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Haiwasser: Ohne Käfig, ohne Kettenhemd: Auf Tuchfühlung mit Haien vor Südafrika

Bestien im Blutrausch, Menschenkiller, Monster aus der Tiefe? Ein Tauchgang mit dem Räuber der Meere.

Von Tim Cappelmann

Vor vier Tagen hätte ich nicht ­damit gerechnet, einen Hai zu streicheln. Auf dem acht Kilometer vor der südafrikanischen Hibiskus-Küste drängte sich mir eher kurz die Frage auf, ob ich in eine Gruppe Bekloppter geraten bin. Bei der eben nur nicht auffällt, dass sie bekloppt ist, weil alle denselben Hau haben.

Offener . Dunkelblaue Tiefe. Wellen. Im Wasser kreisen mehrere Haie. Sehr eindeutig zu erkennen. Manche kommen bis an die Oberfläche. Kein Wunder, denn Divemaster Roland Mauz schmeißt zermanschte Sardinen hinein, um sie anzuködern. Und dann heißt es: wir hinterher. Captain Spike, mit einer Stimme wie ein Sägefisch, zählt runter, three, two, one, go.

Jeder normale Mensch würde da wohl kurz zögern

Tatsächlich machen alle eine Rolle rückwärts ins Meer. Ich natürlich nicht. Jeder normale Mensch würde da wohl auch mal kurz zögern. Aber alle anderen Taucher sind schon drin, als ich noch durch meine Maske Spike anstarre. Spike kommt vom Meer, er ist auf dem Meer zu Hause, drei Zehen hat er zusammen­getaped, weil sie gebrochen sind, und wahrscheinlich ist er zehn Jahre jünger, als seine wettergegerbte Haut ihn aussehen lässt. Er muss also nicht viel knurren, ein Blick reicht. Wenigstens bin ich der Letzte im Wasser, denke ich noch, und lasse mich fallen.

Auf Tauchgang mit dem Räuber der Tiefe
Offener Ozean. Dunkelblaue Tiefe. Wellen. Im Wasser kreisen mehrere Haie.

Offener Ozean. Dunkelblaue Tiefe. Wellen. Im Wasser kreisen mehrere Haie.

Rund 70 Prozent unserer Ängste sind nicht genetisch verankert, sondern angelernt. Durch Erziehung, Medien, Erlebnisse. Auch die Selachophobie, die Angst vor Haien. Das hatte ich nachts noch ­gelesen, als ich vor Anspannung nicht schlafen konnte. Im Buch "Haiunfälle" von Dr. Erich Ritter. Der Schweizer Biologe lebt in Florida und ist der weltweit führende Hai-Verhaltensforscher. Seine Fans nennen ihn "Haiflüsterer".

Niemand sonst arbeitet und experimentiert so direkt mit den Raubfischen. Sein ganzes Leben ist darauf ausgerichtet. "120 Prozent", sagt der 59-Jährige. Geschieden, keine Kinder, ein Vielflieger im Dienst der Haie und manchmal so ­gejetlagged, dass er beim Tauchen kurz wegnickt. Er lehrt an der Universität West . Seine Hai-Umgangsregeln bringt er Tausenden Rettungsschwimmern und Tauchern der US Navy bei. Gerade erforscht er, ob Haie telepathisch kommunizieren. Viel spricht dafür. Dass eine mentale Verbindung zwischen Haien und Menschen besteht, hat er bereits bewiesen: Probanden – Taucher mit verbundenen Augen – spürten in mehr als 80 Prozent der Versuche, aus welcher Richtung sich ihnen ein Hai näherte.

Rund 500 Haiarten sind bekannt. Mit etwa 40 davon hat Ritter zu tun gehabt, bei der Hälfte seiner 8000 Tauchgänge. Heute ist er bei unserem dabei. Ein gutes Gefühl. Einmal im Jahr gibt er in mit seiner SharkSchool den Kurs "Hai-Mensch-Interaktion", in dem er zeigt, dass niemand Haie fürchten muss. Wenn man sich richtig verhält. Teilnehmer: drei.

