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Dschungel: Expedition Schönheit

Schüsse im Wald, wildgewordene Wespen, literweise Schweiß: Wenn ein Botaniker im Dschungel nach Pflanzen für Hautcremes sucht, kann der Tag ganz schön anstrengend werden.

Von Stephan Draf

Wenn Bruno Bordenave erklären will, dass der Regenwald magisch ist, erzählt er diese Geschichte: Auf einer Exkursion hier im Urwald von Französisch-Guyana wälzte sich der Botaniker nachts im Halbschlaf in seiner Hängematte. Er hatte das Gefühl, dass der Wald sich veränderte, dass etwas unter ihm im Gange war. Bruno wühlte sich aus seiner Schlafstatt, schaute - und staunte: Der Waldboden leuchtete, in vielen Farben, ein Wunder. An dieser Stelle der Geschichte wird Bruno vom Märchenonkel zum Wissenschaftler: "Ich habe dann in das Leuchten gegriffen - und Blätter in der Hand gehabt. Im Labor stellte sich heraus, dass sich Bakterien über das Grünzeug hergemacht hatten, die waren fluoreszierend. Hätte ich sofort draufkommen können."

Schöne Geschichte, würde man auch gern erleben. Unser Problem ist: Wir kommen nicht in den Wald hinein. Seit einer Stunde suchen wir einen Pfad in den Dschungel. Der müsste eigentlich genau hier sein. "Exakt 14,3 Kilometer nach der kaputten Brücke geht's rein", hatte ein befreundeter Botaniker gesagt. Aber hier geht gar nichts rein, schon gar nicht vier ausgewachsene Männer, nicht durch dieses verschlungene grüne Dickicht aus Lianen, Riesenfarnen, Bäumen. Paul Benjamin, unser einheimischer Führer, beschließt, dass schnell wachsendes Gestrüpp an der Waldgrenze den Pfad verriegelt hat, wir sollten uns einen Weg hineinschlagen, vielleicht stoße man innen auf den ursprünglichen Trampelweg. Nach einer weiteren Stunde sind die vier Männer zwölf Meter in den Wald vorgedrungen, zwölf Liter Schweiß haben den Boden getränkt. Und endlich stellt einer die entscheidende Frage: "Was hat das mit Beauty zu tun?"

Im Wald brauchen Botaniker Feuerwaffen

Sehr viel, ja doch: Seit 15 Jahren forscht Bruno Bordenave im Regenwald von Französisch- Guyana, dem europäischen Außenposten in Südamerika. Ein zusammenhängendes Stück Regenwald bedeckt 90 Prozent des kleinen Landes, sodass man beim Anflug auf die Hauptstadt Cayenne meint, auf einem gigantischen Brokkoli zu landen - jeder Urwaldriese ein Röschen, und die Röschen so dicht aneinandergedrängt, dass an vielen Stellen noch nicht einmal ein Prozent des Sonnenlichts den Boden erreicht. In diesem Dickicht hat Bordenave seine Diplomarbeit über wirkstoffaktive Pflanzen recherchiert, danach engagierte sich der Franzose für die Erhaltung des Regenwaldes. Er erklärte Goldsuchern, wie Bodenschätze geborgen werden können, ohne mit Quecksilber die komplette Infrastruktur des Waldes auszulöschen. Vor einigen Jahren kam dann jener Anruf, der Bordenave auf den Pfad der Schönheit führte: Die Firma Clarins, mit 900 Millionen Euro Umsatz ein dicker Fisch auf dem Kosmetikmarkt, fragte, ob Bruno mal nach Pflanzen schauen könne, die sich segensreich auf Haut und Haar auswirken können. Deshalb sind wir hier: Bruno Bordenave will uns zeigen, was er gefunden hat.

Immerhin kommen wir jetzt hinein, nicht weil sich das Grün plötzlich gelichtet hätte, sondern weil der Pfad schlicht 200 Meter weiter vorn lag als angegeben. Kaum im Wald, gibt es einen Knall. Paul Benjamin, unser Guide, hat eine seltene Blüte entdeckt, allerdings in 60 Meter Höhe auf einem Urwaldriesen - und eiskalt erlegt. Die Blüte fällt ihm wie eine tote Ente vor die Füße - Bruno klaubt sie gleich auf, nachher will er sie ins Herbarium bringen, die örtliche Schatztruhe der Botaniker. Dschungellektion eins: Im Wald brauchen Botaniker Feuerwaffen. Für das, was Bruno uns zeigen will, braucht es kein martialisches Gerät. Der Bocoa-Baum steht fest auf der Erde, verwendet werden Blätter und Rinde. Seine Wirkung? Bruno, erklär du das mal: "Ein indianischer Guide erzählte mir, dass die Frauen seines Stammes aus Rinden und Blättern des Baumes einen Sud kochen. Wenn die Männer müde von der Arbeit im Wald nach Hause kommen, reiben sie sich nach dem Waschen mit dem Sud ein. Am nächsten Morgen sind sie wieder fit." Bordenave probierte aus, fühlte sich wie neugeboren und schickte nun Proben nach Paris. Sicher war er ohnehin: Bis heute mixt er eine Bocoa- Lösung in sein Shampoo. Wohl deshalb hat Bruno so tolles Winnetou-Haar: Schwarz, glänzend, beneidenswert gesund schaut es aus.

