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Comeback: Alles unter Kontrolle

Sie kämpfte mit Schulden und Kokain. Das Ende ihres Labels schien besiegelt. Doch dann legte die Modemacherin Donatella Versace ein unerwartet stilvolles Comeback hin.

Es gab Gäste, die ließen sogar das Taxi draußen warten. Die Versace-Show war die letzte an diesem warmen Septembertag, eine abendliche Pflichtveranstaltung. Die Höhepunkte der Mailänder Modewoche hatte man gesehen, die wichtigen Designerkollektionen für die kommende Frühjahr-/Sommersaison waren in den Notizbüchern der Modekritiker bereits vermerkt. In diese Show wollte man nur kurz hineinblicken, große Erwartungen gab es nicht. Grelle Farben, durchsichtige Fetzen, die keiner ernsthaft tragen kann - mehr war aus dem Hause Versace schließlich seit Jahren nicht gekommen. Und so redeten im Publikum alle durcheinander, als die Show begann, manche telefonierten noch, andere diskutierten die angemessene Garderobe für die anschließende Dolce & Gabbana-Party. Und dann wurde es plötzlich ganz still.

Auf dem Laufsteg

marschierten nicht die üblichen wasserstoff-blondierten Versace-Models, es trat die neue Generation der Top-Mädchen an: Julia Stegner, Doutzen Kroes, Jessica Stam. Mit entschlossenen Schritten präsentierten sie entschlossene Kleider. Sanft die Farben, klassisch die Schnitte, minimal und elegant der Stil, wenig Schmuck, überhaupt kein Kitsch. Auf einmal schauten alle hin, die Mode-Autoritäten in der ersten Reihe schrieben jeden Fetzen Papier voll; sie wussten, dass sie gerade Zeugen eines großen Moments waren: Donatella Versace hatte ihre Marke neu erfunden.

Schluss mit dem Pomp und Glitter vergangener Tage, die Abkehr von einem Frauenbild, das sich zum Schluss irgendwo zwischen Boxenluder und abgehalftertem Hollywood-Star bewegte. Auf einmal passte alles zusammen, die Models manifestierten mit jedem Schritt die neue Botschaft ihrer Chefin: "Ich bin eine moderne Frau, ich bin stark, ich weiß, was ich will."

Als Donatella Versace am Ende der Parade auf den Laufsteg kam, war sie nicht fahrig und nervös wie sonst, sondern ruhig und gelassen. Sie blickte bescheiden umher, fast wie eine Modestudentin, die mit ihrer ersten Kollektion für eine Sensation gesorgt hatte. "Die subtilste und bestdurchdachte Kollektion, die Donatella in den acht Jahren an der Spitze des Hauses geschaffen hat", schrieb die Moderichterin Suzy Menkes am nächsten Tag in der "Herald Tribune".

Was war da passiert? An welchen Rädern hatte Donatella Versace, 50, gedreht, um den nach allen Seiten schlingernden Kurs des Hauses Versace wieder in den Griff zu bekommen? Die Antwort ist: an allen Rädern, geschäftlich wie privat. Es war eine schwierige und schmerzhafte Rettungsaktion, und sie kam in letzter Minute. Denn der freie Fall des Unternehmens hatte eine solche Geschwindigkeit aufgenommen, dass viele den finalen Crash schon vor Augen hatten.

Es waren bacchantische Zeiten, als der 1997 ermordete Donatella-Bruder Gianni Versace mit römisch pompösen Mustern alle hochpreisigen Supermodels auf den Laufsteg schickte und in megalomanischer Sucht das Leben der reichen Menschen mit Kleidern, Möbeln. Uhren, Schmuck und Parfüms in eine Versace-Kulisse verwandeln wollte. Sylvester Stallone, Elton John, Madonna, ja sogar Lady Diana zählten zu den Freunden des Hauses. In dem Jahr vor Giannis Ermordung machte die Marke mit dem Medusenkopf rund eine Milliarde Dollar Umsatz. In einer Mischung aus Schock und Selbstüberschätzung übernahmen Donatella und ihr Bruder Santo allein die Führung der Marke und kopierten den genialischen Kitsch ihres Bruders, bis sich dessen Handschrift endgültig im Flirrenden und Klunkernden verloren hatte.

