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BEATE UHSE: Grande Dame der niederen Instinkte

Sie begann mit Verhütungstipps für Frauen. Was folgte, war eine einzigartige Karriere: Beate Uhse machte mit Erotikzubehör Millionenumsätze - und vertrieb den Muff aus Deutschlands Betten.

Kein Schmutz, bitte. Und niemals dreckige Ränder. Papierhandtücher liegen deshalb auf jedem Tisch, in akkuraten Stapeln. Ordnung muss sein in der Kantine der »Beate Uhse AG« in Flensburg, einem baulichen Albtraum, der - wie fast alles im Gebäude - den Charme der Siebziger verströmt: orangefarbene Airbrush-Tapete, fleischfarbene Pergamentlampen, achteckige Holztische in Kackbraun. Am Kopf des größten Tisches saß die Chefin, zweimal täglich, zum Frühstück und Mittagessen. An ihrem Stammtisch wurde Unternehmenspolitik gemacht - und jeder getadelt, der kein Papier unter den heißen Teller schob. Heiße Teller hinterlassen Spuren. Und gegen Spuren hatte sie was, die Sauberfrau des deutschen Schmuddels.

Über 2000 Ermittlungsverfahren

Dabei war schon lange kein Brief mehr an »Beate Schweinskram, Flensburg« gekommen; seit Jahren hatte kein Staatsanwalt mehr gegen die »Seuchengefahr« aus dem Norden geklagt. Die Mutter aller »Glitschi-Flutsch-Orgy-Kissenbezüge«, der Rüssel-Slips namens »Sau-Bua« und rund 8500 weiterer Sexartikel hatte es trotz mehr als 2000 Ermittlungsverfahren wegen unsittlicher Angebote noch zu hohem Ansehen gebracht und die Republik nachhaltig verändert. Ohne Beate Uhse, Grande Dame der niederen Instinkte, wäre der Muff unter Deutschlands Bettdecken noch miefiger. Und das Land der Dichter und Denker um einen schönen Reim ärmer: »Es müssen sich die Frauen legen / schon um ihrer schönen Leiber wegen / Doch vor dem Griff an ihre Bluse / greif erst mal zu Beate Uhse.«

Das Imperium aus dem Nichts

Aus Rübensirup oder Fingerhütchen hätte sie womöglich auch ein Imperium gemacht. Der kleine Schwarzhandel der jungen Kriegerwitwe Beate Uhse, damals nach dem Zusammenbruch, florierte jedenfalls prächtig. Sie, die früher erste Testpilotin bei den Flugzeugwerken Bücker war, im Krieg Jagdmaschinen überführte und samt dem zweijährigen Sohn Klaus, Kindermädchen und zwei Verwandten mit einem gekaperten Flugzeug die letzte Maschine aus dem bereits besetzten Berlin geflogen hatte, machte nun »Geschäfte«. Sie tauschte Kaffee in Enten um und Enten in Butter, wovon »sich gut leben ließ.« Doch dann, so erzählte sie ihrem Biografen Ulrich Pramann, kamen »die Lisa, die Bettina und die Hertha« - drei Damen ohne Wohnung, ohne Arbeit, ohne Perspektive, die schwanger waren und wissen wollten, wie man weitere Tragödien verhütet.

Von ihrer Mutter, einer Ärztin, hatte Beate Uhse etwas über die empfängnisfreien Tage im monatlichen Zyklus gehört. In einer Bücherei in Niebüll lieh sie sich eine Broschüre darüber aus. Ihre Berechnungen der kritischen Tage für die Freundinnen stießen auf so großes Interesse, dass sie sich fragte, wie das wohl in Hamburg wäre, wenn es in Niebüll schon so gefragt war. Sie formulierte einen Aufsatz mit Verhütungstipps nach der Knaus-Ogino-Methode, den sie »Schrift X« nannte. Gegen fünf Pfund Butter lieferte ihr ein Drucker 10 000 Postwurfsendungen, welche die unerhörte Forderung enthielten, die »Befriedigung des Sexualtriebes von der Zeugung scharf zu trennen«, und den Hinweis, in einer Broschüre zu zwei Mark sei zu lesen, wie das geht. Von da an ging es nur aufwärts.

