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Streit unter Brüdern Adelsexperte Robert Lacey: "Wahrscheinlich war bei den Auftritten von Harry und William Konkurrenz im Spiel"

Adelsexperte Robert Lacey zum Konflikt um Harry und William
Robert Lacey ist Historiker und Biograph. Er berät die Produzenten der Netflix-Serie "The Crown".
© Bandphoto / Picture Alliance
Harry beschuldigt seine Familie, ihn als Kind traumatisiert zu haben. William klagt die BBC an, schuld am Tod seiner Mutter zu sein. Der Historiker und Buchautor Robert Lacey über eine außergewöhnliche Woche, die der königlichen Familie außergewöhnlich gefährlich werden könnte.
Von Dagmar Seeland

Mr. Lacey, vor ein paar Monaten noch sagten Sie dem stern, die Enthüllungen zum legendären BBC-Interview mit Prinzessin Diana änderten nichts an der Tatsache, dass Diana zu jener Zeit in jedem Fall ein Interview gegeben hätte. Dem Journalisten Martin Bashir wird vorgeworfen, dass er mit gefälschten Unterlagen und Anschuldigungen Dianas Wut gegen Prinz Charles befeuerte und sie so zum Interview überredete. Sehen Sie das immer noch so?

Ich habe das seitdem gründlich recherchiert: Zur Zeit als das Martin-Bashir-Interview von der BBC angekündigt wurde, hatte die legendäre US-Journalistin Barbara Walters ihr Interview mit der Prinzessin so gut wie in der Tasche – es ging in den Verhandlungen nur noch um letzte Details, etwa an welche von Dianas karitativen Einrichtungen Walters Team welche Summe überweisen würde. Wir wissen auch mit Sicherheit, dass Diana sich mit Oprah Winfrey zu einem Geschäftsessen getroffen hatte, wo es ebenfalls um ein Interview ging, und dass sich Diana danach gegen Oprah entschied, weil sie ihr nicht vertraute. Nichts von alldem entschuldigt natürlich, was Bashir getan hat. Doch die Idee, dass Diana dieses Interview nie gegeben hätte, hätte sich Bashir nicht unethischer Methoden bedient, ist Unsinn – er hat sich damit einfach vorgedrängelt. Und die Schlange war lang: Auch David Frost wollte mit ihr reden, wie auch der britische Interviewer Clive James.

Würden Sie denen zustimmen, die sagen, dass dieses Interview letztendlich zu ihrem Tod führte?

Dieses Argument ist nicht ganz unberechtigt. Die unmittelbaren Folgen des Interviews sind bekannt: Es führte dazu, dass die Queen die Geduld mit den beiden verlor und Charles aufforderte, sich scheiden zu lassen. Im Zuge dieser Scheidung verlor Diana ihren königlichen Titel und Status – manche sagen, sie war an dem Titel nicht mehr interessiert – und damit auch ihr vom Palast gestelltes Sicherheitspersonal. Und das führte schließlich dazu, dass sie zwei Jahre später ohne den Schutz erfahrener Bodyguards in Paris in einem Auto saß, verfolgt von der Presse. Man könnte also – sehr vereinfacht – sagen, diese Kette von tragischen Umständen habe mit dem Interview ihren Anfang genommen. Dennoch ist es falsch, nun die BBC für Dianas Tod verantwortlich zu machen. Denn wenn es nicht die BBC gewesen wäre, dann hätte einer der vielen anderen berühmten Anwärter mit ihr gesprochen.

Wäre das Interview aber so radikal ausgefallen, wenn Bashir sie nicht derart angelogen und manipuliert hätte?

Es gibt viele Beweise dafür – beispielsweise dieser berühmte Satz "Wir waren zu dritt in dieser Ehe", den hatte sie schon zuvor hier und da gesagt. Prinz William hob in seiner Stellungnahme in der vergangenen Woche hervor, Bashirs Methoden hätten Dianas Paranoia verstärkt. Damit hat er durchaus recht. Aber man darf nicht vergessen, dass alles mit dem Buch von Andrew Morton anfing mit dem sie kollaborierte.  Und von dem Moment an, als Prinz Charles in Reaktion auf Mortons Buch seine Version der Dinge sehr medienwirksam in einem TV-Interview darlegte, war sie entschlossen, mit ihrem eigenen Fernseh-Interview zu kontern. Das Morton-Buch ist historisch gesehen ein sehr wichtiger Moment: Es war das erste Mal in der Geschichte der britischen Monarchie, dass ein Familienmitglied öffentlich ganz private Gefühle diskutierte. Die Leute konnten damals einfach nicht glauben, dass sie wirklich an diesem Buch von Morton mitgearbeitet hatte.