Ich schließe eine Lebensversicherung ab und schreibe mein Testament

Da machst du mit, spannende Idee, dachte ich vor zwei Monaten in Hamburg. Im Trockenen. Haien traue ich nicht wirklich über den Weg, seit ich viel zu jung heimlich einen James-Bond-Film sah, bei dem 007 fast gefressen wurde. Am Schreibtisch ist der Mut am größten. Mit jeder Woche, die der Abflug näher rückt, schrumpft er. Dafür wächst die ­Erkenntnis, dass ich also bald wirklich mit Haien "interagieren" soll. Ohne Käfig, ohne Kettenhemd.
Und dann kriegen kleine Dinge auf einmal eine neue Bedeutung. Der rote Stempel in meinem Notizbuch: "Totrecherchiert". Darüber ein Zitat eines Kollegen nach meiner ersten stern-Kon­ferenz: "Die größten Haie lachen am lautesten." Der Witz in der "Mopo", dass ein Hai sein Frühstück am liebsten auf dem Surfbrettchen serviert bekommt.


In der letzten Woche war es so weit: Ich kenne jede Statistik, die bestätigt, dass ich eher im Lotto gewinnen oder von einem Nilpferd totgetrampelt werde, als zum Snack eines Hais zu werden. Ich schließe trotzdem eine Lebensversicherung ab und schreibe mein Testament. Bei dem Straßenverkehr in Südafrika wird es einfach Zeit, lüge ich mich an.

Die Schwarzspitzenhaie, die an ihm vorbeiziehen, nennt er liebevoll "kleine Arschlöcher"

Einatmen, ausatmen, ein, aus. Unter Wasser ist Ruhe. Friedlich versinke ich in einer dunkelblauen Wand, und mit mir runter geht mein Puls. Die Sicht ist gut, 30 Meter weit. Ich zähle neun Schwarzspitzenhaie. In der Ferne taucht ein Tigerhai auf. Unter uns schwimmt ein Bullenhai dicht über dem Grund rasch weg. So scheu kann kein Monster sein. Wir fliegen mit der Strömung über das Riff Protea Banks. Bei Tauchern steht die ­versteinerte Sandbank als Hort der Haie hoch im Kurs.

Erich Ritter verwandelt sich im Wasser in eine Art Buddha. Er schwebt wie eine Statue vertikal neben dem Futterkorb, um den auch die Haie kreisen, scheint nur ab und an Luft holen zu ­müssen, rotiert langsam um die eigene Achse und hat alles im Blick. "Haitauchen braucht keine Helden", sagt er. "Du musst niemandem etwas beweisen, schon gar nicht dir selbst." Die Schwarzspitzenhaie, die an ihm vorbeiziehen, nennt er liebevoll "kleine Arschlöcher". Jede Art hat ihren eigenen Charakter. ­Tigerhaie sind eher vorsichtig und nähern sich langsam. Bullenhaie sind sehr schlau und lernen, indem sie beobachten. Schwarzspitzenhaie haben eine große Schnauze und gehen auf Tuchfühlung. "Die machen aber auch am meisten Spaß", sagt Ritter.

Es dauert keine Minute, ich sinke ­gerade auf zehn Meter Tiefe, und einer rempelt mich von hinten an. Vielleicht falle ich auch auf ihn drauf. Ich spüre nur den Stoß an meinen Flossen, sehe ihn aber nicht. Ein anderer Taucher berichtet mir später, dass sich der Hai noch viel mehr erschrocken hat als ich und blitzartig wegschwamm. Wenn das bei einem Großen Weißen passiert, erzählt Ritter von einer Begegnung mit dem Riesen (natürlich ohne Käfig), sind die Druckwellen unter Wasser so stark, dass einem das Trommelfell platzen kann. Er wurde einige Meter nach hinten geschleudert, als das sechs Meter lange Weibchen neben ihm explosionsartig auf 50 km/h beschleunigte. Makohaie rasen sogar mit bis zu 80 km/h durchs Meer.

"Es gibt keine gefährlichen Haie, nur gefährliche Situationen mit ihnen"

An Land hinkt Ritter. Ein Bullenhai biss ihm 2002 vor den Bahamas im stehtiefen Wasser in die linke Wade, fast verblutete er. "Ein Unfall", sagt er. Berufs­risiko. Wochenlang kämpfte er erst um sein Leben, dann um sein Bein, dann um seinen Ruf. Bis heute leidet er Schmerzen. "Im Wasser fühle ich mich am freisten." Viel lief schief an dem Tag. Ein Aufpasser am Ufer hatte versäumt, ihn zu warnen, dass sich der Hai von hinten ­näherte. Eine der wichtigsten Regeln setzte aus: das Tier immer ansehen. "Es gibt keine gefährlichen Haie, nur gefährliche Situationen mit ihnen", sagt Ritter.

