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Bassiani in Tiflis: Mehr als Techno: In diesem Club tanzt Georgien für Freiheit und den Wandel

Das Bassiani in Tiflis gilt als einer der besten Technoclubs der Welt. Aber Tanzen war schon lange nicht mehr so politisch wie hier. An der Zukunft ihres Clubs, sagen die Betreiber, entscheidet sich die Zukunft Georgiens.

Im Bauch des Bassiani sind wir alle gleich ...

Im Bauch des Bassiani sind wir alle gleich ...

Lange bevor in dieser Nacht der Beat einsetzt, sitzt Levan Berianidze in einem kahlen Büro im Osten von Tiflis und sucht nach Nazis. Er scrollt. Er klickt. Hier zum Beispiel, sagt Levan. Und dann leiser: Gefahr. Er zeigt auf die gebogenen georgischen Buchstaben vor ihm auf dem Laptop. Sie ergeben den Namen einer rechten Jugendbewegung. Im Schein seines Bildschirms erinnert Levan mit seinen schmalen Gliedern und den langen Haaren an eine Mischung aus einer Elfe und einem Yogalehrer. Er sieht zart und zerbrechlich aus, nicht wie ein digitaler Türsteher und auch nicht wie eine neue Macht, aber mit Levan und seinen Leuten wächst gerade genau das heran in Georgien.

Feiern für Freiheit: Das Bassiani in Tiflis
Das Motto des Bassiani: We dance together – we fight together!

Das Motto des Bassiani: We dance together – we fight together!

Levan ist 28, er hat in Budapest Gender Studies studiert und leitet das Equality Movement des Landes. Wie viele andere junge Georgier wünscht er sich ein Georgien ohne Stalinismus, Nazis und Schwulenhass. Deshalb ist er Teil eben jener Aktivistenszene in Tiflis, die sich um das Bassiani bewegt, den wichtigsten Technoclub der Stadt. Es gibt Menschen, die behaupten sogar: der Welt. "Is this Georgian Club the New Berghain?", titelte die Vice, obwohl solche Vergleiche eigentlich immer Quatsch sind. Kein Ort oder Mensch sollte einem anderen gleichen müssen, um bedeutsam zu sein. Fest steht: Das Bassiani ist ein besonderer Club, weil er in einem Land steht, das gerade die Freiheit des Einzelnen verteidigt gegen Kirche und Staat. Und vielleicht bemisst sich die Freiheit eines Landes ja immer an der Freiheit des besten, legalen Technoclubs?

Das Bassiani soll ein "Safe Space" sein

Levan betreibt mit mehreren Freunden eine queere Partyreihe im Bassiani. Wer dort Einlass haben will, muss sich vorher auf der Seite des Clubs ­registrieren. Levan durchleuchtet dann die Personen. Entdeckt er Nazis oder Schwulenhasser, lehnt er die Anfrage ab – wie bei dem Mann aus der rechten Jugendbewegung.

Um die 2500 Menschen hat er so den Einlass verweigert. "In diesem Land leben immer noch zu viele Menschen, die Menschen wie mich am liebsten totschlagen würden", sagt Levan. Vor einigen Partys warteten Nazis mit Baseballschlägern vor der Tür des Stadions, in dessen Katakomben sich das Bassiani befindet. Der Sicherheitsdienst und die Raver jagten sie davon. Das Bassiani soll ein "Safe Space" sein, ein Ort ohne Angst und Ausgrenzung.

Laut dem World Value Survey rangiert Georgien auf Platz drei der homophobsten Länder der Welt. Mehr als 90 Prozent der Georgier gaben an, sie hätten etwas gegen einen schwulen Nachbarn. In einem Interview mit dem "Süddeutsche Zeitung Magazin" antwortete vor kurzem der erfolgreiche Modedesigner Demna Gvasalia auf die Frage, ob er noch nach Georgien reise: "Nein, im Moment nicht. Ich bekomme Drohungen. Es gibt viele Menschen in Georgien, die nicht gerade glücklich darüber sind, dass die Welt nun mich, den schwulen Modedesigner, mit dem Land verbindet und nicht mehr nur Stalin und Schewardnadse. In Georgien passieren gerade wieder schlimme Verbrechen gegen die Menschlichkeit."

