Scheidungen Die Rosen-Krieger


Jedes Jahr wird in Deutschland ein neuer Rekord gebrochen: Die Zahl der Scheidungen steigt unaufhörlich. Ehekriege in der Society beschäftigen die Regenbogenpresse längst mehr als Traumhochzeiten. Und während es bei Otto Kern um Millionen geht, wird bei Otto Jedermann um den Stabmixer gerungen. Ein Frontbericht.

Jedes Jahr wird in Deutschland ein neuer Rekord gebrochen: Die Zahl der Scheidungen steigt unaufhörlich. Ehekriege in der Society beschäftigen die Regenbogenpresse längst mehr als Traumhochzeiten. Und während es bei Otto Kern um Millionen geht, wird bei Otto Jedermann um den Stabmixer gerungen. Ein Frontbericht

Gleich neben einer Anzeige mit der Überschrift "Bloß keine Warzen" vermeldete "Bild" unlängst über den Sänger Roberto Blanco, 67, in Versform: "Ein bisschen Spaß muss sein, dann kommt die Scheidung ganz allein." Nach 40 Jahren offenbar exzessiv leidvoller Kohabitation mit dem "braunen Show-Bomber" aus Tunesien, "einem muslimischen, also frauenfeindlichen Land", wie das Fachblatt für vergleichende Religionswissenschaften analysierte, habe seine Gattin Mireille, ebenfalls 67, die Scheidung eingereicht.

Seither tobt der Rosenkrieg: Tochter Patricia wartete in der "Neuen Post" mit Aperçus aus der "Ehe-Hölle" auf, worauf sich Blancos Geliebte Nicole Geyer, Mutter seines vierjährigen unehelichen Sohnes, zu Wort meldete: "Ich habe kein Mitleid mit seiner Frau." Anschließend gab sie kund, "nicht die einzige Affäre" gewesen zu sein, und brachte eine gewisse "Hermine aus Graz" ins Spiel.

Kaum war die Leserschaft bunter Blätter mit den Details der multiplen Ménage Blanco einigermaßen vertraut, durfte sie sich an einem weiteren Ehekrieg in der Beletage der Gesellschaft delektieren: Der 61-jährige Ferfried Prinz von Hohenzollern hat seine Ehefrau Maja, 33, "endgültig zu den Akten gelegt", um mit der lustigen Witwe Tatjana Gsell, 33, ein kreischbuntes Gesamtkunstwerk zu bilden, wie es sich Jeff Koons nicht schöner hätte ausdenken können. Der Patensohn von Papst Pius XII. könnte als Forschungsobjekt für die Nebenwirkungen von Viagra Ärztekongresse aufheitern - nicht so sehr weil er jüngst zum Besten gab, er und la Gsell mit ihrem "Alabasterkörper" hätten nach der Erstumarmung "in drei Nächten insgesamt sechs Stunden" geschlafen, sondern weil er findet: "Wir haben die gleiche Wellenlänge: klassische Musik, politische Gespräche.“

In Stuttgart wurde gerade das unvergleichlich elendere Ende einer Ehe vor Gericht seziert: Nachdem sie voriges Jahr die Scheidung von ihrem Mann eingereicht hatte, der viele Jahre als Personalchef im Daimler-Vorstand saß, hat eine promovierte Völkerrechtlerin und zweifache Mutter, 54, versucht, ihn mit Hilfe eines ehemaligen BND-Manns und mittels einer Spritze Kaliumchlorid auf den Friedhof zu expedieren. Allein, der Leasing-Killer war ein V-Mann - und sie eine fragile Alkoholikerin, die an der Seite ihres so kühlen wie peniblen Mannes in Depressionen verfallen war. Vergangenen Freitag wurde sie zu sechs Jahren Haft verurteilt.