Womit wir bei Prinz Harry wären.

Ja, es besteht eine direkte Verbindung zwischen jenem Moment und dem, was Harry gerade tut. Die Queen sagte sehr deutlich, man sei entweder Teil der königlichen Familie oder nicht. Harry hat bewiesen, dass das nicht so einfach ist: Er benimmt sich, als sei er nicht mehr Mitglied der Royals, aber gleichzeitig ist er natürlich aufgrund seines Verwandtschaftsgrades weiterhin Teil der Familie. Ich will das, was Harry da gerade in den USA macht, nicht negativ bewerten, denn Millionen von Menschen in den USA scheint das wirklich zu inspirieren, dass er so offen über seine Gefühle spricht – nur, diesmal tut er es für Geld.

Im Kontrast zum Interview von Harry und Meghan mit Oprah sind seine Geständnisse diesmal Teil eines sehr lukrativen Vertrags.

Und für jeden Amerikaner und jede Amerikanerin, denen er mit seiner Offenheit hilft, gibt es Hunderte, ja, Tausende von Voyeuren, die sich an den Indiskretionen um die britische Monarchie weiden. Das ist eine schwierige Gratwanderung, übrigens nicht nur für Harry, sondern für beide Brüder: Öffentliche Bekenntnisse dieser Art stellen die Natur der Institution der Monarchie in Frage. Sehen Sie, vor Diana gab es strikte Regeln zur Bewahrung der Privatsphäre der Familie, und nur so konnte die Institution funktionieren. Diana brach diese Regeln, und das, glauben viele, endete in ihrem Tod. Und dann kommt Harry und schüttet sein Herz aus, und jetzt auch noch William –

... der in seinem Statement erstmals von der "Paranoia" seiner Mutter sprach.

Ja, stellen Sie sich vor – der künftige König sagt das öffentlich über seine Mutter! Das hat es noch nie zuvor gegeben. Alle dachten, Harry ist der, der die Regeln der Monarchie nicht versteht. Und plötzlich stellt sich heraus, dass William sie entweder genauso wenig verinnerlicht hat oder entschieden hat, sie umzuschreiben!

Erhalten wir gerade einen Vorgeschmack darauf, wer der künftige König William sein wird?

Er versuchte nicht im Geringsten, neutral zu bleiben. Er gab eine offizielle Erklärung ab, die weder sein Vater noch seine Großmutter jemals gegeben hätten. Darin klagte er die BBC an – in seiner Position sollte er das nicht tun. Es wäre durchaus möglich gewesen für ihn, seinem Ärger und seinem Schmerz Ausdruck zu verleihen, ohne von der Paranoia seiner Mutter zu sprechen. Und er hätte die Fehlentscheidungen der BBC im Zusammenhang mit diesem Interview anklagen, aber zum Ausgleich betonen können, dass in den 25 Jahren seitdem, die BBC weltweit als Standard für hervorragenden und unabhängigen Journalismus gilt.

Denken Sie, wir werden solche Reaktionen nun öfter von William erleben?

Ich glaube, das wird eine Ausnahme bleiben. Wahrscheinlich war hier auch Konkurrenz mit Harry im Spiel – William ahnte sicher, dass und wie sich Harry zu der Affäre Bashir äußern würde, und dass deshalb auch er selbst seine Mutter öffentlich verteidigen muss. Nur sollte er sich dabei eben nicht in politische Fahrwasser begeben, so wie er es getan hat – auch wenn es um seine Mutter ging. Die BBC ist derzeit im Visier der Regierung. Das erklärt, warum keine der rechten Zeitungen Kritik an Williams außerordentlicher Erklärung geübt hat, weil er damit ihren eigenen Zielen in die Hände spielte.

Teilen Sie die Meinung mancher Kommentatoren, dass Harry mit seinen medienwirksamen Offenbarungen böswillig handelt?

Das denke ich nicht – gedankenlos vielleicht, aber nicht böswillig. In dem Interview mit Oprah Winfrey sagten Harry und Meghan übrigens, ein von Netflix finanziertes Leben in Kalifornien sei nicht das gewesen, was sie geplant hatten – es war das, was sich am Ende für sie ergab. Beide Brüder haben sich dem Thema seelische Gesundheit verschrieben, interessant ist dabei, wie unterschiedlich sie sich diesem Thema nähern: William spielt Fußball in sozialen Brennpunkten und spricht dort ganz traditionell mit normalen Leuten, während Harry der Welt sein seelisches Innenleben preisgibt.

Harry macht also seinen Seelen-Striptease zum Geschäftsmodell – ist das nicht gefährlich?