Die Technokultur läutete einen liberalen Wandel ein

Bis es queere Partys und die Darkrooms im Bassiani gab, mussten Schwule, Lesben und Transgender sich an einen Kreisverkehr nahe des "Circus" stellen, einem sowjetischen Zirkuszelt. In der Dunkelheit einer Unterführung stiegen dann Stricher in ihre Autos. Mehreren Transgender-Prostituierten wurde am Circus ein Messer in den Unterkörper gerammt, dann schmiss man sie wie einen Sack Müll aus dem Auto und ließ sie ausbluten. "Der Circus war gefährlich", sagt Levan. "Für die, die dort arbeiteten und für die, die dort hingingen." Sonst gab es nur ein türkisches Schwefelbad, von dem man in der Szene wusste, dass sich in einem der Räume Schwule zum Sex trafen. Levan sagt, es habe sich seitdem schon viel gebessert. Die aufblühende Technokultur in Tiflis – so schien  es – läutete einen liberalen Wandel ein. "Geh heute Nacht ins Bassiani, dann wirst du spüren, worum es uns geht. Aber komm nicht vor zwei, da kommen nur die Touristen, okay?", sagt Levan. "Okay!"

Später laufe ich zu dem riesigen Fußballstadion, in dessen Keller sich das Bassiani hinter Gate 18 befindet, reihe mich ein in eine Schlange aus vor allem schwarz gekleideten Menschen und höre schon von Weitem den Soundtrack dieser Nacht. Nana, die vor mir steht, Undercut, langer Ledermantel, sagt, sie gehe jedes Wochenende ins Bassiani. Und als ich sie frage, warum, antwortet sie: "Weil ich dort so sein kann, wie ich bin." "Wie bist du denn, Nana?" "Bi", antwortet sie. "Also ganz normal." "Genau, Germany", sagt Nana, nimmt mich an die Hand und zieht mich zu sich. Sie redet von Berlin und ihrer Perserkatze, obwohl beides nichts mitein­ander zu tun hat. Wir zahlen den Eintritt, dann stolpern wir in den Club. Ich sehe nicht viel, aber rieche den Beton und die Menschen, die Bässe werden lauter. Trotz der Kälte der Betonwände umgibt mich die Wärme wie eine Wolldecke. Nana sagt, dass es links zu der Haupttanzfläche geht, rechts zu der anderen und den Darkrooms, falls ich sie später suchen würde. Sie zieht ihren Mantel aus, darunter trägt sie ein durchsichtiges schwarzes Kleid, auf ihre Schulterblätter sind Schmetterlingsflügel gestochen. Zum Abschied küsst sie mich auf den Mund.

We dance together – we fight together

"Eigentlich wollten wir einfach nur einen guten Club betreiben", sagt Tato Getia, "aber dann kam alles anders." Tato steht auf der Tanzfläche des Bassiani und legt den Kopf in den Nacken. Der 28-Jährige ist einer der Club-Gründer und der Sprecher des Kollektivs. Vor vier Jahren eröffnete er mit Freunden das Bassiani, dessen Namen "eins mit dem Bass" bedeutet. Erst kamen vor allem Georgier, dann Türken, Tschetschenen, Aserbaidschaner und Iraner, später immer mehr junge Europäer. Heute, sagt Tato, sei mindestens die Hälfte der Tanzenden Touristen.  Die aufkeimende Technoszene und die Qualität des Bassiani haben sich herumgesprochen. Tato ist ein junger, tätowierter Typ, ganz in Schwarz gekleidet, und das Schwarz vieler langer Nächte trägt er auch als Schatten unter den Augen. Tato sagt, die letzten Monate seien hart gewesen. Er fühle sich wie 45 und sei manchmal so unendlich müde. Psychisch, aber auch wegen der anderen Kämpfe.

Im Mai dieses Jahres marschierten Polizisten mit Maschinenpistolen ins Bassiani ein. Ein paar Gäste dachten, es handele sich um einen Terroranschlag. Der DJ hob die Hände, als eine Maschinenpistole auf ihn gerichtet wurde. Die Polizisten warfen Besucher zu Boden, der Beat verstummte. Tato war in dieser Nacht nicht da, er bekam einen Anruf eines Barkeepers, der flüsterte: "Komm so schnell du kannst!" Als Tato den Club erreichte, war das gesamte Fußballstadion von Spezialkräften eingekesselt. Hunderte Partygäste draußen schrieen durcheinander. Einige trugen Handschellen. Auch Tato wurde wenig später für eine Nacht in Gewahrsam genommen, weil er sich weigerte, die protestierenden Raver vom Gelände zu verweisen.

Es geht um mehr als Techno und Tanz

In einem anderem Club, dem Café Gallery, kam es ebenfalls zu einer Razzia. Laut Polizei wurde nach Drogen gefahndet. Das Bassiani und der andere Club sollten in Verbindung mit fünf Toten stehen, die zuvor an einer unbekannten Substanz – angeblich Fentanyl – gestorben waren. Aber die Toten starben weder im Bassiani noch davor.

