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Berlin Fashionweek: Nur zufällig was auf den Rippen

Dass auf der Berliner Fashionweek keine Magermodels zu sehen sind, könnte Gesundheitsministerin Ulla Schmidt als Erfolg für ihre Kampagne gegen Schlankheitswahn verbuchen. Nach stern.de-Informationen sind die Veranstalter jedoch nie um eine Teilnahme gebeten worden. Das führt die gesamte Selbstverpflichtung ad absurdum.

Von Jens Maier

Unter den durchsichtigen Blusen haben sie kaum Brust. Die langen Beine sehen aus, als würden sie gleich wie Streichhölzer brechen. Das Gesicht ist eingefallen. Die dünnen Arme kaum in der Lage, auch nur eine Wasserflasche anzuheben: Magermodels. Noch immer sieht man sie auf internationalen Laufstegen. Viele Länder haben dem gefährlichen Schönheitsideal den Kampf angesagt. Während in Spanien und Großbritannien zu dünne Models bereits verboten sind, soll es in Deutschland eine freiwillige Selbstverpflichtung der Modeindustrie richten. Diese ist jedoch nicht das Papier wert, auf dem sie steht. Das macht die am Donnerstag in Berlin begonnene Fashionweek deutlich. Dass dort bisher kein Magermodel zu sehen war, scheint purer Zufall zu sein.

"An uns ist niemand vom Ministerium mit dem Wunsch herangetreten, eine Charta gegen Magermodels zu unterzeichnen", sagt Zach Eichman, Chef der Unternehmenskommunikation von IMG, zu stern.de. IMG ist eine der größten und bekanntesten Modelagentunen der Welt mit Sitz in Paris. Unter anderem stehen Heidi Klum und Gisele Bündchen dort unter Vertrag. Und IMG ist Ausrichter der Berliner Fashionweek. "Wären wir gefragt worden, wir hätten eine solche Selbstverpflichtung selbstverständlich geprüft", sagt Eichman.

Kein BMI unter 18,5

Dabei hatte Gesundheitsministerin Ulla Schmidt noch in der vergangenen Woche die Kampagne "Leben hat Gewicht - gemeinsam gegen den Schlankheitswahn" gestartet. Ziel ist es, jungen Menschen ein positives Körperbild zu vermitteln und ihr Selbstwertgefühl zu steigern. Dazu hat die Ministerin die deutsche Modeindustrie eine freiwillige Selbstverpflichtung unterzeichnen lassen. Darin ist unter anderem geregelt, dass beim Einsatz von Models ein Body-Mass-Index (BMI) von 18,5 nicht unterschritten werden darf. Der BMI errechnet sich aus Gewicht geteilt durch Größe zum Quadrat. Bei einem BMI ab 18,49 gilt man als untergewichtig.

Die Kampagne, eine Woche vor Beginn der Berliner Fashionweek - der wichtigsten und international renommiertesten deutschen Modewoche - zu unterzeichnen, hätte auch für die Hauptstadt Signalwirkung haben können. Hätte, denn leider gibt es da einen Schönheitsfehler: Zu den Unterzeichnern gehören Messeveranstalter "Igedo", zwei deutsche Modeverbände - das "Deutsche Mode-Institut" und der "GermanFashion Modeverband Deutschland e.V." - sowie der "Verband lizenzierter Modellagenturen e.V." Den Veranstalter der Berliner Fashionweek aber, hat das Gesundheitsministerium gar nicht erst nach seiner Unterschrift gefragt.

Keine Anfrage des Ministeriums an IMG

Andreas Deffner, Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums, hat stern.de bestätigt, dass es von Seiten des Ministeriums keine solche Anfrage an IMG gegeben habe. Deffner begründet dies damit, dass die Unterzeichnung der Charta erst der Startschuss gewesen sei. Alle Verbände und Organisationen seien herzlich eingeladen, an der freiwilligen Selbstverpflichtung zu partizipieren. "Wir mussten mit einem Verband den Grundstein legen", sagt Deffner. Da die 'Igedo' mit dem Wunsch einer solchen Verpflichtung an das Ministerium herangetreten sei, habe man ihr die Federführung überlassen.

Die Igedo ist eine Firma in Düsseldorf und Veranstalter der dortigen Modemessen, zum Beispiel der Fachmesse CPD. Und auch dort gibt man zu, die IMG bisher nicht gefragt zu haben. "Es ist kein böser Wille, dass noch niemand mit IMG gesprochen hat", sagt Thomas Kötter, Unternehmenssprecher der Igedo, zu stern.de. "Wir wollten den Kreis der Teilnehmer klein halten, um schnell zu einem Ergebnis zu kommen", führt Kötter aus. Selbstverständlich wolle man aber niemanden ausschließen.

Dass die Teilnehmer zu einem schnellen Ergebnis kommen wollten, ist löblich. Herausgekommen ist allerdings eine Vereinbarung, die keinem weh tut. "Das Problem Magermodels ist bei den Düsseldorfer Messen bisher nicht aufgetaucht", bestätigt Kötter stern.de. Kein Wunder, werden auf den Laufstegen dort doch ohnehin nur Kleidergrößen ab 36 aufwärts präsentiert. Und auch die Textilindustrie hat nichts zu befürchten: Der Umsatz mit Größen unter 36 bewegt sich in Deutschland im Promillebereich.

Es ist ein bisschen so, als würden Nichtraucherverbände in Deutschland mit viel Brimborium eine Selbstverpflichtung zum Nichtrauchen unterzeichnen. Die Charta gegen den Schlankheitswahn ist ein von einem Ministerium unterstützter PR-Gag. Denn wo, wenn nicht bei der größten deutschen Modeveranstaltung, sollte man den Finger in die Wunde legen? Bis Herbst hat die Ministerin Zeit, nachzubessern. Dann startet in Berlin eine neue Fashionweek. Und es bleibt hoffentlich nicht mehr nur dem Zufall überlassen, dass keine Magermodels zu sehen sind.