Am Ende türmte sich ein Schuldenberg von 120 Millionen Euro auf, und das Image der einstigen Edelmarke Versace war derart beschädigt, dass kaum eine Hollywood-Größe sich noch in Versace auf die roten Teppiche traute. In Stil und Coolness gaben nun andere Labels wie Gucci oder Burberry den Ton an. Donatella Versace selbst war tief in dem vergoldeten Zoo aus Supermodels und eingeflogener Prominenz versunken, aus Partys und Happenings mit all ihren Zutaten. Ihre wichtigste Zutat dabei hieß Kokain, "das war für mich so gegenwärtig wie Champagner", sagt sie heute.

Der Versace-Clan

in der Mailänder Via Gesu oder im Landhaus am Comer See glich über Jahre dem Personal einer Tragödie von Molière: der, wie Donatella heute sagt, an Depressionen leidende Bruder und Finanzvorstand Santo, die kettenrauchende, Espresso-süchtige, auf Toiletten koksende Donatella und dazwischen Tochter Allegra, heute 19 und in einer beängstigenden physischen Verfassung. Draußen vor der Tür dieser tragischen Familie befand sich eine Modewelt, die sich rasend schnell modernisiert, die ihre Kundschaft mit Marktforschung scannt, die jede Kulturströmung blitzschnell in Design und ständig Impulse von der Straße umsetzt, um glaubwürdig zu bleiben. Und hinter den Versace-Mauern saßen Bruder und Schwester, die sich depressiv und drogensüchtig im Wege standen.

"Wir haben irgendwann gemerkt, dass wir total isoliert waren und den Schock nach Giannis Ermordung nie überwunden hatten. Viel zu lange hatten wir uns gegen Einflüsse von außen gesperrt", sagt sie heute, "wir waren nicht mehr in der Lage, uns selbst zu retten." Es waren dann andere, die die Notbremse zogen. Ein Freund und ein Manager: Elton John und Giancarlo Di Risio. "Elton hatte den Hilferuf meiner Augen verstanden", sagt Donatella und erinnert sich an den Tag in ihrem Mailänder Haus, als mit Gästen gefeiert wurde, Kellner mit Champagnerflaschen umherschwebten und die Hausherrin mal wieder lachend zur Toilette ging, um sich die "Nase zu pudern", wie sie sagt.

Doch ein paar Freunde hielten sie fest und sagten: Nein, Donatella, damit ist jetzt Schluss. "Sie hatten ein Flugzeug organisiert, ich zog mich um, und ein paar Stunden später hatte ich bereits im Meadows eingecheckt", erinnert sich Donatella. Die Entzugsklinik in Arizona war ihr als Trockendock vieler prominenter Patienten natürlich bekannt, in diesem Jahr wurde Kate Moss eingeliefert.

Während sie weg war

, beugte sich in Mailand der Manager Giancarlo Di Risio über die Bilanzen des Hauses. Di Risio gilt als Sondereinsatzkommando für aussichtslose Fälle, zuvor hatte er das erodierende Haus Fendi wieder finanzfest gemacht. Er kann sich heute noch an den Schweiß auf seiner Stirn erinnern, als er zum ersten Mal die Innereien der Firma sah: "Das war kein fröhlicher Anblick", sagt der für die Mode untypisch unaufgeregte Mann. Sein Heilplan war radikal und schmerzhaft - in der kühlen Ökonomie der Wirtschaft nichts Ungewöhnliches, im Zirkus der Mode hingegen eine schmerzliche Amputation der Eitelkeiten.