Tato sagt, die Polizei konnte nicht mal beweisen, ob einer der Toten überhaupt im Bassiani gewesen war. Die Anschuldigungen seien völlig vage gewesen. In dieser Nacht im Gefängnis, sagt Tato, sah er klar. Er verstand, dass die Sache mit den Drogen ein Vorwand der Polizei war, und er verstand, dass es im Bassiani schon lange um mehr ging als um Techno und Tanz. Der Club war zum Politikum geworden.

"In Wahrheit ging es darum, dass unser Club  als Keimzelle eines sozialen Wandels zum Gegner geworden war", sagt Tato. "Wir verkörperten das Böse. Den Westen. Unser Club stand mit seinen freien, liberalen Werten für ein Georgien, welches der Kirche, der Regierung und den Rechten Angst machte. Deshalb wollten sie unseren Club schließen. Schon im Vorfeld der Razzia hatte die öffentliche Kritik am Bassiani zugenommen. Aber weißt du was? Wenn es die Freiheit ist, die unser Club vertritt, die sie fürchten, dann sollen sie ruhig weiter Angst haben, denn wir werden um diese Werte kämpfen!" Der Slogan des Bassiani lautet seitdem: "We dance together – we fight together."

Ein Tag, nachdem die Schließung des Bassiani bekannt wurde, versammelten sich 15.000 Menschen zu einem Protestrave vor dem Parlament und forderten ihren Club zurück. Die internationale DJ- und Clubszene solidarisierte sich mit den Betreibern  und den jungen Menschen in Georgien. Ben Klock sprach in einem Video zu den Ravern. DJ Dixon sagte, ein Georgien ohne Bassiani sei genauso unvorstellbar wie ein Berlin ohne Berghain. Clubbetreiber aus Barcelona und London boten ihre Hilfe an. Auf den Straßen von Tiflis kritisierten tanzende Menschen die konservative Regierung, einige forderten die Rücktritte des Premiers Giorgi Kwirikashwili und des Innenministers Giorgi Gakharia. Wenig später trat der Innenminister vor die Menge und entschuldigte sich. Im Kampf Raver gegen Goliath hatten die Raver gesiegt. Das Bassiani blieb.

Null-Toleranz-Drogenpolitik

Tato sagt, der Club sei seitdem zwar wieder geöffnet, aber die Drogengesetze immer noch für den Arsch. Das georgische Gesetz mache keinen Unterschied zwischen Privatkonsum und Handel. Es gibt eine Null-Toleranz-Drogenpolitik. Ein Freund von Tato wurde mit vier Gramm MDMA von der Polizei  gepackt. Ihm drohen bis zu 20 Jahre Gefängnis. Ein Bekannter lief mit einer Ecstasy-Pille durch Tiflis, er bekam fünf Jahre. "Es macht keinen Unterschied, was für Drogen du bei dir hast. Ob Gras oder Heroin. Generell wird jede Substanz verteufelt. Das ist Georgien. Aber es ist vor allem Bullshit."

Seit diesem schwarzen Tag im Mai habe er dennoch das Gefühl, es gehe voran, sagt Tato. Auch wenn er noch zu oft einen Alten trifft, der ernsthaft sagt, er vermisse Stalin. Manchmal sei er froh, wenn diese Leute in 10, 20 Jahren ausgestorben sind. Auch wenn das härter klingt, als es gemeint ist. Später dann, als sich der Herzschlag der Tanzenden längst dem Beat dieser Nacht angepasst hat, fragt man sich, wie es wohl wäre, wenn es diesen Club gar nicht geben müsste, weil sich die Freiheit des Einzelnen überall abspielen könnte. Auch außerhalb der Mauern in den Katakomben eines Fußballstadions. Aber draußen, fällt einem dann ein, da sind ja nicht nur Menschen wie Levan, Nana, Tato und die Tanzenden. Sondern auch die Kirche, die Nazis und die Konservativen.

Nachtrag

Ein paar Tage nach dem Treffen mit Tato beschließt das georgische Verfassungsgericht, dass der private Konsum von Cannabis nicht mehr strafbar ist. Georgien ist somit das erste Land der ehemaligen Sowjetunion, das den Konsum zu Genusszwecken lega­lisiert. Die Richter beurteilen das Rauchen von Marihuana als persönliche Entscheidung, die die Öffentlichkeit nicht gefährde. Der Anbau oder der Verkauf von Cannabis bleiben verboten. Die "White Noise"-Bewegung, die sich seit 2015 dafür einsetzt, dass die Drogenpolitik in Georgien liberaler wird, feierte den Gerichtsbeschluss – im Bassiani.

Diese Geschichte stammt aus der neunten Ausgabe von JWD – Joko Winterscheidts Druckerzeugnis. Zu kaufen auch hier.

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