Familienplanung war ein Fremdwort

Im Radio sangen sie »Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien, wir haben Mägdelein mit feurig wildem Wes(i)en.« Aber die Mägdelein durften nach den damaligen Moralbegriffen davon nur Gebrauch machen, wenn sie verheiratet waren. Die Zeiten waren schlecht, Familienplanung ein Fremdwort. Was Wunder, dass sich immer mehr Frauen an Beate Uhse wandten, die »als Frau und Mutter« so nett an sie geschrieben hatte. Alles vertrauten sie ihr an: dass die Männer so ungestüm wären und dass es vor dem Krieg doch so Gummis gegeben hätte und ob sie da nicht welche schicken könnte, und, o Gott, wie peinlich das alles wäre. Ein paar Reklamationen waren auch dabei. Die Rechnungen mit Knaus-Ogino gingen nämlich nicht immer auf, was Beate Uhse bestätigen konnte. Auch sie war zur Unzeit wieder schwanger geworden.

1951 gründete Beate Uhse ihr erstes Versandhaus

Der neue Mann in ihrem Leben hieß Ernst-Walter Rotermund. Er war frisch geschieden, hatte zwei Kinder, vor allem aber Kenntnisse im Vertriebswesen, die er beim Versand eines Haartonikums erworben hatte. Man zog in das Flensburger Pastorat St. Marien und reservierte die unteren Schubladen der Wickelkommode als Lager für »Schrift X« und ein paar neue Bücher. Darunter »Die hohe Kunst der Gattenliebe« mit ungelenken Zeichnungen von den »Reizbezirken der Frau«. 1951 gründete Beate Uhse in Flensburg das »Spezial-Versandhaus für Ehe- und Sexualliteratur und für hygienische Artikel« - Bücher über Verhütung, Kondome, ein »Ariadne-Sex-Bad« und Gebrauchsanweisungen für »Akt-Photographie zu Hause«.

Im Radio schallerten Schlager wie: »Rück das Dings mehr nach links und mit einem Male ging?s.« Aber das war Theorie. In der Praxis nämlich wurden die Männer müder, was sich in nachlassender Nachfrage an »Dämpfungscremes« niederschlug, einem Verkaufshit der frühen Jahre. An ihre Stelle rückten allmählich »Steifungssalben«, »Kraftbonbons« und schließlich Gerätschaften, die »Bobby« hießen (»geädert, knorrig, hautfarben mit Gefühlsregler«), »Vulkan«, der mit der »behaglich durchwärmten Lustzone«, oder »chinesische Lustfinger«. Das ständig sich mehrende Personal der Firma Uhse war gehalten, all diese Sachen am eigenen Leib zu erproben, bevor sie ins Sortiment aufgenommen und verschickt wurden - in neutralen Umschlägen und einer Zahl als Absender.

Nur ein einziges Mal verurteilt

Die Justiz und der »Volkswartbund« nahmen dennoch schnell Witterung auf. Sie sahen im Gewerbe der Frau Uhse eine der »tödlichsten Gefahren« für »unsere geistige und kulturelle Existenz«. Ein einziges Mal nur, 1981, wurde sie rechtskräftig verurteilt, aber manchmal war es wirklich eng. Etwa 1957, als die Staatsanwaltschaft die Kartei der Kondomkunden beschlagnahmte. Die Angeklagte Uhse, so hieß es in der Anklageschrift, habe womöglich an Unverheiratete geliefert und damit »der Unzucht Vorschub geleistet«. Doch vor Gericht ergab sich, dass alle Kunden in der Kartei verehelicht waren. Ganze Vormittage verbrachten Richter damit, Aktaufnahmen aus Uhse-Büchern zu betrachten, um zu ermitteln, ob die Nackten »lockend lachten« (strafbar) oder nur so guckten.

Die Protokolle aus diesen Jahren lesen sich heute wie Satire:

Kläger: »Als ich nach Hause kam, lag im Flur ein Brief. Und als ich den angefasst habe, fühlte ich schon das Böse.«

Richter: »Wie fühlt man das denn?«

Kläger: »Ja also, das spürt man eben.«

Mit der Kirche gab es weniger Probleme. Zwar hatte beispielsweise die Diözese in Köln 1957 von den Kanzeln predigen lassen: »Wenn Sie, liebe Gemeinde, von einer gewissen Beate Uhse eine Schrift erhalten - das ist obszönes Material. Das ist schädlich, und wir wollen ihr das Handwerk legen.« Aber das blieb frommer Wunsch. 1960 fragte Elvis »Are you lonesome tonight?« - Beate Uhse hatte fast 5,5 Millionen Mark Umsatz, eine Million Kunden in der Kartei und mehr als 100 Mitarbeiter. Im Jahre 1967 waren es 23 Millionen Mark Umsatz und über zwei Millionen Kunden.