"Alle glücklichen Familien ähneln einander; jede unglückliche aber ist auf ihre eigene Art unglücklich." So beginnt Leo Tolstois Roman "Anna Karenina" über den Untergang einer Frau, die ihren Mann für ihren Liebhaber verlässt und alles verliert - ihren Sohn, ihren Ruf, ihre Freunde und zuletzt ihr Leben. Nichts ist mehr so, wie es war, seit das Buch vor mehr als einem Jahrhundert erschien. Wer sich heute scheiden lässt, büßt weder Reputation noch Amt ein; er kann Außenminister bleiben und Bundeskanzler werden. Die gerichtliche Trennung von Tisch und Bett, einst der gesellschaftliche Todeskuss, gilt als ganz normale Station in einem Lebenslauf. Schier endlos scheint der Reigen der geschiedenen oder scheidungswilligen Promis, von Carl-Eduard und Célia von Bismarck über das Model Nadja Auermann und den Schauspieler Wolfram Grandezka bis zu Bayern-Keeper Oliver Kahn und Gattin Simone.

Indes stimmt Tolstois erster Satz noch immer. Und obwohl man neuerdings frisch halbierte Paare mit launigen Präsenten beglücken kann - etwa T-Shirts, bedruckt mit gebrochenen Herzchen und der Parole "Glücklich geschieden!" -, sind fast alle Scheidungen geblieben, was sie schon vor hundert Jahren waren: ein Unglück für mindestens einen der Beteiligten, egal, ob in der Sozialwohnung oder in der Villa geweint wird.

"Die Ehe ist ein Bankett, das mit dem Dessert beginnt", befand der französische Schriftsteller Tristan Bernard. Wie das Festmahl endet, lässt sich am Hamburger Sievekingplatz 1 besichtigen. Hier liegt eines der größten Ehe-Beerdigungsinstitute der Republik. Hinter einer Neorenaissance-Fassade residiert das Amtsgericht Hamburg-Mitte; täglich werden von 25 Familienrichtern auf zwei Stockwerken im Viertelstundentakt Paare geschieden. Allerdings nur auf der linken Seite des Gebäudes. Rechts beschäftigt man sich mit anderen Angelegenheiten des Zivilrechts, Mietstreitigkeiten etwa oder Zwangsvollstreckungen. Auch dort werden Träume begraben, aber anders.

Im vergangenen Jahr gab es in ganz Hamburg 6959 Paare, die sich trauten, und insgesamt 13 034 Scheidungen und Verfahren rund um die Trennung. Mehr als die Hälfte davon, 6819, wurden hier abgewickelt. In Hängeregistraturen türmt sich die eheliche Unordnung meterhoch, in den Gängen herrscht Tristesse. Männer und Frauen, die einst einander Treue schworen, "in guten wie in schlechten Tagen, in Gesundheit und Krankheit, bis der Tod uns scheidet", gucken angestrengt aneinander vorbei, flankiert von Anwälten, und zerbröseln Kleenex in ihren Händen.

Wenn nicht geschieden wird, dann geht es um die Dinge und Menschen, die übrig bleiben, wenn die Liebe vergangen ist - um Hausrat, Unterhalt, Zugewinn. Und um die Kinder. Für sie gibt es einen eigenen Warteraum mit bunten Bildern an der Wand und Plüschtieren. Es ist ein trauriges Kinderzimmer, trotz der Teddys. Wer hierher gebracht wird von seinen Eltern, der wird meist von ihnen behandelt wie eine Sache - oder wie eine Waffe. Die Richter wissen das, und drum hat einer von ihnen über die Fotokopiermaschine am Eingang ein Gedicht des libanesischen Poeten Khalil Gibran gehängt: "Deine Kinder sind nicht deine Kinder, sie sind Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst. Sie kommen durch dich, aber nicht von dir, und obwohl sie bei dir sind, gehören sie dir nicht."

Für derlei Erkenntnisse sind streitende Ex-Paare indes selten empfänglich, unabhängig davon, ob sie von Hartz IV betroffen sind oder nach Chanel No. 5 duften. "Wenn der Rosenkrieg erst mal tobt, wird der gesunde Menschenverstand ausgeschaltet", weiß Richter Gerold Möller, der das Segment für Familien- und Vormundschaftsrecht leitet. Seit 18 Jahren klärt er "die Zerrüttung der Ehe von Amts wegen auf". In rund der Hälfte der Fälle verläuft das friedlich. Es ist die andere Hälfte, die dazu geführt hat, dass Möller sagt: "Mir ist nichts mehr fremd." Und gelegentlich die Kollegen auf der rechten Seite des Gebäudes beneidet, weil bei Streitereien um Mieterhöhungen "nicht immer mit Gefühl gearbeitet wird".