Bocoa - die Allzweckwaffe

In Paris wartete ein kleiner Franzose auf die Pflanzen aus dem Regenwald. Lionel de Benetti ist knapp über 60 Jahre alt, er herrscht über die klinische Laborwelt, in der die teuren Cremes hergestellt werden - interessanterweise hat er eine Haut, der man ansieht, dass der Mann aus einer armen italienischen Immigranten-Familie stammt und mit Hautpflege lange Zeit seines Lebens herzlich wenig zu tun hatte. De Benetti hat Humor - er nennt Bruno ständig den "Indiana Jones der Kosmetik" -, ist aber kein Berufsoptimist: "Ich war bei Bocoa nicht besonders zuversichtlich, immerhin schaffen es nur zwei von 100 Pflanzenproben in die engere Auswahl." Aber Brunos Baum erwies sich als kosmetische Allzweckwaffe: De Benettis Leute identifizierten per Chromatografie in der Rinde und den Bocoa-Blättern ein Anti-Elastase- Enzym; es verhindert das vorzeitige Erschlaffen der Haut - für einen Kosmetikhersteller ein Volltreffer. Des Weiteren erwies sich der Extrakt als sehr wehrhaft gegen die Freien Radikale, jene Moleküle, die im Verbund mit Umweltgiften die Haut ernsthaft kaputtmachen können.

Bocoa hilft gegen eine Menge - die Produkte der Bocoa-Reihe tragen bei Clarins deshalb den Untertitel "Multi-Regenerante". Zudem ist Bocoa-Extrakt sehr stark, weshalb Clarins davon nur etwa 500 Kilo pro Jahr für die weltweite Herstellung braucht - von der "Multi-Regenerante"-Serie wurden 2006 weltweit 3,5 Millionen Tiegel verkauft. Weil Bocoa aber ein sehr langsam wachsender Baum ist - für die volle Höhe braucht er 200 Jahre -, versucht Clarins rechtzeitig von Straßen- oder landwirtschaftlichen Rodungen zu erfahren; meistens werden dort ohnehin Bocoa-Bäume gefällt. Wenn man mit Herrn de Benetti redet, dämmert einem, weshalb die Clarins-Cremes preislich nicht jedermanns Sache sind, ein Tiegel kostet immerhin um die 70 Euro. Bis zur Marktreife werden die edlen Beauty- Produkte denselben Allergie- und Hautverträglichkeitstests unterworfen wie Medikamente - im Fall von Clarins allerdings seit 15 Jahren ohne Tierversuche, was die Sache noch teurer macht. Am Ende steht ein Patentverfahren, um den Aufwand abzusichern - und das Attribut "exklusiv" mit Inhalt zu füllen.

Nie Holz in ein Wespennest werfen

Besonders ist auch Brunos Ausbeute für Clarins, denn Bocoa ist nicht die einzige Pflanze, die er gefunden hat. Bei einer anderen, in Stromschnellen wachsenden Pflanze hatte der Franzose beobachtet, dass die auch überlebte, wenn die Flüsse wochenlang austrockneten - "mourera fluviatilis" entpuppte sich als Feuchtigkeitsspender für die Haut. Heute allerdings hat Bruno im Wald noch keinen Bocoa-Baum gefunden, Kunststück: Hier stehen auf 100 mal 100 Metern etwa 1200 verschiedene Baumarten, und weil der Bocoa-Stamm einfach nur braun aussieht, muss Bruno suchen. Und hat Zeit, Journalistenfragen zu beantworten: "Was ist im Dschungel am gefährlichsten?" Antwort: "Herabfallende Äste." - "Warum hat diese Pflanze Blätter wie Luftkissen?" Antwort: "In den Luftkissen leben Ameisen. Die Pflanze beherbergt sie, dafür verteidigen die Ameisen sie gegen Blätterfresser." "Bruno, wir haben kein Wasser mehr. Wo gibt’s was zu trinken?" Bruno schaut sich kurz um, greift sich dann eine Liane, schlägt ein meterlanges Stück mit der Machete ab. Hält das Stück senkrecht über den Kopf und trinkt das herausplätschernde Wasser - das locker für den Durst von drei Personen reicht.

Ein Dschungelbesuch mit Bruno kriegt schnell etwas sehr Sakrales: Die Bäume stehen erhaben wie Kathedralen, Bruno ist ihr Hohepriester - und selbst eingefleischte Atheisten glauben nach ein paar Stunden in diesem Wald an den göttlichen Funken in dieser Schöpfung. Wahrscheinlich ist auch der große Lenker dafür verantwortlich, dass das Unternehmen Bocoa nach vier Stunden Marsch und abermals gefühlten drei Litern vergossenen Schweißes zu einem guten Ende gelangt: "Da ist einer!", ruft Bruno triumphierend, und wirklich, den Baum hätten wir in diesem Dickicht nie gefunden: Braun von außen, hell von innen, die Blätter ... na ja, grün halt. Bruno und Paul bauen schnell einen Behelfstrockner auf, schließlich sollen ein paar Blätter ins Herbarium: Flugs ein paar junge Bäume abgeholzt und angespitzt, ein Stück Maschendraht dazwischengespannt, Zeltplane außen rum und drunter ein Gaskocher - der erste Schritt zur Verarbeitung ist getan. Beim Abbauen geht alles ganz schnell: Paul wirft achtlos ein Stück Holz ins Gestrüpp, dann ein Schrei, dann kommt Bruno schon mit aufgerissenen Augen angehastet, und es ist Zeit für die beiden letzten Dschungellektionen: 1. Nie Holz in ein Wespennest werfen. Sonst muss man rennen. 2. Rennen im Urwald ist blöd. Hat auch nichts mit Beauty zu tun.

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