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Was macht eigentlich...: ...Freya Klier?

Im Jahr vor der Wende wurde die regimekritische Schriftstellerin mit ihrem damaligen Mann Stefan Krawczyk aus der DDR ausgewiesen.

Ist Ihnen dieser Tage nicht zum Heulen zumute?

Nein. Warum?

Ihr Erzfeind Gregor Gysi, den Sie laut Gerichtsurteil einen "Handlanger des alten Systems" nennen dürfen, will mit Oskar Lafontaine zurück in den Bundestag.

Ach, was. Das sind zwei kleine Männer mit großer Klappe, die die Leute belügen. Ich hoffe, dass die Wähler nicht auf diese Herren hereinfallen und sich daran erinnern, dass Gysis Partei unter ihrem vorletzten Namen SED verantwortlich war für die DDR-Diktatur und das Land wirtschaftlich in den Ruin getrieben hat. Die SED/PDS hat noch in der Wendezeit viel Geld aus dem Volkseigentum in ihre frisch gegründeten GmbHs gepumpt.

Ministerpräsident Stoiber hat die Ossis als "dumme Kälber" beschimpft. Brandenburgs Innenminister Schönbohm erklärte "Gewaltbereitschaft" im Osten mit "erzwungener Proletarisierung". Warum sind sich Ossis und Wessis immer noch nicht grün?

1989 waren die Menschen guten Willens: Es wächst zusammen, was zusammengehört, haben sie gesagt und gehofft. Im Laufe der vergangenen 15 Jahre haben Ostler und Westler immer deutlicher gespürt, wie fremd sie einander sind. Wir haben ein halbes Jahrhundert unterschiedlicher Geschichte hinter uns. Das trennt. Und wenn wir nicht anfangen, die Unterschiede miteinander und nicht gegeneinander zu diskutieren, wird es noch lange dauern, bis wir ein Volk sind.

Was tun Sie fürs deutsch-deutsche Verhältnis?

Eine Woche im Monat besuche ich Schulen in Ost und West, erkläre, was eine Diktatur ist. Die DDR-Vergangenheit schrumpft für viele allmählich zu einem Glas Spreewaldgurken.

Langweilen Sie die Schüler nicht?

Im Gegenteil. Die staunen, wenn sie hören, dass die DDR nach dem Mauerbau die höchste Selbstmordrate der Welt hatte und dass vier Millionen Menschen geflohen sind.

Schreiben Sie noch?

Ja, ich bereite gerade ein Buch über Matthias Domaschk vor, der 1981 im Alter von 24 Jahren bei einem Stasi-Verhör ums Leben gekommen ist. Das wird ein Buch für Schüler. Deshalb schicke ich die fertigen Kapitel ausgewählten Schülern: Die schreiben mir, was sie nicht verstehen, und ich arbeite den Text um.

Arbeiten Sie auch an anderen Themen als der DDR-Vergangenheit?

Ich will 2007 einen Film drehen über die Maler Otto Dix, Oskar Kokoschka und Elfriede Lohse-Wächtler im Jahr 1919 in Dresden. Außerdem erscheint im nächsten Jahr ein Buch von mir über Juden, die im Dritten Reich nach Neuseeland geflohen sind.

Wie sind Sie denn darauf gekommen?

In Neuseeland hat mir eine Frau erzählt, dass ihre Mutter 1939 als Jüdin aus Berlin nach Neuseeland geflohen ist. Dann sagte sie: "Wir warten seit Jahren, dass mal jemand nach uns fragt." Das hat mich so getroffen, dass ich angefangen habe zu recherchieren.

Haben Sie die Flüchtlinge kennen gelernt?

Ja. Aber viele sind inzwischen gestorben. Es war also höchste Zeit, das Thema anzugehen. Besonders berührt hat mich die Begegnung mit Fred Silberstein, der heute in Auckland lebt. Er wurde als 16-Jähriger in Auschwitz von dem KZ-Arzt Mengele gequält, der ihn ohne Narkose an der Leiste operiert hat.

Irgendwie klingen Ihre Projekte nach dem "elften Gebot" auf Ihrer Homepage.

Stimmt. "Du sollst Dich erinnern", steht da. Wer seine Vergangenheit nicht kennt, lernt nichts für die Zukunft.

Interview: Kerstin Schneider

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