Musik zu hören und anzuerkennen", sagt die Künstlerin. Sie spricht vor allem vom Debüt-Album der Band von 1979, "Cut", dessen seinerzeit provozierendes Cover die drei damaligen Slits-Frauen nur in Lendenschurz und mit Matsch bedeckt zeigt. Wiederentdeckt und nun auch gewürdigt wurde das Album dank des Internets. "In die Vergangenheit und auf einen Bildschirm verbannt, sind wir ungefährlich. Und alt", ordnet Viv Albertine dies für sich ein. "Ari, unsere damals 15-jährige Sängerin, die Bedrohlichste von uns allen, ist tot. Jetzt können wir gehört werden." Erst jetzt werde die Musik als fortschrittlich, experimentell und intelligent gewürdigt. Die Slits würden heute verstanden, weil sie keine Bedrohung mehr sein könnten.

Chrissie Hynde, Blondie, Viv Albertine

1980: Viv Albertine (re.) mit den berühmt gewordenen Kolleginnen Debbie Harry alias Blondie (Mitte) und Chrissie Hynde von den "Pretenders".

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Musikjournalist lässt die Hosen runter

Das war Ende der 1970er, als die "Slits" sehr jung, sehr lebendig und sehr rebellisch waren, offensichtlich sehr anders. Leitende Männer in der Musikindustrie wollten sich mit den Slits nur treffen, wenn diese einen Mann als Vertreter dabei hatten. Ältere Journalisten weigerten sich, Interviews abzuhalten, ohne dass ein männlicher Aufpasser dabei war. Ob A&R-Leute von Plattenfirmen, Roadies oder Soundleute am Mischpult - niemand schaute den Slits-Frauen in die Augen oder sprach direkt mit ihnen, berichtet Viv Albertine von skurrilen Situationen. Während die Männerbands in den wilden Punkzeiten stets Hotelzimmer bekommen hätten, wären die Slits stets abgewiesen worden, hätten Nacht für Nacht irgendwelche Unterkünfte suchen müssen. Während die Männerbands selbstverständlich im Tourbus einstiegen, hätten die Slits stets den Busfahrer bestechen müssen, weil dem das Aussehen der Punk-Frauen nicht gefiel. Von den männlichen Kollegen, zum Teil damals schon Stars, war offenbar keine Hilfe zu erwarten. Viv Albertine erwähnt diesen Umstand nicht einmal.

Bizarr auch ihr Bericht vom ersten großen Interview mit der Musikzeitschrift "NME" aus Anlass des Erscheinen von "Cut". Der Journalist, Nick Kent, bestand darauf, die Slits-Frauen einzeln, nacheinander zu befragen. Als Viv Albertine als schließlich als Letzte an die Reihe kam, zog Kent seine Hose aus. "Stand nackt bis auf die Unterwäsche da - kein schöner Anblick", berichtet Viv. Und weiter: "Ich hielt das nicht für einen sexuellen Akt, ich verstand es als Hirnfick. Er tat es, um mich zu verunsichern. Wir waren in seiner Einzimmerwohnung. Ich hockte auf seiner Bettkante. Wenn wir uns heute begegnen, dann relativ freundschaftlich. Er hat vergessen, was er gemacht hat. Ich nicht."

#Metoo: "Er schob seine Zunge in meinen Hals"

Von einem direkten Übergriff während ihrer Karriere berichtet Viv Albertine dann doch noch. Lange nach der Punk-Ära. Nach 25 Jahren Pause war die Musikerin wieder aktiv geworden, inzwischen über 50 Jahre alt, und sie hatte einen alten Bekannten gefragt, ob er sie managen wollte. Er wollte zwar lieber "jüngere Menschen, die er formen und beeinflussen kann" managen, verstand die Frage aber dennoch als Angebot: "Er war betrunken und fing an, mich zu betatschen und mir die Zunge in den Hals zu schieben. Ich hatte gewagt, etwas von einem Mann zu wollen, und offensichtlich war das der Fehler." Zusammen mit einer anderen Frau, die in dem Hotelzimmer anwesend war, schaffte es Viv, den "alten Freund" abzuwehren.

"Sie können es nicht ertragen, keine Macht über einen zu haben", fasst Viv Albertine ihre Erlebnisse zusammen. Die jungen Slits seien von Männern in Machtpositionen nicht sexuell belästigt worden, weil wir uns (...) mit unserer Haltung und unserem Erscheinungsbild für Männer in Machtpositionen sexuell inakzeptabel gemacht haben. (... Wir) wurden aber in anderer Weise dafür bestraft, dass wir das Spiel nicht mitgespielt haben. (...) Ich wurde bestraft, so wie alle Frauen bestraft werden, die sich weigern, sich amzupassen. Sie sind nicht sicher auf der Straße, bekommen keine anständigen Jobs und werden nicht anständig bezahlt. Sie haben keine Familie und keine gleichberechtigte Beziehung."

Der Erfahrungsbericht von Viv Albertine ist unter dem Titel "Unerbittlich unfickbar" exklusiv im deutschen "Rolling Stone", Heft Januar 2018, erschienen.

dho / dho