Die klassische Familie, so scheint es, ist für die Gesellschaft ähnlich wie der Videorecorder für die Unterhaltungsindustrie - ein Auslaufmodell. Obwohl immer weniger und immer später geheiratet wird, endet mittlerweile jede dritte Ehe vor Gericht, in Großstädten sogar jede zweite. 170 260 minderjährige Kinder waren im vergangenen Jahr davon betroffen. Im EU-Durchschnitt schneidet Deutschland damit zwar ganz gut ab - in Belgien und Finnland scheitern 56 Prozent aller Ehen, in Schweden 64 -, aber auch hierzulande ist die Tendenz steigend. "Von den heute geschlossenen Ehen werden im nächsten Vierteljahrhundert mindestens 40 Prozent geschieden", weiß der Mannheimer Soziologe Josef Brüderl. Selbst Menschen, die es schon 25 Jahre und länger miteinander ausgehalten haben, brechen vermehrt aus Partnerschaften aus, über die Wilhelm Busch einst dichtete: "Bei eines Strumpfes Bereitung sitzt sie im Morgenhabit; er liest in der Kölnischen Zeitung und teilt ihr das Nötige mit." Geschätzte zehn Prozent aller Scheidungen werden mittlerweile von Eheleuten eingereicht, die die silberne Hochzeit hinter sich haben.

Bei der Ursachenforschung haben Sozialwissenschaftler allerlei Binsen zutage gefördert - früh geschlossene Ehen gehen besonders oft in die Brüche, Beziehungen halten selten, wenn die Paare keinerlei gemeinsame Interessen haben -, aber auch Überraschendes. So erweist sich der gemeinsame Besitz einer Immobilie als Ehekitt: Die Scheidungsrate sinkt um 50 Prozent. Ein gemeinsames Kind schlägt lediglich mit 19 Prozent zu Buche. Besser schützt der katholische Glaube, der das Risiko um 34 Prozent senkt. Josef Brüderl sieht die Zukunft seiner eigenen, ersten Ehe daher optimistisch: "Meine Frau und ich kannten uns zehn Jahre vor unserer Hochzeit, leben auf dem Land, sind katholisch, haben Kinder und ein Haus. All das sind scheidungsfeindliche Faktoren."

Dagegen habe die Reform des Scheidungsrechts von 1977 keinen Einfluss auf die Zahl der Trennungen gehabt. Damals wurde das Schuldprinzip durch das so genannte Zerrüttungsprinzip ersetzt. Seither werden Ehen gewissermaßen automatisch geschieden - ein Jahr nach der Trennung, wenn das Paar sich einig ist, drei Jahre danach, wenn nur einer von beiden die Scheidung will. Die Kosten des Verfahrens können als "Sonderausgabe" von der Steuer abgesetzt werden, was ein eigentümliches Licht auf die familienpolitischen Prioritäten der Bundesrepublik wirft, wo maximal 1500 Euro pro Jahr für Kinderbetreuung abgeschrieben werden dürfen.

Allerdings hat die Reform die Scheidung nicht einfacher gemacht. "Das Schuldprinzip hatte sich totgelaufen", findet Richter Möller, "denn man hat es ja sehr selten mit Schlägern oder Trinkern zu tun, sondern mit ganz normalen Menschen, die einfach nicht mehr miteinander können. Und daran hat fast nie nur einer Schuld. Allerdings rächen sich die Kränkungen, die ein Ehepartner erfahren hat, heute nicht mehr während der eigentlichen Trennung, sondern danach."