Ich spüre schnell, wie recht er hat. Die Haie gleiten entspannt an mir vorbei. Mit kleinen goldenen Augen schauen sie mich neugierig an. Manchmal etwas ­fordernd, nie bösartig. Undenkbar, dass einer zuschnappen könnte. Ich fühle mich sicher. Als mich derselbe Hai einige Male umkreist hat, denke ich nicht mehr nach. Ich muss die Hand nur etwas ausstrecken und folge meinem Impuls. Seine graue Rückenflosse fühlt sich fest an, nach Gummi, gar nicht so rau, wie ich dachte. Unbeirrt zieht er weiter, dreht wieder um, immer wieder fixieren sich unsere Blicke. Natur pur, ein Muskel­paket, der perfekte Räuber. Hoffentlich hat Ritter mich nicht gesehen. Haie streicheln ist eigentlich ein No-Go.

In den letzten Tagen hat Ritter uns beigebracht, worauf wir achten müssen: Die Brustflossen zeigen an, wohin ein Hai schwimmt. Gibt es Fluchtwege? Wo befindet er sich, in welchen Mustern schwimmt er? Sind noch andere Haie im Wasser? Wie ist die Strömung, wie die Sicht, wo liegen Bojen oder das Boot? An Objekten kommt es zu Verwirbelungen, Plankton sammelt sich, dort fressen Fische. Und auch Haie. Wer eine Situation richtig liest, kann sich sicher in ihr bewegen. Und ruhig bleiben, ganz wichtig. Sagt sich immer leichter, als es ist.

Zwei Haie haben einen gebrochenen Kiefer. Fischer fügen den Tieren absichtlich solche Verletzungen zu. Drei anderen steckt ein Angelhaken im Maul. Sie sind übel zugerichtet und tun mir leid. Fünf von neun, nur vier unversehrt. Kurz fühle ich mich wie im Lazarett der Haie. Wenn Ritter allein mit ihnen arbeitet, schneidet er zuerst die Angelleinen ab. Viele kommen danach wieder und strecken ihm ihre Schnauzen hin, damit er auch den Haken noch rausholt. "Wie kann man solchen Lebewesen Intelligenz absprechen?", fragt er.

Wenn der Hai ausstirbt, stirbt das Meer

Der größte Räuber bleibt der Mensch. 70 bis 100 Millionen Haie gehen jährlich auf seine Rechnung, verenden als Beifang, an Angelleinen oder weil ihnen die Rückenfinnen abgeschnitten werden. Ein grausamer Tod, die Tiere sinken auf den Meeresgrund, können sich nicht mehr bewegen und ersticken. Wenn der Hai ausstirbt, stirbt das Meer. Die Nahrungskette im Ozean würde aus dem Gleichgewicht geraten. Riffe verschwänden, Plankton würde zunehmen, die Erde wärmer werden. Die ökologischen Folgen wären katastrophal. Ritter versteht sich auch als Botschafter der Haie. Wenn wir sie schützen, schützen wir uns.

2017 wurden 83 Menschen von Haien angegriffen, sechs davon tödlich. Zehn bis zwölf Arten machen 99 Prozent der Unfälle aus. Sechs versus 70 Millionen. Trotz der vielen Hunderttausend Menschen, die jeden Tag ins Meer gehen. Reißerische Dokus und Headlines, Filme wie früher "Jaws" oder heute "Open ­Water" schüren Ängste seit Jahrzehnten. Wissenschaftler machten an einem vollen Strand in Florida ein Experiment: Sie spielten laut die pulsierende Musik aus Jaws. Die Badenden flüchteten aus dem Wasser. "Wenn einer keine Angst hat, hat er keine Fantasie", schrieb Erich Kästner.

Mischung aus Furcht und Interesse: "Angstzination"

Gleichzeitig faszinieren uns Haie wie kaum ein anderes Tier. "Angstzination" nennt Ritter diese Mischung aus Furcht und Interesse. Haie sind uralt, der Große Weiße, eine vergleichsweise junge Art und stark bedroht, lebt seit schätzungsweise 16 Millionen Jahren. Der älteste Hai schwamm wohl schon vor 400 Millionen Jahren durch unsere Ozeane, noch bevor Bäume auf der Erde wuchsen. Und immer wieder kommt die Frage auf, ob irgendwo in den Tiefen der Weltmeere nicht doch noch Megalodon seine Bahnen zieht, der Urzeithai, 60 Tonnen schwer, 20 Meter lang. Manche Inselvölker verehren Haie als Götter. Gemessen an ihrer kulturellen Bedeutung sind sie kaum erforscht. "Es ist einfach nur peinlich, wie wenig wir über sie wissen", sagt Ritter. Und wie viel falsches Wissen in den Köpfen steckt und sich hartnäckig hält, auch bei anderen Haiforschern. ­Damit will Ritter aufräumen. Es ist sein mühsamster Kampf.