Ja, es ist ein Pakt mit dem Teufel, den er da geschlossen hat – ganz sicher aus ehrbaren Gründen, aber das ändert an der Tatsache an sich nichts. Sein Vertrag über diese Serie mit Oprah muss Millionen wert sein. Und das steht im Konflikt mit seinen guten Motiven, es macht ihn angreifbar.  Seine Kritiker werden zurecht sagen, er verkaufe die Geheimnisse seiner Familie, um sich persönlich zu bereichern. Er wird dagegenhalten: Was soll ich machen? Meine Familie hat mich finanziell im Stich gelassen. Und auch das ist ja richtig. Nehmen Sie das Beispiel Sicherheit – wie sollen die beiden darauf verzichten? Harry sagte, dass er nicht plötzlich aufhört, ein potentielles Ziel von Anschlägen zu sein, nur weil er nun offiziell kein Mitglied des königlichen Haushalts mehr ist. Er kann nicht ändern, in diese Familie hineingeboren zu sein. Sie müssen wissen: Pro Jahr registriert die britische Polizei mehr als 1000 Drohungen gegen Mitglieder der königlichen Familie; diesen gestörten und gefährlichen Leuten ist es egal, ob Harry einen offiziellen Titel hat oder nicht.

Aber in nicht allzu ferner Zukunft wird Harry unweigerlich der Stoff ausgehen. Was wird er dann tun?

Genau, das ist die Herausforderung an die beiden. Was Harry und Meghan gerade so attraktiv macht, ist ihre Verbindung zur britischen Monarchie. Bis sie Harry kennenlernte, war Meghan eine aufstrebende, nicht untalentierte Schauspielerin, an die Oprah keinen Gedanken verschwendet hätte. Heute ist sie – dank ihrer Ehe zu Prinz Harry – ein Weltstar mit beachtlichem Einfluss. Kritiker von Meghan und Harry klagen, die beiden hätten all diese Vorteile genutzt, ohne bereit zu sein, den Preis zu zahlen, den der königliche Status ihren Mitgliedern normalerweise abverlangt.

Am 1. Juli werden die beiden Brüder gemeinsam die Statue ihrer Mutter in Kensington Gardens in London enthüllen.

Das wird ein hochinteressanter Moment werden: Eine Frau, die gegen die britische Monarchie rebellierte, wird zu einer königlichen Ikone gemacht – auf dem Grundstück eines königlichen Palastes. Diese Statue wird künftig zu einem neuen Wallfahrtsort werden, mit allen religiösen Konnotationen des Wortes. Und dieses Denkmal ist das gemeinsame Projekt der nun zerstrittenen Brüder – sicher hatten sie dafür die Genehmigung des Palastes eingeholt. Aber es ist kaum anzunehmen, dass die Queen oder Prinz Charles darüber besonders erbaut sind.

Glauben Sie, dass Harry tatsächlich zur Einweihung des Denkmals nach London kommen wird?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass er sich das nehmen lassen wird – allein schon, um seinem Bruder bei diesem wichtigen Anlass nicht das Feld zu überlassen. Bleibt zu hoffen, dass sie diese Gelegenheit ergreifen, um sich in irgendeiner Form zu versöhnen – das schulden sie nicht nur ihrer Mutter, sondern auch der königlichen Familie und dieser Monarchie. Und deshalb ist es für die britische Öffentlichkeit auch so wichtig, dass es eine Einigung zwischen ihnen geben muss. Harry ist nun einmal eine der beiden wichtigsten Pfeiler dieser Institution – und nun ist er weg. Er nahm all seine Energie und Starqualität mit sich nach Kalifornien, wo er und Meghan jetzt versuchen, eine Art von Parallel-Rolle "im Dienste der Öffentlichkeit" zu leben. Die königliche Familie ist beileibe nicht perfekt, aber sie ist menschlich und wird auf Herausforderungen wie den Zwist zwischen den Brüdern auf eine menschliche Weise reagieren. Aber das hängt vom guten Willen aller Familienmitglieder ab, nicht nur von Harry und William. Es wäre doch wunderbar, wenn in einem Jahr die ganze Familie versöhnt auf einem Balkon stünde. Das würde die derzeitige Krise in einen Triumph verwandeln.

Prinz Harry im neuen Trailer zu "The Me You Can't See" mit Oprah.

Sehen Sie im Video: Am 21. Mai erschien bei Apple TV+ mit "The Me You Can't See" eine neue Doku-Serie von Prinz Harry und US-Talk-Ikone Oprah Winfrey. Die beiden sind nicht nur als Co-Produzenten an dem Projekt beteiligt, sondern werden auch in der Serie zu sehen sein.


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