So fand es die Deutsche Dagmar Richter, Architekturprofessorin in Kalifornien, verständlicherweise furchtbar, als sie während eines Lehrauftrags in Berlin im ehelichen Computer auf den E-Mail-Verkehr zwischen ihrem Gatten Peter Baldwin, seines Zeichens Geschichtsprofessor, und einer schwedischen Milliardenerbin und Historikerin stieß. Die weltweit tätige Philanthropin machte sich unter anderem anheischig, Baldwin benutzte Dessous zukommen zu lassen. Es folgte die Scheidung der Eheleute Richter und Baldwin. Damit schien alles geregelt. Doch pünktlich zur Vermählung von Baldwin und der reichen Schwedin in London erschienen in der "Mail on Sunday" Details aus dem Online-Verkehr der Braut. Die spendete, um ihren Ruf besorgt, eilends 30 Millionen Dollar zur Rettung bedrohter Sprachen, um all die Klebrigkeiten aus der Welt zu schaffen. Aber die Ex legte nach: Sie verklagte ihren geschiedenen Mann auf Zahlung von Unterhalt für die beiden gemeinsamen Kinder, weswegen ein Berliner Amtsgericht jetzt teilhaben darf am Leben der gebildeten Reichen.

Der Münchner Rechtsanwalt Hermann Messmer, der schon einige Prominentenehen auseinander dividiert hat, trauert dem alten Scheidungsrecht gelegentlich nach. Natürlich sei es reformbedürftig gewesen, "denn dadurch waren Ehefrauen die letzten Sklavinnen des 20. Jahrhunderts", sagt er. "Wenn sie ihre Männer verließen, verloren sie die Kinder, den Unterhalt und den Zugewinn. Doch sollten wir uns schon fragen, warum etwa in Österreich oder Frankreich Scheidungen nach dem Schuldprinzip immer noch möglich sind. Das Zerrüttungsprinzip hat das Fremdgehen zum Breitensport gemacht, denn es ermöglicht Genuss ohne Reue." Das Resultat seien "epische Schlachten auf Nebenkriegsschauplätzen - um Hausrat, Zugewinn, Unterhalt und Kinder. Der Rosenkrieg hat erheblich zugenommen".

Professor Siegfried Willutzki, Gründer und Ehrenpräsident des Deutschen Familiengerichtstages, bilanziert: "Beim Verzicht auf das Schuldprinzip sind wir dem Irrglauben erlegen, den Menschen läge nichts an der Schuldfeststellung, wenn ihre Ehe auseinander geht. Die Erfahrung ist eine andere: Es entspricht offensichtlich einem Urbedürfnis, Schmerz und Trauer über das Scheitern einer Partnerschaft zu kompensieren durch psychisch entlastende Schuldzuweisung." Daher sei "das große Schlachtfeld" nun nicht mehr "die Scheidung selbst, aus der gesetzlich die Emotionen weitgehend verbannt wurden", sondern "die Regelung der Scheidungsfolgen".

Berüchtigt sind Kräche über den Hausrat. Dessen Wert wird von Anwälten auf langen Listen taxiert, die Lektüre ist mäßig prickelnd: "Wischmopp, Neuwert: 30 Euro, angeschafft: Juli 2001, Lebensdauer: 5 Jahre, Restwert: 17 Euro, Auszahlungsbetrag: 8,70 Euro", steht dort etwa geschrieben. Kraft seines Amtes weiß Möller inzwischen, dass "die Sonnenbank in Hamburger Haushalten weitaus verbreiteter ist, als ich je gedacht hätte, und dass fast immer der Ehemann sie haben will. Ich kann nur vermuten, dass es daran liegt, dass er wieder auf die Piste muss und dabei gut aussehen will".

Wenn gar nichts mehr geht,

"treffen sich zwei Anwälte und ein Richter in einer Wohnung, und anschließend streiten drei Volljuristen über Sperrmüll. Zum Schluss packt der Richter jeweils die Hälfte der Handtücher und der Bettwäsche in zwei Müllsäcke und klebt rote und grüne Etiketten auf die Möbel". Am Amtsgericht Mölln in Schleswig-Holstein erzählt man immer noch gern die Anekdote von einer entnervten Richterin, die - "Geben Sie mir bitte kurz eine Schere" - eine Wolldecke in zwei Hälften zerschnitt.