Dass Haie Surfer mit Robben verwechselten? "Falsch, sondern Zielübungsangriffe meist junger Weißer Haie." Wer 16 Millionen Jahre überlebt hat, kennt seine Beute sehr genau. Dass Frauen mit Regelblutungen nicht ins Wasser sollten oder Haie auf menschlichen Urin reagierten? "Quatsch." Dass es mehr Haiattacken gibt, weil die Nahrung ausgeht und sie näher ans Ufer schwimmen? "Stimmt nicht, Haie haben schon immer in Ufernähe gejagt, und auch die Angriffszahlen bleiben konstant." Wenn aber in Florida Badende direkt neben Angelstegen auf Sandbänken laut in der Strömung planschen, inmitten der Stresssignale sterbender Fische, sei es kein Wunder, wenn es zu einem Haiunfall kommt. Ritter rang lange mit den Behörden, die sich weigerten, an solchen Orten Warnschilder aufzustellen, um die Touristen nicht zu verschrecken. Das Wort Hai drückt die Besucherzahlen.

Die Angriffe weltweit registriert und untersucht das Global Shark Attack File in Princeton, New Jersey. Die meisten passieren vor Südafrika, Australien und den USA. Ritter hat unzählige Bisswunden begutachtet. Die Mehrheit sind Gaumenbisse, die höchstens mit ein paar ­Stichen genäht werden müssen. Die letzte Möglichkeit für einen Hai herauszufinden, womit er es zu tun hat. Wer einen dicken Neo trägt, wird nicht mal bluten. Haie mögen kein Menschenfleisch. Am glimpflichsten kommt davon, wer sich nicht wehrt oder versucht, loszureißen. "Ich musste noch dreimal gebissen werden, um das zu lernen", erzählt Ritter. Stressbisse sind heftiger, wenn ein Hai keinen Ausweg mehr sieht, in die Enge gedrängt oder geschlagen wird. Und Zielübungsangriffe, na ja, Pech gehabt, sind aber extrem selten.

"Bei uns ist noch nie ein Tropfen Blut geflossen."

Nach 70 Minuten tauchen wir langsam wieder auf. Die Haie verschwinden. Wir sind fast zehn Kilometer weit getrieben. Der Wind hat aufgefrischt, um uns herum spritzt Gischt. Das Meer hat sich in eine Waschküche verwandelt. Ich stemme mich ins Boot. Captain Spike sagt, dass das mit jedem Tag weniger ­elegant aussieht. Ich mag ihn. Er verteilt Lollis an alle. Ruft unsere Namen auf. Niemand fehlt. Die Gruppe sitzt wieder im Schlauchboot, jeder einen Lutscher im Mund, und macht glückliche Gesichter, vor allem ich. Dann jagt Spike die zwei 85-PS-Motoren hoch und rast mit vollem Speed zurück bis auf den Strand. So wird in Shelly Beach angelegt. Hier ist alles etwas wilder. "Big boy’s diving und nichts für Anfänger", sagt Divemaster Roland Mauz. "Aber bei uns ist noch nie ein Tropfen Blut geflossen." Auch er weiß, wovon er spricht, es war sein 1124. angeköderter Haitauchgang.

Am Nachmittag gibt uns Ritter noch die nächste Übung für morgen mit auf den Weg: "Taucht mal von unten zum Hai und versucht, Bauch an Bauch mit ihm zu schwimmen", schnarrt er. Dort könne uns das Tier nicht sehen. Vor einer Woche hätte ich ihm einen Vogel gezeigt. Heute freue ich mich darauf. Ich lese noch etwas über Haiunfälle. Dann schlafe ich entspannt ein.

Herzlichen Dank an http://www.sharkschool.com/de und http://www.afridive.com/.

Diese Geschichte stammt aus der dritten Ausgabe von JWD – Joko Winterscheidts Druckerzeugnis. Zu kaufen auch hier.