Der junge Versace-Ableger Versus wurde bis Ende 2006 in die Pause geschickt, die Uhren- und Parfümlinien wurden als Lizenzen verkauft, teure Haute Couture fertigte die Firma nur noch auf Anfrage privater Kunden an. Di Risio prüfte jeden Euro, der ausgegeben wurde, und intensivierte die bis dahin beiläufig geführte Marktforschung. Erstmals seit Bestehen der Marke Versace hatten die Designer, Näher und Stylisten ein Bild ihrer Kundin vor sich, erstmals lautete der Auftrag, nicht nur Supermodels und Popstar-Prominenz anzuziehen. "Wichtig war, dass wir uns endlich wieder aufs Design konzentriert haben. Die Entscheidungen waren radikal und für mich ernüchternd. Ich kam aus dem Entzug und musste einen Teil der Kontrolle abgeben. Aber das war gut so", sagt Donatella Versace heute.

Ob das neue Konstrukt nur ein Übergangsmodell in einen völlig neuen Firmenaufbau darstellt, darüber wird in der Modebranche seit diesem Abend im September heftig spekuliert. Donatella selbst sagt, dass der neue Stil und die neuen Kollektionen vor allem aus der neuen Klarheit ihrer Gedanken kämen: "Ich habe jetzt meine Kunden vor Augen - Frauen zwischen 30 und 40, die Karriere machen und im Leben stehen. Denen kann ich nicht mehr schrille Kleider für Körper von 22-Jährigen zeigen. Die wollen sich selbst in der Mode erkennen." Versace sieht sich als Retterin des eigenen Reiches, und die Öffentlichkeit scheint ihr Recht zu geben: Aus der Hand Michail Gorbatschows erhielt sie im November den "Women's World Award". Die Juroren ehrten damit ihren radikalen Einsatz für ihre Firma und damit auch für 1500 Arbeitsplätze.

Doch das Jahr der Selbstreinigung hat bei allen positiven Konsequenzen auch Löcher hinterlassen - "nach dem Entzug musste ich alle Kontakte zu meinen früheren Freunden abbrechen und meine private Welt komplett austauschen", sagt Donatella Versace. Auch um diese Leere zu füllen, übt sie sich in Altruismus, begreift das Leben erstmals nicht mehr nur als Selbstsinn, wie sie sagt, sondern im Mitgefühl für andere.

Zusammen mit Elton John

arbeitet sie an der Gründung einer Initiative, die ehemaligen Drogensüchtigen helfen soll, und für das "Breast Health Institute" tritt sie im kommenden Jahr als prominente Botschafterin für den Kampf gegen Brustkrebs auf. "Eine unterschätzte Krankheit, gegen die es Mittel gibt, wenn mehr Frauen zur Vorsorgeuntersuchung gehen würden", sagt sie. "Frauen fühlen den Brustkrebs als doppelte Krankheit: Man ist nicht einfach nur krank, sondern auch als Frau entwertet. Aber es gibt Wege, den Krebs zu besiegen."

Donatellas neuer Kurs zeigt Wirkung, das Negativimage verblasst, und eine neue Kundschaft scheint in Sicht. Schon im ersten Quartal des Jahres konnte Manager Di Risio ungewohnte Zahlen melden: Der Einzelhandelsverkauf legte um 21 Prozent zu, der Großhandel bestellte sogar 30 Prozent mehr. "Wenn es so weitergeht, wird die Firma spätestens 2007 die Krise endgültig überwunden haben", sagt der Manager. Gerade noch pünktlich zum 21. Geburtstag der Erbin Allegra Versace, die dann mit ihrer Firmenhälfte die Kontrolle übernehmen könnte. "Sie will bis zu ihrem 21. Geburtstag überlegen, was sie machen möchte. Wie es dann mit dem Unternehmen weitergeht, ist allein ihre Entscheidung", sagt die Mutter. Und sie weiß, dass die von Gianni vergötterte Nichte sich auch gegen sie entscheiden könnte.

Jochen Siemens / print