Es geht keineswegs nur bei mittellosen Paaren um jeden Staubbeutel. So wollte der einstige Kölner Regierungspräsident Franz-Josef Antwerpes, ehemals "Kurfürst" geheißen, zunächst weder die Waschmaschine noch den Stabmixer rausrücken, nachdem seine krebskranke Frau Elfi Scho ihn verlassen hatte, "weil er mit meiner Krankheit nichts anzufangen wusste". Stattdessen ließ er die Wohnungsschlösser austauschen, sperrte das Familienkonto und überließ ihr einige Kartons voller Gerümpel. "Ein Hausratsverteilungsverfahren wie bei den Antwerpes hatte ich zuvor nur ein einziges Mal erlebt", ächzt Schos Anwalt Michael Findeisen, seit 30 Jahren im Beruf. "Beim ersten Mal ließ der Mann all das, was er sich gerade erstritten hatte, in einen Müllcontainer werfen, nur um seine Frau zu ärgern."

Der Münchner Anwalt Messmer wundert sich seit langem über gar nichts mehr, außer darüber, "dass immerhin mehr als jede zweite Ehe nicht geschieden wird". Und er weiß: "Wenn Beziehungen enden, geht es um Eifersucht und Rache. Der oder die Ex wird beim Finanzamt oder beim Arbeitgeber angeschwärzt, es wird dafür gesorgt, dass der andere nach einem Kneipenaufenthalt in eine Polizeikontrolle gerät und seinen Führerschein verliert. Da wird gekämpft bis zur Vernichtung des einstigen Partners, manchmal sogar bis zur Selbstvernichtung."

Häufig werden auch die Kinder in den Krieg gehetzt, trotz des seit 1998 üblichen gemeinsamen Sorgerechts. Stattdessen wird ums Umgangsrecht gestritten. Mütter wollen den Urlaub des Vaters mit den Kindern torpedieren, weil er nicht dafür sorge, dass sie sich die Zähne putzen, oder sie durch Entfachen eines Lagerfeuers gefährde. Oft wird der Ex auch als Suchtkranker oder Gewalttäter diffamiert. Das schwerste Geschütz, sexueller Missbrauch, wird jetzt mehr als vor der Änderung des Kindschaftsrechts aufgefahren.

Am allermeisten jedoch geht es ums Geld. "Je mehr davon vorhanden ist, desto erbitterter ist der Streit um den nachehelichen Unterhalt", sagt Möller. Der sollte ursprünglich eine Ausnahme bleiben, aber "die Ausnahme ist längst zur Regel geworden". Eigentlich sollte mit der Reform des Scheidungsrechts die wirtschaftliche Eigenverantwortlichkeit gestärkt werden. "Das änderte sich auf Druck der politischen Kräfte, vor allem von konservativer Seite", so Willutzki. Aus Angst vor dem Verfall der Institution Ehe habe man den Ausstieg durch hohe Unterhaltsbelastungen erschweren wollen. Das Resultat sieht so aus, dass in vielen Fällen erst der Tod die einstigen Gatten wirklich scheidet. Nicht die Ehe, sondern die Scheidung schafft den Bund fürs Leben, zumindest ökonomisch.

So gilt nach den Leitlinien

der Oberlandesgerichte, die zumeist sklavisch befolgt werden: Wer drei Jahre kinderlos verheiratet war, hat bereits einen lebenslangen Anspruch darauf, sein Leben auf dem ehelichen "Konsumniveau" fortzusetzen, das der besser verdienende Ex-Partner mit dem so genannten Aufstockungsunterhalt sponsern muss. "Diese Regelung lässt sich rechtsethisch kaum rechtfertigen", findet Willutzki.

Wurden dem Paar Kinder geboren, kann derjenige Partner, bei dem die Sprösslinge nach der Scheidung leben, bis zum 14. Geburtstag des jüngsten Kindes Betreuungsunterhalt verlangen. Will er oder sie sich anschließend fort- und weiterbilden, ist Ausbildungsunterhalt fällig. Bei der derzeitigen Katastrophen-Konjunktur wird daraus anschließend Arbeitslosenunterhalt, der wiederum nahtlos übergehen kann in den Unterhalt wegen Alter oder Krankheit. Betroffen sind zumeist die Männer. "Alle fragen mich: Und wann ist das mit dem Unterhalt zu Ende?", so die Berliner Rechtsanwältin und Notarin Ingeborg Rakete-Dombek. "Und ich sage: vermutlich nie. Da fallen die hintenüber. Das entspricht nicht dem Rechtsempfinden, dass der Mann nie wieder Licht sieht.“