Die Geschäfte flutschten

Spätestens jetzt war die frühere Testpilotin ein Fall für die Wirtschaftspresse. Beate Uhse saß in einem großen Büro mit einem goldenen Penis auf der Schrankwand, und die Geschäfte flutschten nur so. Doch die private Beate - verheiratete Rotermund, verwitwete Uhse, geborene Köstlin - hatte wenig Glück. 1984 starb ihr Sohn Klaus an Krebs. Auch sie war daran erkrankt, überlebte aber. Und es gab Probleme mit »Ewe«, ihrem Mann. Der hatte sich eine Geliebte angelacht, mit der er nun die »Partnerspiele zum Scharfmachen« absolvierte. Ein paar Jahre ertrug Beate Uhse, die sich gern rühmte, »Millionen Ehen wieder gekittet zu haben«, diese Situation. Aber als er eine Ehe zu dritt verlangte, packte sie die Koffer und floh auf die Bahamas.

»Sexuellen Anforderungen von Beate nicht gewachsen«

Dort traf sie John, die letzte große Liebe ihres Lebens. Er arbeitete als Lehrer in New York, hatte einen Pilotenschein, war ein »wunderbarer Liebhaber«, 25 Jahre jünger als sie und schwarz. Ernst-Walter Rotermund offenbarte der Presse, er sei den sexuellen Anforderungen von Beate nicht gewachsen, weshalb sie sich einen Schwarzen genommen hätte. Darauf brach eine Briefflut voller Beleidigungen (»schwarzer Affe«, »Negerschlampe«) über sie herein. Im Mai 1972 war Scheidung, Ewe erhielt drei Millionen Mark.

John blieb fast zehn Jahre Beate Uhses Liebhaber. Er gab ihren Mitarbeitern Englischstunden, sie besuchte seine Familie in der New Yorker Bronx. 1980 trennten sie sich als Liebende, blieben aber befreundet. Ein Jahr später zog sie sich aus dem Tagesgeschäft in den Aufsichtsrat zurück und verteilte ihr Erotikimperium unter den Söhnen. Das Geschäft mit dem Sex ging bestens. Mit der Wiedervereinigung waren ein paar Millionen neue Kunden dazugestoßen, die diskrete Sendungen völlig unverkrampft am Kaffeetisch zu öffnen hatten - »guggemal, die Luststöpsel«.

Rückzug in die USA

In den letzten Jahren lebte Beate Uhse meist in ihrem Haus in den USA. Eine behände alte Dame, die im Garten herumgrub und keine Probleme damit hatte, auch noch mit 80 zu sagen, sie hätte gern wieder einen jüngeren Partner, aber der Vibrator in der Schublade sei auch nicht schlecht. Ihren letzten großen Auftritt hatte sie beim Börsengang vor zwei Jahren, der dank ihr ein Medienereignis und ein Erfolg wurde. Mit 198 Shops in Europa und 319,7 Millionen Mark Umsatz anno 2000 gehört die Uhse-Aktie zu den hundert wichtigsten deutschen Wertpapieren. Das Schmuddelkind von einst ist parkettfähig - selbst wenn nun Analysten mäkeln, dass der »Sex-Commerce-Motor« (»Börse Online«), also das Internetgeschäft, in letzter Zeit stockt.

Beate Uhse bekam sogar das Bundesverdienstkreuz

Doch am Ende hat sich das Leben für die Liebe gelohnt. Beate Uhse bekam die »Ehrenvenus« ihres Berufsverbandes, die Stadt Flensburg würdigte sie mit einem Eintrag in das Goldene Buch, die Kirchengemeinde St. Marien ließ eine Ehrentafel an dem Haus anbringen, das sie einst bewohnte - und das Bundesverdienstkreuz hätte sie fast auch bekommen.

Als die 81-Jährige vergangene Woche an einer Lungenentzündung starb, verlor die Aktie der Uhse AG sechs Prozent, wie sich das gehört beim Tod eines Patriarchen. Denn Beate Uhse prägte, nein: Sie war ihr Unternehmen. Und so was hinterlässt Spuren. Bis in die kleinste Ritze.

Autor: Rupp Doinet Mitarbeit: Volker Corsten