Tatsächlich endet die Versorgung erst mit dem Tod, es sei denn, der Rezipient der Zuwendungen heiratet erneut, lebt länger als drei Jahre in einer nichtehelichen Gemeinschaft oder macht sich "groben Unbills" gegen den einst Geliebten schuldig. So wurde jüngst einer Berlinerin der Unterhalt gekürzt, weil sie während eines Segeltörns ihres Ex-Mannes Konten und Haus leer räumte und an eine nackte Glühbirne einen Zettel mit der Botschaft hängte: "Der Letzte macht das Licht aus."

Der lebenslängliche Finanztransfer trägt den schönen Namen "nacheheliche Solidarität". Allerdings kommt die selten von Herzen, insbesondere dann nicht, wenn derjenige, der zahlen muss, die Scheidung gar nicht wollte und schnöde sitzen gelassen wurde. Häufig kommt sie auch gar nicht: Nur 30 Prozent aller berechtigten Frauen erhalten regelmäßig Zahlungen, und lediglich jeder zehnte Mann. Weil jährlich auch fast eine halbe Million Kinder leer ausgehen, plant Justizministerin Brigitte Zypries eine Änderung: Während bisher Ex-Gatte und Kinder gleichberechtigt sind, sollen in Zukunft zunächst die Kinder an ihr Geld kommen. "Natürlich zahlen Väter lieber für die Kinder als für die Ex-Frau", so Anwältin Rakete-Dombek. "Aber der Finanzkuchen wird ja nicht größer, bloß weil die Rangfolge geändert wird."

Beim Amtsgericht Hamburg-Mitte kommen eher selten Menschen vom Schlage der 41-jährigen Begum Inaara Aga Khan, née Gabriele Homey, zwischendurch Prinzessin zu Leiningen, hereinspaziert, die jüngst die Scheidung von Karim, 67, einreichte, seines Zeichens einerseits Oberhaupt der Ismaeliten und damit "Halbgott"("Bunte"), andrerseits Milliardär. "Wir trennen sehr viele Paare, bei denen das Geld hinten und vorne nicht für zwei Haushalte reichen kann", so Möller.

Eine Befragung von 1500 Geschiedenen für eine Studie des Familienministeriums ergab, dass geschiedene Frauen im Schnitt mehr als ein Drittel und Männer ein Zehntel ihres Pro-Kopf-Einkommes verlieren. "Scheidungen sind der sicherste Weg zum finanziellen Abstieg", resümiert Messmer. "Nur Reiche sollten sie sich leisten." Die würden von den Richtern ohnehin bevorzugt: "Man scheut sich nicht, einem Mann, der 4000 Euro verdient, die Hälfte wegzunehmen. Gibt es aber 100 000 Euro monatlich zu verteilen, wird lange gegrübelt, ob ihr davon 10 000 oder nur 8000 zustehen." Dennoch versuchen die Dagobert Ducks besonders oft, sich gegen die "nacheheliche Solidarität" mit knallharten Verträgen zu wappnen. Seit der Bundesgerichtshof allerdings im Februar entschied, dass die ungültig sind, wenn sie den wirtschaftlich schwächeren Ehepartner zu brutal benachteiligen, rollt eine Prozesslawine auf die Familiengerichte zu.

So ficht auch die einstige Frau

des Textilunternehmers Otto Kern viereinhalb Jahre nach der Scheidung ihren Ehevertrag an. Das Dokument sah vor, dass Kern im Falle einer Trennung entweder eine Leibrente von 3000 Euro monatlich an das Ex-Model Sarah, 35, zahlen müsse oder eine einmalige Abfindung. Nachdem Kern gegen einen Autohändler ausgetauscht wurde, entschied er sich für Letzteres und überwies Sarah 250 000 Euro, was ihre Anwältin Ellen Lindinger-Hammerla nach neuer Rechtslage nicht ganz grundlos "sittenwidrig" findet. Drum fordert sie monatlich 10 000 Euro Nachschlag für ihre Mandantin, unter anderem für "Kleidung, Schuhe, Unterwäsche, Handtaschen, etc.", des Weiteren für die "Teilnahme an gesellschaftlichen und sportlichen Aktivitäten, wie Tennisclub, Golfclub, etc.", ebenso wie für jährlich "zwei bis drei Wochen Urlaub in einem Vier-Sterne-Hotel". Der elfjährige gemeinsame Sohn Olivier, der in seinen ersten Lebensjahren auf einem Schloss in der Normandie heranreifte, "wo neben der Mutter weitere vier Angestellte für sein Wohl sorgten", und somit "nur diesen übermäßigen Luxus und die damit verbundene starke Beachtung seiner Person kannte", leide "ganz besonders unter den finanziell sehr beengten Möglichkeiten" seiner Mutter und brauche daher ihre "gesamte Aufmerksamkeit". Somit sei ihr selbst eine Teilzeitbeschäftigung nicht zuzumuten. Dass der Knabe eine Ganztagsschule besucht, erwähnte die Anwältin in ihrer Klageschrift nicht. Manche Ehen werden eben erst nach der Scheidung wirklich schön: wenn man den Gatten los ist und sein Geld behalten kann.

Im fernen Amerika wird derweil um die märchenhafte Summe von fast einer Milliarde Dollar gestritten. So viel will die amerikanische Angetraute eines schwerreichen deutschen Unternehmers von ihrem Noch-Mann haben. Der hatte sich vor der Hochzeit in den 90er Jahren gegen derlei Unbill ebenfalls mittels eines Ehevertrages abgesichert. Darin steht geschrieben, dass die Braut im Fall der Scheidung die Wahl habe zwischen einer großzügigen Apanage oder einem Abfindungsbetrag in Millionenhöhe, und zwar steuerfrei. Sie unterschreibt und denkt - verliebt, verlobt, verheiratet - längst nicht mehr daran, als der Mann ihr etwa ein Jahr nach der Geburt des gemeinsamen Kindes en passant mitteilt, er habe sie nie geliebt und habe eine Freundin; sie möge, bitteschön, das Haus binnen 24 Stunden verlassen. Dazu kommt es dann doch nicht sofort. Der Multimillionär rafft sich zunächst sogar dazu auf, einen Eheberater zu bemühen. Dort beichtet er, dass er zwischendurch auch ein Verhältnis mit einer Angestellten hatte. Später erfährt seine Frau, dass er schon vor der Geburt des Kindes eine US-Kanzlei damit beauftragt hatte, die amerikanische Rechtsprechung über Scheidungen zu recherchieren, denn in den USA lebt ihre Familie. Dorthin zieht sie, als die Ehe endgültig gescheitert ist. Sie erleidet eine Fehlgeburt; das Baby war bei einem Versöhnungsversuch entstanden. Ihr Mann, der zuvor getobt hatte, sie solle abtreiben, ist erleichtert und schenkt ihr zum Trost ein Hermès-Tuch.

Doch ihr reicht's:

Sie bestellt Flugtickets in der ersten Klasse für ihre Hauskatzen, reicht die Scheidung ein und nimmt sich einen prominenten Anwalt. Der pfeift auf den deutschen Ehevertrag und will stattdessen ein Drittel des Familienvermögens - eine Summe, die höher ist als die 750 Millionen Dollar, die sämtliche EU-Staaten dieses Jahr an das vom Krieg verwüstete Afghanistan zahlen wollen. Während der Gatte in Deutschland jeden verklagt, der über seinen Scheidungsfall berichtet, sagt die Gattin, ihr gehe es "viel mehr um die Wahrheit als ums Geld". Dazu lächelt der Anwalt und meint: "Sehen Sie, hier geht es nicht um Geld per se."

Womit er irgendwie auch Recht hat. Man soll eben nicht glauben, "dass die Ehe einfacher ist als das Zölibat", wie schon Kardinal Joseph Ratzinger wusste.

Stefanie Rosenkranz print

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